Next Exit Europa?

Die erste Entscheidung zur deutschen ECoC 2025 fiel klar pro Westen – Ostsachsen bleibt nun alte Heimat

Foto: Andreas Herrmann

Am 12. Dezember, 14.12 Uhr, ward es ernst: Per Pressekonferenz aus der Hamburger Botschaft in Berlin ward live die Entscheidung verkündet, wer weiter hoffen durfte, im Ringen um die EU-Kulturhauptstadt (auf Europäisch: ECoC) dabeizublieben. Also knapp zwei Stunden vor der nächsten Sitcom namens Stadtrat unterm Dresdner Rathausmann, live als Public Viewing von 200 Dresdnern, darunter viele Mitwirkende und zwei Dutzend Journalisten, im Showroom des Hygienemuseums mit großem Schweigen verfolgt
Dabei teilte sich auch ein Sachsendreier, denn es standen Chemnitzer Aufbrüche, Dresdner Neue Heimat oder Zittauer Kulturherzstadt³ zur Wahl. Nur ein Thema, so stand vorher zu vermuten, darf seine Basisstation für 2025 als EUropäische Kulturhauptstadt zu prädestinieren. Aber nur, falls es denn auch gegen jene von Gera, Magdeburg oder gar Hildesheim, Hannover oder Nürnberg reichen sollte. Obwohl die Jury überraschend keine Short- sondern eine Longlist mit fünf Weiterkommern empfahl, traf es nur die beiden Ostsachsen und Gera mit dem Ausscheiden. Somit verringerte sie die Chancenquote von darbenden Ex-DDR-Städten schwuppdiwupp von 62,5 auf 40 Prozent, wobei man auf politischem Terrain, das zeigte schon die einstige Vizemeisterschaft von Görlitz, keine großen Hoffnungen auf Außenseiterchancen versus solventen Lobbys hegen sollte.

Dabei startet die BRD gemeinsam mit Slowenien ins Rennen: Dies ist immerhin etwas größer und schöner als der Freistaat, dafür mit der Hälfte der Einwohner und reichlich einem Drittel des nominalen Bruttoinlandsprodukts von Sachsen gesegnet – aber mit sechs (!) Bewerberstädten, also dem vierfachen EU-Kulturwohlfühlfaktor pro Kopf angetreten. Und welches – dank Abstoßung des armen Jugoslawiens per 10-Tage-Krieg unter munterer Unterstützung der EU – nunmehr auf Platz 25 im Index der menschlichen Entwicklung klettern konnte. Also kurz hinter dem 24. namens Frankreich, aber noch vor Spanien, Tschechien oder Italien und weit vor Polen (33.), während Sachsen dank Wende plus Anschluss an die gemeinsam indizierte BRD immer noch als Fünfter zwischen Irland und Island eingequetscht ist.

Ein Sachsentrio im ungleichen Achtkampf

Glaubt man Augenzeugen, dann waren allerdings die beiden ersten Vergleiche des Jahres – eine Präsentation allein unter Sachsen im Februar in Brüssel und eine achtteilige Kurzshow aller vor der Jury in Berlin – überaus positiv für Zittau als David zu bewerten. Am 10. und 11. Dezember ward nun der erste bundesdeutsche Final Countdown in Berlin angesetzt – und wir erinnern uns immer wieder an den 11. April 2006, als Görlitz für den jüngsten deutschen Titel, jenen für 2010, im deutschen Ost-West-Finale gegen des Ruhrgebiet mit der Hauptstadt Essen unterlag, wobei vielleicht damals den Entscheidern in Brüssel nur das vorab erwählte ungarische Fünfkirchen in der südtransnubischen Puszta als osteuropäische Teilhabe reichte und wir daher nach Pilsen (2015) oder Breslau (2016) mussten, um echte Hauptstadtkultur in der Nachbarschaft zu genießen, so uns Westberlin 1988 oder Weimar 1999 retrospektiv nicht mehr reichten.
Doch anno 2019/2020 ist nicht nur der Modus anders, sondern das Land Sachsen stand (anders als damals) im Jahr des Dreifachwahlkampfes hinter allen drei Bewerbungen. Die Landesregierung behandelt alle drei Städte absolut gleich und förderte sie für die erste Phase ab August 2018 mit je 100 000 Euro zusätzlich. Für die zweite Phase stehen im nächsten Jahr nun 600 000 Euro aus der Landeskasse für Chemnitz in Aussicht, bei Titelgewinn gar „bis zu“ 20 Millionen bis 2025.

Abschied ist ein scharfes Schwert

Bei dieser ersten Selektion war eigentlich ein Dreierpack als Kurzliste zu erwarten – rein statistisch mit einem von drei Sachsenbewerbern und einem weiteren Ossi in der Hoffnungsrunde. Letzteres ist nun mit Chemnitz und Magdeburg als blauweißes Duell gegeben. Die beiden Tage davor traten, leider ohne Öffentlichkeit, jeweils maximal zehn Vertreter einer Stadt alphabetisch von C bis Z (also von Chemnitz bis Zittau, je vier pro Tag) gegen zwölf paneuropäische Juroren an. Auf 30 Minuten Präsentation, an denen alle heimlich bastelten, folgten 45 Minuten Quizshow. Wer die Fragen für das Bittbuch kennt, weiß: Die können echt fies sein.

So war in allen drei Sachsstädten bei der SAX-Anfrage kurz vor den vorentscheidenden drei Tagen die Anspannung zu spüren, zumal der erste Aufschlag, ein seltsamer sächsischer Dreikampf in der herrlichen Brüsseler Albert Hall am 6. Februar 2019 noch mehr Heimspiel als jenes kürzlich von Dynamo im Berliner Olympiatempel blieb: Im Prinzip allein unter Sachsen, aber urst souverän unter Leitung von Kunstministerin Eva-Maria Stange (SPD) und vor immerhin rund 250 Leuten gab es einen ersten kulturellen Leistungsvergleich, ausgeschrieben als Neujahrsempfang der sächsischen Botschaft (getarnt als Vertretung und frisch geleitet von Elbflorenz-Staatsanwalt Christian Avenarius, aufgrund dessen belohnenden Wechsel nach Brüssel die Dresden Stadt-SPD-Truppe im Mai 2018 auseinanderfiel).

Dabei konnte nur die Choreografie der interkulturellen Häppchenbrigade beim anschließenden Empfang dem Auftritt der jugendfrischen Zittauern die Limo reichen. Diese waren mit einem großen Bus eine halbe Woche unterwegs und daher eindeutig in der Überzahl. Dresden, angetreten mit Jan Vogler, den Bach-Suiten am Cello und einem expressiven Godoni-Tanzquartett, vermehrte seine Pluspunkte mit Schnaps und Lenin-Pils am Stand, das auch alle anderen lockte, und ward subjektiv Zweiter, weil Chemnitz mit der kraftklubfreien Familie Kummer und ihrem süffisant-naiven Euro-Bingo die eingeplante Viertelstunde heftig überzog. Diese Reihenfolge kann man getrost auch auf die eingebauten Reden der Bürgermeister anwenden. Aber wie gesagt: EU-Abgeordnete hatten keine Zeit, ein gewisser Oettinger zog zeitgleich angeblich mehr – warum, weiß Oberparteinik Martin Sonneborn in seinem Tagebuch „Abenteuer im Europaparlament“ besser zu berichten.

Der zweite Vergleich war eine innerdeutsche Vereinigungsshow in Berlin, bei dem die Bewerbung offiziell bestätigt wurde, nachdem am 30. September das Lokaloktett seine Werke einsandte – je drei Minuten hatten die OberbürgermeisterInnen am 1. Oktober, um sich zu präsentieren, das ganze serviert der Videotunnelkanal der Kulturstiftung der Länder per Netz in die Wohnstube.

Nun also die dritte Runde: Annekatrin Klepsch antwortete als Zweite Bürgermeisterin und Beigeordnete für Kultur und Tourismus drei Wochen vor dem Battle gleich selbst und ausführlich: „Die Präsentation wird entsprechend der Vorgaben der Jury einem Regieplan folgen. Die Mitglieder der Dresdner Delegation sind gebeten vorzutragen, was sie persönlich mit Dresden und dem Motto "Neue Heimat 2025" verbinden.“ Es werde dabei mehr als um ein Update zum Bewerbungsbuch gehen, also nicht darum, dessen Inhalte noch einmal zusammenzufassen. Vor dem Auftritt in Berlin wird es interne Durchläufe geben, die Statements der zehn Delegierten eingebettet und um Bild- und Videomaterial ergänzt, welches für die Themen und Inhalte der Bewerbung stehen.

Hexapolisäer versus Augustiner und Ex-Marxstädter

Klepsch antwortet auch auf die Frage der Lehre nach den ersten beiden Runden: „Wesentliche Erfahrungen sind unter anderem, wie wichtig ein genaues Timing der Präsentation ist und ein exzellentes Zusammenspiel aller Akteure. Die Präsentation muss glaubhaft und authentisch für die eigene Stadt sein.“ Das sei sowohl in Berlin als auch in Brüssel gelungen. Wie in Zittau ist direkt nach der Entscheidung auch in Dresden am Nachmittag Stadtratssitzung. Und ab dem 13. Dezember bereite dann das Kulturhauptstadtbüro die nächsten Schritte im Rahmen des Bewerbungsprozesses vor: „Die Erkenntnis, dass die „alte Heimat“ Dresden aus der Kultur heraus wesentliche Impulse für die weitere positive Entwicklung der Stadt zur „Neuen Heimat“ bekommt, ist dabei handlungsleitend“, zeigt sich die Kulturbürgermeisterin der Linken optimistisch. Das Thema Stadtteilkultur  und die Sanierung der Robotron-Kantine als neuer „Dritter Ort“ in der Lingnerstadt stehen an, der Kulturentwicklungsplan wird dem Dresdner Stadtrat Anfang des neuen Jahres vorgelegt werden.

Für die Stadt Chemnitz, die mit dem Slogan „AUFbrüche. Opening Minds. Greating Spaces.“ startete,  antwortete Pressesprecher Matthias Nowak: „Das Team wird – betreut von zwei Dramaturgen des Chemnitzer Schauspiels – auf die Präsentation vorbereitet und wird dort mit zehn Personen die Inhalte des Bidbooks vorstellen und Fragen der Jury beantworten.“ Da das Team aber bis auf zwei Personen komplett neu sei, würde wenig von den vorherigen Auftritten einfließen. „Nach der Entscheidung am 12. Dezember werden sich anschließend alle Beteiligten dazu äußern und es wird eine Feier am Abend geben“, erklärt Nowak.
Für Zittau, mit 74,2 Prozent Zustimmung beim Bürgerentscheid (als einzige Kommune!) in der durchaus kontroversen Bewerbungsdiskussion gestärkt, antwortete Kai Grebasch, offiziell  „Bewerbungsverantwortlicher“ der Stadt, der einst nicht nur das herrliche Musikalfestival „La Pampa“ zu Hagenwerder organisierte, sondern schon im Team für Görlitz bis 2006 dabei war: „Was genau geboten wird, ist natürlich noch geheim, schließlich wollen wir die Jury mit unserer Präsentation auch überraschen. Fest steht auf jeden Fall, es wird nicht nur eine einfache Powerpoint-Präsentation geben. Aktuell arbeiten wir am Text, an der Präsentationsform, an der optimalen Ausnutzung der Raumsituation, planen Proben und bereiten uns auf die Frage- und Antwortrunde vor. Die Spannung steigt gerade mächtig an.“
Aber es ist klar: Es werde jetzt kein Feuerwerk so wie in Brüssel geben. „Es geht nun vielmehr darum, Themen anzusprechen und mit Emotion zu erfüllen, die wir im BidBook nicht ansprechen konnten oder die in Schriftform einfach nicht stark genug zu transportieren sind.“ Den Abschluss der ersten Bewerbungsrunde wollten sie auf jeden Fall zu Hause feiern: „Unser Freundeskreis plant bereits eine Party und wir machen uns auch Gedanken über eine zweite, offizielle Veranstaltung“, betonte Grebasch.

Beste Heimatkunde per Bittbuchlektüre

Nun folgte also im großen deutschen Acht- ein eingebetteter Sachsendreikampf – ein äußerst spannender Wettkampf zwischen Ost-, West- und Kursachsen, nur Leipzig kapitulierte irgendwann auf halber Strecke. Und liest man den öffentlichen Teil der drei Bücher, in Summe 220 Seiten beste Heimatkunde, dann hat es sich schon bis dato gelohnt: Bestandsaufnahme, Selbstreflektion und verbindliche Zukunftsblicke bis mindestens 2027. Vor allem: ähnliche Probleme mit dem Fußvolk, die sich neben den üblichen Ossijammerwendefolgen (ideologiefrei formuliert) als EU-Skepsis, extreme Tendenzen, wachsende gesellschaftliche Ränder sowie sozialer wie kultureller Entfremdung zusammenfassen lassen.
Dabei kommen die Worte BRD, UNO, Gunst und Tod in allen drei Werken nicht vor. Das Wort für die internationale Sachsenwunde „Weltkulturerbe“ verwendet nur Zittau (für Bad Muskau), hier taucht ebenso wie einmal Berg und zweimal Meer, neunmal Natur auf – letzteres für Dresden nur einmal. Chemnitz verzichtet ganz darauf, hat dafür 14-mal Fluss im Text, Zittau die Hälfte, Dresden einmal, dafür vier Mal Elbe.

Und da Ostsachsen – im Sagenreich zwischen Krabbat, Karasek und Rübezahl aufgewachsen – schlechte Verlierer sind und sich gern gallierlike gebärden, sind sie nun schon bei der nächsten Gelegenheit wieder am Start und kämpfen mit Furor und „365°Life“-Blick als Hexapolis vereint. Nun unter Führung der Doppelgrenzstadt Zittau, an deren Flussdreieck just am 1. Mai vor 15 Jahren (nur mit Kohl statt Schröder, der lieber parallel nach Dublin flog) die EU-Osterweiterung gefeiert (und eine Brücke versprochen) ward, belebte verbal den historischen Sechs-Städte-Bund wieder, wobei das prosperierende Liberec in Sichtweite als Edelpartner wie Riese dazukommt und die gesamte Euroregion Neiße-Nisa-Nysa zum trinationalen Spielfeld erklärt wird. So kann man in der Vielfalt durchaus Chancengleichheit mit Dresden und Chemnitz behaupten – die nun, dank der Bittbücher (engl.: Bid Books) sehr gut nachles- und -prüfbar bleibt.
Der 2015 knapp wie überraschend gewählte Oberbürgermeister Thomas Zenker, der nun seit Mai mit seiner Bürgerinitiative „Zittau kann mehr“ auf die stärkste Kraft im neuen Stadtrat bauen kann, begründet die Dreieck-Chuzpe : „Der europäische Wettbewerb zielt schon lange nicht mehr auf tolle Großstädte, die sich mit ihrer finanziellen und kulturellen Leistungsfähigkeit eine weitere Auszeichnung geradezu erwerben können. Es geht vielmehr darum, wer mit dem Titel die größtmögliche Transformation erreichen kann. Langfristige Veränderung des Images, der Wahrnehmung und damit auch der Annahme und Stärkung kultureller Angebote sind im Fokus.“

Mühes Dynamo-Hugenotten als Blickfang

Schauen wir in die Bewerbungsbücher: 60 Seiten und strikte Struktur per Fragebogen als Vorgabe – von 0.1. (Warum?) bis 6.3. (Infrastruktur- und Renovierungsprojekte im Kultur-, Stadt- und Fremdenverkehrssektor?), das schafft eine hier nicht widerspiegelbare Komplexität. Doch wie immer in Büchern ist der erste Satz ein Wegweiser, weil es den Geist spiegelt. Da haben wir: „Als im Juni 2016 der Stadtrat der Landeshauptstadt mit großer Mehrheit die Bewerbung beschloss, fragten einige unter uns Dresdnern wie auch Menschen anderorts: „Sind wir das nicht sowieso schon?“

Oder: „Weil wir Europa brauchen und weil Europa uns braucht.“ Das muss Zittau, die nun mit „365°Life“  und dem Untertitel „Zittau für die 3Länderregion“ startet und ganz anders als Restsachsen von altböhmischer plus neupolnischer Nähe und Kriegsfolgen geprägt, kurz erklären: „Unser heutiges Selbstverständnis von Freiheit und einem Lebensumfeld ohne sichtbare Grenzen ist das Ergebnis eines bewegten Jahrhunderts. Wir haben uns die Köpfe eingeschlagen, uns gegenseitig umgebracht, unseren Freunden und Nachbarn schlimmes Leid zugefügt, einander vertrieben und Grenzen gezogen, wo keine Grenzen waren. Diesem wohl dunkelsten Kapitel in der Geschichte der Dreiländerregion um Zittau folgte ein schmerzhafter Prozess der Wundheilung – ein Prozess, der noch immer andauert und uns noch lange begleiten wird.“

Chemnitz hingegen beginnt mit einem halben schwarz-weißen Nischelfoto, wobei man dahinter nur das Englische komplett lesen kann: „Working Man of all Countries unite!“ Dann kommt schon „Karl-Marx-Stadt“ – als Text des Kraftklubsongs: „Ich steh‘ auf Kaffee, Kippen Diamanträder ...“ – die Selbstironie gipfelt bekanntlich in „Bin ein Verlierer, Baby, Original Ostler“. Die Kummerfamilie, ja auch Teil einer Band namens Blond und mit lokal omnipräsenten Eltern gesegnet, spielt, wie in Stadt, in der ganzen Bewerbungsphase mit. Der erste echte Satz zum „Warum?“ ist hingegen durch drei Punkte getrennt: „Kameniz – Chemnitz – Karl-Marx-Stadt – und wieder Chemnitz. Unsere Stadt ist viele Städte. Drei unterschiedliche Innenstädte, zwei Stadtnamen, verschiedene Gesellschaftssysteme innerhalb weniger Jahrzehnte – UMbrüche kennzeichnen die Geschichte unserer Stadt. Chemnitz ist Veränderung.“

Wir fangen mit unserer Neuen Heimat Dresden an, weil deren Verkündung der Bewerbung am 7. Januar 2015 zuerst erfolgte. Dies nur, damit Helma Orosz kurz vor ihrem Abgang als einzige CDU-Oberbürgermeisterin einer Großstadt in Sachsen ein Zeichen setzen konnte (vgl. „Europa- statt Weltkultur? Ein Plädoyer für Hausaufgaben“ in SAX 02.2015), dass den Wikipedia-Eintrag zum Weltkulturerbe als bleibende Bilanz der schwarzen Neuzeit Dresdens (also die Dienstzeiten von Georg Milbradt und Helma Orosz), als Hypothek irgendwann relativiert: „Zugleich ist Deutschland das weltweit zweite und europaweit erste Land, in dem der Welterbetitel einer Stätte aberkannt wurde.“

Und von der wir seit 10. Januar 2019 wissen, dass sie zumindest im Kaiser-Reich Oberes Elbtal (dank Roland) im 33-köpfigen Kuratorium (mit einer Drittelfrauenquote) rein theoretisch unschlagbar ist (vgl. „Aufbrüche, Kulturherzstadt oder neue Heimat“ in SAX 02.2019). Dort ward genug über das Motto gelästert, nun wollen wir lokalpatriotische Daten sehen. Und stolpern schon übers Coverfoto: die geniale Dynamo-Aktion von Kunstfotograf Andreas Mühe, Karl-Marx-Städter des Jahrgangs 1979. Er lockte mit seiner Idee am 18. Dezember 2017 rund 1 200 K-Block-Fans um 23 Uhr einigermaßen geheim in die Semperoper – für das Shooting für jenes deutschlandweit aufsehenerregende Plakat zur Hugenottenpremiere Ende Juni 2019.

Doch nicht diese Aufnahme mit Masken ziert nun das Bewerbungsbuch, sondern eine technisch unausgereifte Nachknisperei eines VW-PR-Agenten aus dem Hintergrund des inszenierenden Künstlers – quasi als Foto vom Kunstakt. Und, anders als die Plakatfotos, im Kuttenduktus mit offenen Gesichtern und Schals : Es ist schwer vorstellbar, dass dieses Motiv von den Protagonisten rings um „Ultras Dynamo“ – hier ja wohl als religiös geschlachtete progressive Reformchristen in der Nacht der Pariser Bluthochzeit als Opfer (oder als konservativ-katholische Jäger?) zu sehen und damals, kurz nach der Karlsruher Kriegserklärung an die korrupten Fußballverbände, just arg verfolgt – von diesen so gewollt ist, sie also über die Verwendung des Fotos auf dem europaweit wirksamen Buchcover gefragt wurden.

Falls doch, dann würden Zeitungen von einer argen Text-Bild-Schere sprechen. Denn Dynamo und seine Fankultur wird (im Gegensatz zum Stadion als Konzertspielstätte) nur einmal lapidar erwähnt: Auf Seite 30, weil „der städtische Kleingartenverband, die Dresdner Semperoper und der Fanclub der SG Dynamo Dresden an einem Strang zögen“ um unter Kunsthaus-Kuratel an einer „Manufaktur der Visionen für Dresden und Europa“ zu arbeiten.

Mission dreidimensionale X-Kultur

„Elbflorenz“ taucht im Buch hingegen sofort auf – und die richtige Frage: Was fehlt uns zu einer echten zukunftsorientierten Kulturmetropole? Plus Analyse: Wir teilen „einen Mangel an Gemeinsinn und an kultureller und sozialer Gewissheit mit unseren Nachbarn.“ Und dass „unsere Stadtgesellschaft den Konsens über die Perspektive von Dresden verloren oder vielleicht auch während der DDR-Zeit nie besessen hatte.“ Ob das von 1848 bis 1949 anders war, ist eine spannende Frage, aber nicht virulent, denn jetzt kommt die Neue Heimat als „kulturelle europäische Identität.“ Und: „Neu wird diese Heimat insofern sein, als sie zukunftsoffen und pluralistisch sein wird. Unsere Neue Heimat hat viele Häuser und Plätze, in der sich Einheimische und Fremde begegnen.“ Lustvoll sollen die Menschen ihre Unterschiede leben können und gemeinsam an einer neuen Heimat arbeiten. Das hieße für die Kulturorganisationen, eine Mission wahrzunehmen, die weit über den bisherigen Kulturauftrag hinausgehe: viel mehr Menschen sollen am Kulturmachen und -erleben beteiligt werden, wobei die umliegenden Regionen (Frage 0.2) in drei Dimensionen einbezogen würden: historisch, kulturell und landschaftlich.

Das Gesamtkulturprofil ist ein wildes Namens- und Ereignissammelsurium – der wichtigste Künstler scheint dabei Raden Saleh zu sein. Bei den Stadtteilfesten fehlt natürlich die Bunte Republik Neustadt. Aber dann folgt ein Riesensatz mit philosophischer Weite: „Jene Energie, mit der der „Goldene Reiter“ in die Zukunft stürmt, muss uns dabei beflügeln, den nächsten Sprung der Stadt von einer historisch gewachsenen zu einer zukunftsoffenen Metropole zu wagen.“

Aber wohin stürmt er denn? In die Neustadt zur BRN? Ins Armeemuseum, um alle sächsische Niederlagen zu verstehen? Oder nach Königsbrück, um auf der Via regia nach links zum Beflügeln nach Leipzig in die Red-Bull-Arena (wie der bundesligareife Ministerpräsident) oder nach rechts gen Görlitz (wie derselbe zum Wahlkreisbüro) zu springen. Oder wollte er gar am 10. Dezember mit nach Berlin? Denn seine Residenz schimmert in der Bewerbung stolz monarchisch immer wieder durch, genau wie die stolzen Flaggschiffe, die das Land aus Tradition, also jede Freistaatler, gern bezahlt.  

Neuer Kulturentwicklungsplan seit 2012 in Pipeline

Für jene wahren Kulturfreunde, die seit 2012 alljährlich gespannt auf die Diskussionsseite des Kulturentwicklungsplans schauen (http://kulturentwickeln.blogspot.de/), gibt es vorn nicht allzu viel Neues, spannend wird es erst wieder auf Seite 20: vier Neue-Heimat-Plattformen bilden das Programmkorsett, wobei Heimat plötzlich mit „Common Ground“ übersetzt wird und es zwei europäische Programmsatelliten außerhalb der EU geben soll: die Partnerstädte Coventry und St. Petersburg. Zukunftsoffen setzt man zu Beginn wie zum Finale einen sogenannten „Opening Act“ – einmal für „Neue Heimat Dresden 2025“ im Januar als „multimediales und transdisziplinäres Kunstwerk unter der Leitung der chinesischen Künstlerin Cao Fei im öffentlichen Raum von Dresden, St. Petersburg und Coventry sowie im Internet“ – und zwar über der Elbe (vielleicht sogar am Waldschlösschen). Und im Dezember 2025 heißt es dann zum Abschluss gar „Neue Heimat Dresden 2026“: Man lädt die Kulturhauptstädte des kommenden Jahres (Finnland und Slowakei) ein, „an einem großen Zukunftsspektakel mitzuwirken“.

Dazwischen sind zwei Sachen schon konkreter formuliert: Die Metamorphose zum 13. Februar soll „mit Musiker aus anderen Ländern … in einem kollektiven Akt an Zerstörung und Wiederaufbau zu erinnern: Die symbolische Erschaffung einer Ton-Collage Neue Heimat 2025.“ Dazu ist, in memory an die Wohnblocksause der Pet Shop Boys 2006 über 42 Balkone auf der Prager Straße, also dem ureigenen Dresdner Sommermärchen, im Mai 2025 eine „Europasinfonie“, die die Dresdner Sinfoniker fürs Dynamostadion entwickeln, geplant – als erstes Konzert eines virtuellen Orchesters als „paneuropäischer Klangkörper“, wobei die einzelnen Stimmgruppen sich in Dresdens Partnerstädten befinden und verschiedenen europäischen Orchestern angehören. Die fünf Komponisten der fünf Sätze kommen von allen bewohnten Kontinenten, die TU soll die technische Zusammenschaltung besorgen.

Mit Fernsehturm und Verwaltungsagora

Auf Seite 30 kommt dann die „Neue Heimat X-Kultur“ als Dresdner Unikat zur Premiere: die allmähliche Entgrenzung der Rollenverteilung zwischen Produzenten und Rezipienten. Das bedeutet vermutlich: Jeder Akteur ist x-beliebig verantwortlich, wenn es (nicht) gelingt. Allerdings ist es sehr müßig (nicht „müssig“ – wie es im Buch heißen (also heissen) würde), das ganze als Buch zu lesen, weil Dresden 41 mal „siehe“ als Querverweis verwendet, was nur von 76 mal „Neue Heimat“ und 364 mal „Dresden“  getoppt wird. Zittau braucht dieses Verweisart nur zwei, Chemnitz sechs Mal.

Echt lesenswert wird es dann ab Seite 49 bei den Kulturbudgetzahlen von 2015 bis 2027, die en passant den Dresdner Wohlstand trotz Weltkulturenterbung zeigen (über 500 Millionen Euro seit 2004 in Kultur- und Veranstaltungsbauten investiert, jährlich vier Prozent bilden als automatische Erhöhung die Rechnungsgrundlage). Vor allem die Schwächenanalyse plus Überwindungsstratgie auf Seite 52 – im Vergleich zu Chemnitz (S. 47) und Zittau (S. 65/66) – zeigt: Dresden ist Spitze. Und auch die drei eingebauten Kartensichten zeigen (auch in Sachen gegenseitiger (Nicht-)Erwähnung) einen grundverschiedenen Fokus als EU-Sicht.

Aber das lassen wir den Lesern als Hausaufgabe, weil Selbstlesen am sichersten wie schnellsten bildet. Und wir versprechen ganz am Ende überraschende Erkenntnisse: Wie lange die Sanierung der Robotron-Kantine dauert , welche Agora als größte Kulturinvestition 139 Millionen kostet, welche Rolle der Fernsehturm spielen wird – und dass 21 Millionen in fünf Stadtteilzentren fließen sollen, während das Restkraftwerk Mitte nochmal 45 Millionen an Euro-Kohle frisst.

Das Chemnitzer Buch (als einziges zusendbar) ist hingegen ein gestaltetes Kunstwerk, welches durchweg mit dem Karl-Marx-Denkmal als Motiv und dessen Vielsprachigkeit spielt und von Literaturprofessorin Bernadette Malinowski sorgfältig lektoriert wurde. Durchs Zittauer Buch, gespickt mit Gesichtern und wolkigen Kurzbotschaften aus der vorgelagerten Aktion „Heimatradar“, zieht sich eine rührende Familienstory in ganz kurzen Episoden, geschrieben von Rockröhre Jenny „Jenix“ Böttcher, die sicher dereinst als originäres Büchlein das erfolgreiche Scheitern illustrieren wird. Sogar in Schaltjahren wie 2020 mit 366°Leben.
Andreas Herrmann

Öffentliche Bewerbungsbücher:
www.chemnitz2025.de
www.dresden2025.de
www.zittau2025.de