Licht am Ende des Tunnels

In Regensburg gewinnt Dynamo Dresden nach 100 Jahren wieder auswärts

Foto: SG Dynamo Dresden

Die Spirale vor diesem Freitag zeigte klar nach unten. Eine Serie von Pleiten, Pech und Pannen sowie einer ordentlichen Prise VAR riss die Sportgemeinschaft bis auf sechs Punkte Relegationsabstand. Was tun?, sprach nicht nur Zeus. Dynamo fand auf diese Frage letztendlich eine Antwort, wenn auch auf nervenaufreibenden Umwegen.

Die erste Halbzeit: Nur dabei statt mittendrin

Weiß eigentlich jemand, wie groß der Mantel des Schweigens ist? Sollte er die Ausmaße eines Fußballfeldes haben, dann wäre das sprichwörtliche Kleidungsstück in Regensburg dringend notwendig gewesen. Und rückblickend mag man den etwas genervten Pressekonferenz-Auftritt von Markus Kauczinski vor dem Spiel verstehen, als er in etwa meinte, er wolle nicht vorab immer etwas ansagen müssen. Wie oft hat man bei diesen Terminen das Gefühl: Klappe halten, einfach Fußball spielen? Meistens. Möglicherweise hat der Trainer auch geahnt, dass hier nicht von Anfang an alles besser wird. Wurde es auch nicht.

Aber erstmal ging Kauczinski vorn volles Risiko. Eine komplette Neuzugangsoffensive stand auf dem Platz: Simon Makienok, Patrick Schmidt, Godsway Donyoh und als Zehn Josef Hušbauer. Da Patrick Ebert angechlagen fehlte, rückte Dženis Burnić neben René Klingenburg auf die Sechs. Hinten alles wie gehabt. Nun gab es zwei Möglichkeiten: Hopp oder top. Es war: Flop.

Dabei waren noch keine fünf Minuten gespielt, da glaubte man zu sehen, wie es hier und heute laufen soll: Über die Seiten an den Sechzehner, Flanke rein, Makeniok zeigt wahre Größe. So also macht es Wahlqvist, doch der dänische Riese köpft drüber. Und dann: nix. Nur noch Regensburg. Kevin Broll und seine beiden IVs bekommen nun jede Menge zu tun, weil vor und neben ihnen ein MIx aus Willen- und Körperlosigkeit herrscht. Und ausgerechnet Klingenburg, der den Kampf voll annimmt, leistet sich immer wieder haarsträubende Ballverluste, die zu Gegentoren hätten führen können. Führten sie aber nicht, weil andere ausputzen, Broll da war oder die Bayern zu schlecht agierten.

Und offensiv? Makeniok erreichen die langen Bälle, aber mit seinen Ablagen mag niemand etwas anfangen. Die Abstimmung mit Schmidt ist fehlerbehaftet, Donyoh läuft so mit, und von Hušbauer kommen nicht die Schnittstellenpässen, die man sich von ihm erhofft, auch, weil die Laufwege nicht stimmen oder unklar sind. Kein Wunder, dass immer wieder Bälle im Niemandsland herumkullern.
Fazit: Das wird nix mehr, das wird das Abstiegspiel. Wo ist der Mantel des …

Die zweite Halbzeit: Einen Schritt zurück, zwei nach vorn

Der Trainer schickt nun Ondrej Petrak auf das Grün für den unglücklich agierenden Klingenburg. Und was auch immer Kauczinski seinen Buben in den mentalen Tee getan hat, es wirkt ein wenig. Im Spiel herrscht etwas mehr Sicherheit, es gibt mehr Zug nach von, es zeigen sich Ansätze von Ideen – und alle laufen mehr. Nimmt man nur mal den SGD-Debütanten Donyoh: In der ersten Halbzeit kaum zu sehen, nimmt er jetzt am Spiel teil. Er macht nichts Spektakuläres, hat aber immer öfter den Blick für die Situation, spielt den sicheren Pass zum Nebenmann, hat aber köperlich noch nicht den Durchsatz und im Rückwärtsgang weiß er manchmal nicht, wohin er hinlaufen soll. Allerdings irrt auch Hamalainen immer wieder herum, was eine Abstimmung mit ihm schwierig macht.

Aber es ist nun ein Fußballspiel mit allem Hin und Her, mählicher Gefahr auf beiden Seiten. Aber dann wieder sowas: Weder Schmidt noch Wahlqvist können eine Flanke verhindern, Ballas bekommt den Ball ans Bein, von dort springt er – natürlich – zum Gegner, der in dem Fall Wekesser heißt. Der zieht stramm ab und versenkt ins untere rechte Eck. Es sind zwar noch 23 Minuten Minimum Zeit, aber mit den Nackenschlagserfahrungen der vergangenen Spiele im Kopf war es das wohl. Denkt man. Denkste.

Nur sieben mal 60 Sekunden später passiert das Unfassbare. Brian Hamalainen, seit Spielen eher ein Unsicherheitsfaktor, fängt einen hohen Ball vor dem eigenen Strafraum ab, spielt nach vorn zu Donyoh und sprintet selbst an der Seitenlinie durch. Donyoh wiederum  macht das, was er gut kann: laufen und im richtigen Moment abspielen. So bekommt der kantige Däne das Leder zurück in den Fuß, setzt sich mit Wucht gegen Saller durch und schickt dann das Runde per Dropkickstrahl nach innen. Dort klebt nicht einer, nein, auch noch ein zweiter Regensburger an Patrick Schmidt, aber wo ein Wille ist, ist ein Weg und mit Schmackes kracht die dynamische Neun das Ding flach ins Tor. Einszueins. Und kein Videoschriri greift ein.

Jeder Fan kennt nun diesen Zustand zwischen Hoffnung und Bangen. Was tun mit so einem Remis? Geht da noch was? Was aber, wenn die anderen …? Man mag es nicht zu Ende denken. Doch Zeit bekommt man nicht zum Denken, denn hier fallen die Tore jetzt im Sieben-Minuten-Abstand.

Schwarzgelb will es jetzt doch wissen, Wille und Hoffnung sind da, ein Punkt nutzt ja nichts. Also irgendwie festspielen in der anderen Hälfte. Da meint Burnic: Aus der Mitte entspringt ein hoher Ball – nach außen auf Donyoh. Fast schon artistisch spielt der Ghanaer direkt in den Strafraum, wo wieder Schmidt lauert. Dann gibt es dass, was man ein Kuddelmuddel nennt:  Erst klärt Correa knapp vor Schmidt, dann kommt der SGD-Stürmer doch noch an den Ball, Nachreiner grätscht dagegen und auf einmal ist das Spielgerät (Sport-im-Osten-Sprech) sechs Meter vor dem Tor frei. Wer will noch mal, wer hat noch nicht? Die Antwort: Simon Makienok! Der Hüne schaltet am schnellsten, kommt angerauscht und donnert den Ball aus der Halbdrehung mit allem was er hat in die Maschen. Es scheint so, als lägen auch der Ärger über rote Karte und die Drei-Spiele-Sperre in diesem Wuchtmoment. Alle drehen ab, alle drehen durch, aber noch sind 13 Minuten plus zu gehen.

Regensburg versucht es jetzt mit Hochundlang, aber da sind Ballas und Nikolaou nicht mehr zu bezwingen. Löwe kommt für den ausgepumpten Donyoh. Vier Minuten Nachspielzeit. Als die anbricht, geht Burnic für – yeah, he is back! – Marco Hartmann. Und der so schmerzlich vermisste Ex-Kapitän sorgt für einen der schönsten Momente im Spiel: Als er kurz vor Schluss einen Angriff nach langem Sprint unterbindet und so für eigenen Ballbesitz sorgt, ballt er hochemotional die Faust inmitten seiner Mitspieler, feuert an, reißt mit. „Where is the leader who leads me«, fragten einst Wolfsheim. Genau hier, sein Name ist Hartmann.

Kurz darauf ist Schluss. Mit Glück, Spucke und am Ende auch Willen gewinnt Dynamo Dresden ein Spiel, von dem der Jahn nicht weiß, wie er es verlieren konnte. Parallel unterliegt der KSC in Nürnberg. „Dritte Liga, scheißegal“ verstummt für den Moment. Aber: Will man diesen Dreier gegen den Schacht vergolden, muss, alles, wirklich alles noch viel besser werden. Aber das Licht am Ende des Tunnels ist wieder zu sehen. Hoffen wir, frei nach Enno Bunger, dass es nicht kaputt ist.
Uwe Stuhberg

Jahn Regensburg vs. SG Dynamo Dresden

28. Februar 2020, Anstoß: 18.30 Uhr
Ergebnis: 1:2
Tore: 1:0 Wekesse (63.), 1:1 Schmidt (70.), 1:2 Makeniok (77.)
Dynamo Dresden: Broll, Wahlqvist, Ballas, Nikolaou, Hamalainen, Klingenburg (46. Petrak), Hušbauer, Burnic (89. Hartmann), Donyoh (80. C. Löwe), Makeniok, Schmidt
Ohne Einsatz: Wiegers, Kreuzer, Horvath, Kulke, J. Löwe, Jeremejeff
Schiedsrichter: Guido Winkmann
Zuschauer: 11.309
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