Mitreißend

Christian Thielemann schließt mit der Staatskapelle den Beethoven-Zyklus ab

Christian Thielemann. Foto: Matthias Creutziger

Mit dem Eröffnungskonzert der Staatskapelle für die neue Saison schloss Christian Thielemann mit der Staatskapelle Dresden den im Jahr 2019 begonnenen Beethoven-Zyklus ab. Zum Abschluss standen die beiden letzten Sinfonien Beethovens auf dem Programm, die 8. und die 9.  Die Aufführung beider Sinfonien an einem Abend ist selten, stammen sie doch aus unterschiedlichen Schaffensperioden und weisen ganz verschiedene Charakteristika auf. Während die 8. Sinfonie 1812 als Opus 93 die 12-jährige Periode abschließt, in der alle anderen Sinfonien Beethovens  entstanden und wenn, dann meistens zusammen mit ihrer Zwillingssymphonie, der 7. Sinfonie, op. 92, aufgeführt wurde, ließ sich der Komponist mit der 9. Sinfonie noch einmal 12 Jahre Zeit.

Die 8. Sinfonie wurde von der Kritik des frühen 19. Jahrhunderts verkannt („Das Werk macht keine Furore.“). Diese Einschätzung hat sich längst gewandelt. Die Sinfonie ist sogar revolutionär, indem sie trotz viersätziger Anlage keinen langsamen Satz, üblicherweise im Adagio, aufweist. Der dafür üblicherweise gewählte 2. Satz ist hier ein bewegtes Allegretto scherzando. Der Komponist brennt ein durchgängiges Feuerwerk ab. Die Sinfonie weist auch keinerlei Anflüge von Trauer auf, wie sie noch bei der 7. Sinfonie wahrnehmbar sind, sondern stürmt fröhlich, bisweilen humorvoll persiflierend vorwärts. Dabei ist sie aber durchaus kontrastreich. Bereits der Eingangssatz hält sich nicht mit einer Einleitung auf, sondern beginnt gleich mit dem Hauptthema und stellt ihm sogleich ein kontrastierendes Nebenthema an die Seite. Der mit nicht einmal 100 Takten unüblich kurze 2. Satz kommt mit einem Thema, das aber allerliebst klingt, aus. Der dritte Satz ist nicht – wie üblich – als Scherzo ausgelegt, sondern kommt wie ein Menuett daher, gravitätisch dahintänzelnd und man meint, Haydn durchhören zu können. Höhepunkt ist wie bei der Vorgänger-Sinfonie der Schlusssatz, ein Allegro vivace.  Das spritzige Hauptthema wird immer wieder durch aufkommende kurze Seitenthemen, gelegentlich auch nur durch wie ein Spuk dazwischenhuschende Kürzest-Themen „attackiert“, die aber ebenso schnell wieder verklungen sind, wie sie auftraten. Noch einmal wird das Hauptthema gespickt mit überraschenden Einfällen wiederholt, ehe dann der breit angelegte Schlussteil beginnt, der ebenfalls ausgelassen dahinstürmt. Thielemann ließ die Staatskapelle den 2. Satz weich und betont langsam nehmen, auf diese Weise das sonst an dieser Stelle befindliche Andante nicht vermissen lassend. Auch der Übergang zum 3. Satz geriet weich. Nach dem fast spöttisch erscheinenden Menuett-Satz folgte dann im 4. Satz ein grandioses Beethoven-Finale. Aber Thielemann wäre nicht Thielemann hätte er nicht darauf geachtet, dass bei allem vivace auch die harmonischen Anschlüsse ebenso sauber herausklangen wie auch die von Beethoven vorgesehene Versetzung der Tonarten.

Die 9. Sinfonie wies stilistisch bereits in einen neue Zeit der Komposition, was bei den zeitgenössischen Kritikern teils bewundernde Zustimmung, teils aber auch Ablehnung hervorrief. Bereits die dem Eingangssatz quasi vorgeschaltete Schein-Einleitung durch Quinten im pianissimo, immer eine Spezialität der von Thielemann erzogenen Orchester, verweist auf etwas Neues. Umso faszinierender wird dann aus dieser Schein-Einleitung als Keimzelle die Thematik des 1. Satzes entwickelt. Durch einen Ausbruch ab dem 16. Takt verdrängt das Hauptthema den Schleier und sinkt aber dann nach weiteren 19 Takten erst einmal wieder in sich zusammen. Nimmt einen neuen Anlauf, sinkt wieder in sich zusammen. Es folgen weitere – freundlichere – Themen. Sie scheinen auf und verblassen wieder. Wunderschön, wie das Horn in einer herrlichen Melodie den Versuch unternimmt, von moll nach Dur hinüberzugleiten. Erneuter Zusammenbruch bevor dann das bereits bekannte Hauptthema sich aus einer traurigen marschähnlichen Weise erhebt und sich gegen gewaltigen Ansturm behauptend doch noch den Sieg davonträgt. Im 2. Satz, einem großangelegten Scherzo, dominiert oberflächlich eine fröhliche Stimmung. Assoziationen an ländliche Stimmung, teilweise nachvollziehbar als „Rüpeltanz“ bezeichnet, kennzeichnen die Motive dieses Satzes. Der 3. Satz bietet dann in einem Adagio molto e cantabile einen friedvollen Kontrast. Auch hier steigt aus den singenden Geigen ein neues Thema auf, das aber milde harmonisch sich anschließt. Die Themen alternieren noch ein paar mal. Dann erfolgt wie ein wake-up-call zu Beginn des 4. Satzes ein Presto, das aus der Sanftheit des 3. Satzes herausreißt. Wie fernes Erinnern folgen Zitate verschiedener Themen der ersten drei Sätze. An diese Zitate schließt sich – zunächst leise durch die Oboen angestoßen, dann von den Bässen aufgegriffen – bereits das Thema des Finales also der – auszugsweisen - Vertonung der „Ode an die Freude“ Friedrich Schillers an.  Auch die anderen Instrumente nehmen es auf, bevor ein schwungvolles Fugato in das Thema des Satzanfangs mündet und die Zitate-Phase abschließt. An dieser Stelle interveniert der Bariton „O Freunde, nicht diese Töne! Sondern lasst uns angenehmere anstimmen und freudenvollere!“ Der nun beginnende 2. Teil des Finalsatzes ist selbst wieder als viersätziger Spiegel der früheren Sätze angelegt mit den Abschnitten „Freude“, „Froh wie seine Sonnen“, „Seid umschlungen“ und „Freude“. Abwechselnd die Solisten, einzeln, als Duett oder Quartett und den Chor einbindend steigert sich die Lobpreisung zu einem mitreißenden Finale. Die Stimmung, die dieses mitreißende Finale vermittelt, mag ein Spiegelbild der Empfänglichkeit Beethovens für die aufklärerischen Gedanken der Ode sein. Im Begleitheft fand sich leider kein Hinweis auf den Dresden-Bezug dieses Werkes: Der in Geldnöten befindliche und eine Zeit auf Einladung seines Freundes Theodor Körner in Dresden weilende Schiller, schrieb diese Ode als vom Freimaurer Körner vermitteltes Auftragswerk für die Dresdner Freimaurerloge „Zu den drey Schwertern und Asträa zur grünenden Raute“, die als ursprünglich zweitälteste Loge in Deutschland nach 1990 wiederbelebt heute unter ihrer alten Matrikel-Nummer 3 registriert ist und im neuen Logenhaus in der Tolkewitzer Straße arbeitet. Wesentliche Teile der Ode entstanden in einem Gartenhäuschen, das Körner seinem Freund Schiller für seine Arbeit überließ und das es heute noch gibt.

Christian Thielemann ließ die Staatskapelle das Werk stürmischer beginnen, als man es sonst gewohnt ist. Das fiel in besonderem Maße im dritten Satz auf. Der Wohlklang wird genauso erst erarbeitet wie die tragende Melodik. Die Sinfonie als Weg zum Ziel des Schlusschorals war die herauszuhörende Leitschnur dieser Interpretation. So entstand gerade auch im Vergleich zu den beiden Referenzaufnahmen des Autors, dem Wiedereröffnungskonzert der Bayreuther Festspiele nach dem 2. Weltkrieg unter Wilhelm Furtwängler und der preisgekrönten Einspielung der Wiener Symphoniker unter Karl Böhm, eine sehr eigenständige Interpretation, die aber auch ihren Reiz hatte. Die Staatskapelle musizierte auf dem hohen Niveau ihres unter Thielemann erreichten Schaffens. Absolut auf der Höhe war auch der Chor und eine Glanzbesetzung das Solistenquartett mit der herrlich klingenden Sopranistin Hanna-Elisabeth Müller, der ebenbürtigen Altistin Elisabeth Kulman, die sich auf Karriere-Abschiedstournee befindet, dem in Dresden aus vielen Aufführungen gut bekannten Weltklasse-Tenor Piotr Beczala und dem grandiosen früheren Dresdener Ensemblemitglied Georg Zeppenfeld als Bass.

Der Abend, die künstlerische Leistung und auch die seinem Ruf folgenden herausragenden Solisten waren ein eindrucksvoller Beleg dafür, was diese Stadt durch diesen musikalischen Leiter Christian Thielemann gewonnen hat. Nur kopfschüttelnd kann man zur Kenntnis nehmen, dass die verantwortliche Kultusministerin sich – offenkundig schlecht beraten - dazu hat verleiten lassen, diese Zusammenarbeit, die auch von Ferne Gäste anzieht, ohne Not nicht über das Jahr 2024 hinaus zu verlängern. Was der Stadt dadurch an künstlerischem Glanz verlorengeht, kann man bei solchen Konzerterlebnissen nur erahnen. Das Publikum jedenfalls demonstrierte mit lautstarkem Beifall und stehenden Ovationen, dass es den künstlerischen Wert der Darbietung durchaus zu  bewerten weiß. Solche Erkenntnisse wünschte man sich auch bei denen, die dafür bezahlt werden.
Ra.

Staatskapelle Dresden
1. Symphoniekonzert, 3. bis 5. September 2021
www.staatskapelle-dresden.de