Kein Platz für Musik

Rund 300 Dresdner Künstlerinnen und Künstler müssen ihr Heim verlassen

Auch sie müssen raus: Hellsing Syndrome in ihrem Noch-Proberaum. Foto: Norbert Scholz

Schon seit Jahren ist es für Dresdner Künstlerinnen und Künstler – und speziell aus dem Genre Musik – ein großes Problem, Frei- und Proberäume zu finden. Umso schockierender war es für die Mieter im Gebäude der Wetterwarte 60, am Flughafen gelegen, als Mitte Januar 2021 zahlreiche Kündigungsschreiben im Briefkasten landeten. Die Dresdner Bauhaus AG ist seit einiger Zeit Besitzer des großen Areals, das in den 1930er-Jahren Teil der Luftkriegsschule Klotzsche war. Hier gibt es Proberäume, die man sich leisten kann. Nun will man grundlegend renovieren und neu vermieten. Da es sich um Gewerbemietverträge handelt, beträgt die Kündigungsfrist nur einen Monat. Schon Ende Februar hätte man also räumen müssen.

Das bedeutete für die rund 150 Bands und knapp 300 Nutzer die absolute Katastrophe, denn so ein Proberaum ist nicht nur der Ort zum Üben, sondern auch Lagerfläche, Kreativbereich und oft auch Aufnahmestudio. So wie für Marcus Bernhardt (37), der seit 20 Jahren als Musiker tätig ist und seit 2006 im Haus arbeitet. Dort ist er nicht nur mit seinen Bandkollegen Marc Lösche (36) und Günni (35) von Hellsing Syndrome aktiv, sondern arbeitet als Selbstständiger im Tonstudio neben dem Proberaum für Musik-Workshops, die er begleitet.

Erst Frust, dann Aufbruch

Martin Lange (42) ist ebenfalls einer der Betroffenen. Seit 15 Jahren ist er als Musiker und Motorradbastler in der Wetterwarte. So trifft ihn die Situation doppelt. Bis zu diesem Datum gab es bereits eine Facebook-Gruppe »Proberäume Klotzsche«, die aber nur unregelmäßig genutzt wurde. Innerhalb kürzester Zeit fanden sich dort aber viele neue Musiker, um ihren Frust kundzutun. »Es wurde wild geschimpft und nach Lösungen gerufen. Es wurde notwendig, dass aus dem Bund der Gruppenmitglieder einige bereit waren, das Zepter in die Hand zu nehmen«, sagt Lange. So wurde ein kleines Komitee aus einem knappen Dutzend Betroffener gegründet, die als Sprachrohr der Gekündigten auftreten. Man suchte Kontakt zum Vermieter, zur Presse und zu Politikern. Und überraschenderweise fand man Gehör: Dresdens Kulturbürgermeisterin, Annekatrin Klepsch, begab sich als Moderatorin zwischen die Parteien und es konnte ein kurzfris-tiger Erfolg verkündet werden: Die Kündigungsfrist wurde verlängert, bis zum Ende des Jahres 2021 können alle Mieter vorerst im Haus bleiben. Was so erbaulich klingt, ist aber nur ein kleiner Tropfen auf den heißen Stein, denn weder Vermieter noch Stadt können neue Proberäume in ein paar Monaten herbeizaubern. Und so suchen alle Mieter bereits nach neuen Räumen in einer Stadt, die sich zwar gern in ihrer barocken Hochkultur sonnt, aber »Subkultur« äußerst stiefmütterlich behandelt. Erinnert sich noch jemand an die »Kreativraumagentur«? Die wurde vor drei Jahren gegründet, um zwischen Angebot und Nachfrage von freien Räumen zu vermitteln. Der letzte einsame Eintrag der Homepage datiert vom letzten Jahr.

Wie viel Platz braucht Dresdens Musikszene?

Ein weiterer Mitstreiter für sich und andere Musiker, ist Michael Böhm (32). Normalerweise probt er mit seinen Bandkollegen einmal pro Woche am Flughafen. »Nach dem ersten Schock sind wir nun bemüht, Lösungen zu finden. Dabei stehen wir mit der Stadt, aber auch unserem Vermieter in Kontakt. Alle sollen und wollen prüfen, welche Liegenschaften zur Verfügung stehen«, sagt er. »Mit der Gründung des Vereins ›Spielräume Dresden‹ wollen wir ein Ansprechpartner für alle Interessenten und Vermieter sein, denn das ist attraktiver, als 100 einzelne Bands zu koordinieren.« Denn mit dem Objekt Wetterwarte verlieren professionelle Musiker, Selbstständige, Hobbybands und bildende Künstler ihr Zuhause.

Im Moment gibt es sehr wenige freie Räumlichkeiten in Dresden, die bezahlbar, beheizt und ausreichend lärmgedämmt sind. Nach eigenen Berechnungen des »Komitees« fehlen rund 1.500 Quadratmeter Probe- und Kreativraumfläche. Deshalb soll mit dem Projekt des Spielräume e. V. endlich ein langfristiges Forum in der Stadt geschaffen werden. Wer also ebenfalls auf der Suche ist oder einen ungenutzten, trockenen Keller, geeignete Büroräume oder gar ein ganzes Gebäude hat, wende sich an www.spielraeume-dresden.de.
Norbert Scholz