Lovedance
Die Tanzplattform bewegt Dresden
Vom 11. bis 15. März findet in Dresden zum bereits zweiten Mal die Tanzplattform Deutschland statt. Alle zwei Jahre präsentiert sie in einer anderen Stadt die bemerkenswertesten deutschen Tanzproduktionen.In dieser Ausgabe sind es Stücke, die zwischen September 2023 und August 2025 in Deutschland uraufgeführt wurden. Im Statement der Jury vom Dezember 2025 heißt es dazu: »Jede Stückauswahl der Tanzplattform Deutschland 2026 ist ein Beispiel für die Vielfalt und den Reichtum der gesamten zeitgenössischen Tanzszene. Unser Wunsch ist es, die Stärke, Komplexität und Schönheit der Tanzstimmen und ihrer Ausdrucksformen ins Zentrum zu rücken und auch für ihre weitere Unterstützung zu werben. Zugleich laden wir dazu ein, unsere Körper zu versammeln, uns gemeinsam zu bewegen und damit gemeinsam Hoffnung zu praktizieren.«
Hoffnung oder die Abwesenheit von Hoffnung
Die SAX unterhielt sich über den aktuellen Stand in HELLERAU, das die diesjährige Tanzplattform veranstaltet, mit dem Leitungsteam Elisabeth Krefta und Christoph Bovermann. Letzterer war als künstlerischer Projektleiter auch Mitglied der Jury: »Die Auswahl zeigt die Vielfalt der Szene. Es war beeindruckend zu sehen, wie stark die Tanzszene in Deutschland ist und überraschend, dass sie derzeit auch noch mit vielen großen Produktionen aufwartet. Bisher sind künstlerische Einbußen durch finanzielle Einschränkungen noch nicht sehr stark wahrzunehmen. Im Zeitraum der Juryauswahl wurde aber auch klar, dass aktuelle Prozesse wie anstehende Budgetkürzungen die Tanzlandschaft verändern werden, dass wir Gefahr laufen, die thematische Vielfalt und künstlerische Eigenständigkeit zu verlieren.« Von der Jury wurden aus 550 Sichtungen 13 Produktionen ausgewählt. »Das Thema Hoffnung oder eben die Abwesenheit von Hoffnung gaben den Grundton vieler Produktionen vor. Dazu gehörten abgründige, fatalistische Inszenierungen mit dunklen, bedrückenden Bildern. Oder eben die positiven, optimistischen Haltungen, die einen Ausweg aufzeichnen.« Ein stark vertretenes Thema war die Barrierefreiheit und Zugänglichkeit der Tanzkunst für alle. Es ist vorauszusehen, dass gerade diese erfolgreiche Entwicklung durch Kürzung von Fördermitteln abgebrochen wird. Und es gab mehr Produktionen, die das Publikum mit einbeziehen, durch direkte Interaktion oder überbordende Lust an Körperlichkeit und Emotionen. »Einige der aktuellen Themen und Anforderungen der Szene werden die einzelnen Jurymitglieder zur Tanzplattform im Format ›Soft Space‹ vorstellen und mit dem Publikum diskutieren«, so Christoph Bovermann.
Wie läuft die Tanzplattform 2026 in Dresden ab?
Die Grundstruktur der im Zweijahresabstand stattfindenden Tanzplattform ist mit öffentlichen Aufführungen und einem Beiprogramm für das Fachpublikum vorgegeben. HELLERAU als Veranstalter kann dabei auf die Erfahrungen der elf Ko-Veranstalter:innen zurückgreifen, die die vorangegangenen Plattformen ausrichteten. Partner sind außerdem das ITI Deutschland und das Goethe-Institut. In Dresden 2026 gibt es mit dem Programmpunkt Plattform Plus vielleicht mehr offene Publikumsformate, da HELLERAU selbst über unterschiedlichste Orte fürs Zusammenkommen verfügt und im neu eröffneten Ostflügel auch das Festivalzentrum beherbergt. Ein Muss für alle Tanzbegeisterten ist sicher das gemeinsame Training mit The Saxonz beim täglichen »Morning on Fire«, das bei jedem Wetter am Goldenen Reiter stattfindet. Ohne Anmeldung und Eintritt kann man in HELLERAU auch die Installation »Resonanzraum« anschauen, die die Entstehung und Geschichte der Tanzplattform beleuchten wird. Und dann sind für das Vorstellungsprogramm ja alle großen Dresdner Bühnen eingebunden, was eine hohe Platzkapazität garantiert und das Festival über das ganze Stadtgebiet erlebbar macht: von HELLERAU (wo allein 19 Veranstaltungen stattfinden) über das Kleine Haus und das Schauspielhaus bis zum tjg und zur Staatsoperette. Finanziert wird die Tanzplattform durch Mittel vom Bund und vom Land sowie aus Eigenmitteln der jeweils ausrichtenden Stadt. Elisabeth Krefta, künstlerische Produktionsleiterin in HELLERAU, ist sehr froh, dass es nach zweieinhalb Jahren Vorbereitungszeit nun endlich losgeht. HELLERAU will sich in den fünf Tagen einmal mehr als Ort der Begegnung und Offenheit präsentieren. »Wir freuen uns auf alle, die zu uns kommen, als Künstler:innen, Fachpublikum oder tanzbegeisterte Zuschauer:innen. Gemeinsam kann in HELLERAU auch ordentlich gefeiert werden. Für Catering durch den lokal ansässigen Partner und für zusätzliche Food Trucks auf dem Vorplatz ist auf jeden Fall gesorgt. Akkreditiert sind für die Tanzplattform 2026 etwa 400 Fachkolleg:innen aus dem In- und Ausland, was zusammen mit den zu beherbergenden Companies mit Übernachtungen und Versorgung für die Hotels der Stadt auch einen schönen zusätzlichen Wirtschaftseffekt bringt.«
Ist die Dresdner Tanzszene auch präsent?
Christoph Bovermann: »Unter den ausgewählten Produktionen findet sich auch das Duett ›The Children of Today‹. Wir sind sehr froh, dass wir die Inszenierung des mit Pinkmetalpetal Productions in Dresden ansässigen Choreografen und Tänzers Charles A. Washington im Nancy-Spero-Saal mehrmals zeigen können.« Neben den 13 Produktionen der Tanzplattform Deutschland 2026 hat die Jury auch zehn weitere Choreograf:innen eingeladen, an zwei aufeinanderfolgenden Tagen im Societaetstheater ihre Arbeit in Pitching Sessions dem Fachpublikum zu präsentieren. Darunter ist die auch in Dresden produzierende Polymer DMT. Und zum »Late Night Special« im Societaetstheater laden Interventionen von Künstler:innen der Dresdner Tanz- und Performance-Szene die Fachbesucher:innen ein: mit »Beiträgen, die die klassische Bühne hinter sich lassen und als Happenings, Flashmobs oder ortsspezifische und Durational Performances neue Räume erobern«. Auch die Villa Wigman ist zumindest als Ort der Dresdner Tanzgeschichte präsent, hier wird es ein Meeting für Tanzproduzent:innen geben sowie eine Führung.
Was sind Empfehlungen für Kurzentschlossene?
Das Interesse in der Stadt ist groß. Der Vorverkauf läuft schon sehr gut an, viele Vorstellungen sind bereits ausverkauft. Eine temperamentvolle Produktion erwartet das Publikum gleich am Eröffnungstag in der Staatsoperette. »Until the Beginnings« ist eine kraftvolle Inszenierung zweier Choreografinnen, die acht Tänzer:innen aus Senegal, Deutschland und Frankreich mit Musiker:innen aus den Bereichen Percussion und Spoken Word zu einem Dialog über Gastfreundschaft zusammenführen (11./12. März). Das erste Tanzgastspiel im Großen Saal in HELLERAU ist »Reparation Nation« – eine Produktion von Künstler:innen aus Afrika und der afrikanischen Diaspora in Hamburg gemeinsam mit Musikerinnen aus Deutschland. »Eine Zukunftsvision, die europäische Wahrnehmungen afrikanischer Geschichten herausfordert und zugleich das Theater selbst als Zufluchtsort der Heilung, als Ritual der Erinnerung und als Keimstätte der Transformation begreift.« (12./13. März). Beim Abschlussgastspiel »Lovedance« von Katharina Senzenberger im Großen Saal von HELLERAU (14./15. März) fliegen die Körper durch die Luft auf der Suche nach leidenschaftlicher Zweisamkeit und maximaler Aufrichtigkeit. Möge der Funke überspringen.
Isolde Matkey
Tanzplattform Deutschland 11.bis 15. März, Festspielhaus Hellerau, Kleines Haus, Schauspielhaus, tjg, Staatsoperette und andere Orte.
www.hellerau.org und www.tanzplattform2026.de
