No Rocketman

Das erste Pandemie-Geisterspiel verliert die SGD mit 0:2 gegen Stuttgart

Foto: SG Dynamo Dresden

Als der Astronaut Douglas Hurley nach dem weltweit beobachteten Andocken der SpaceX-Kapsel an die ISS die Raumstation betritt, stößt er sich im Überschwang am Kopf – und zwar so heftig, dass er sich immer wieder an die Schläfe greift, um die leichte Blutung zu stoppen. So lange darauf hingefiebert – und dann sowas vor den Augen eines globalen Publikums. So ähnlich ging es mir nach dem ersten Corona-Geisterspiel der Dresdner Goldfüße: lange darauf gewartet, so ziemlich hingefiebert, ordentlich gezittert, am Ende kam das Erwartete mit einem etwas dumpfen Gefühl im Schädel. Für Hurley gab es wenigestens ein Happy End, für Dynamo nicht. Zudem: Auch wenn es am Abend zuvor glühenden Support der Fans gab – wenn in der Harbig-Schüssel das Feuer von den Rängen fehlt, ist gerade Dynamo Dresden arg im Nachteil.

Die erste Halbzeit: Löwe ohne Glück, Schmidt mit Sekundenschlaf

Wohl nur wenige hattten nach 84 Tagen damit gerechnet, dass Markus Kauczinski zu zehn Elfteln dieselbe Elf auf den Platz schicken würde wie gegen den Schacht. Nur Chris Löwe war neu, kam für Brian Hamalainen in die Startelf – was für den Dänen, angesichts seiner Vertragsklauseln – wohl den Abschied aus Dresden einleitet. Und Löwe war auch gleich zu Beginn im Fokus mit einem blöden Ballverlust im Vorwärtsgang, weil er sich das Ding zu weit vorgelegt hat (ein Phänomen, dass noch öfter im Spiel zu sehen war). Philipp Förster will nun entspannt zum Towart spielen, doch übersieht den im Rücken lauernden Simon Makienok, der sofort auf Godsway Donyoh durchsteckt. Der läuft im Strafraum fast zur Grundlinie und zieht aus spitzem Winkel ab. Doch: vorbei. Und für den Rückpass auf Patrck Schmidt, der mutterseelenallein im Rückraum stand, fehlte ihm wohl die Übersicht. Aber so oder ähnlich könnte es gehen, doch sind solche Patzer bei einer Mannschaft wie dem VfB eher selten gesät.

Und die ruckt nun deutlich an. Gleich zweimal muss Florian Ballas in höchster Not retten, einmal per Kopf, einmal mit einem langen Bein. Überhaupt zeigt sich der Käptn mit einem guten Spiel, zeigt sich als Vorbild und Bollwerk mit dem wie immer auffällig unauffälligen, aber zuverlässigen Jannis Nikolaou neben sich. Also kommt Stuttgart immer wieder über die Außenbahnen, denn da sind mit Löwe und Wahlqvist nicht die Schnellsten und Aufmerksamsten unterwegs. Hochkonzentriert wie gewohnt zeigt sich dagegen Kevin Broll, der in Minute zehn erstmals zupacken muss.

Und dann passiert es doch, natürlich nicht ohne Dramatik. Die Gefahr dräute über links, wo alle zu weit weg vom Gegner stehen und der Ball so ganz unbedrängt in die Mitte des Sechzehners kommt, wo Löwe im Kopffight das Leder zwar erwischt, es aber so unglücklich Al Ghaddioui vor die Füße spielt. Der muss sich nur noch kurz drehen und versenkt zum 0:1. „Abseits“ ruft Dynamo unisono – und so scheint es auch. Doch etwas abseits, allerdings nicht unsichtbar für den Video-Schiri, hatte Schmidt einen Sekundenschlaf, als er nicht rechtzeitig herausrückte. Nun also doch: Rückstand.

Das schien für die Südwestdeutschen erst einmal eine Beruhigungspille zu sein, während Dynamo noch nicht bereit war für no risk no fun. Überhaupt wirkt der Fußball ohne Publikum eher wie ein konzentriertes Abarbeiten von strategischen Vorgaben, von Spaß ist weit und breit nichts zu sehen. Aber die Heimelf müht sich, scheitert im Vorwärtsgang aber immer wieder an den Kleinigkeiten, die irgendwo zwischen mangelnder Spielpraxis und Nervosität zu verorten sind. Hinten hält man die Schotten dicht. Aber wo ist eigentlich Josef Hušbauer? Der Mann, der doch die wichtigen Pässe in die Spitzen spielen soll, ist kaum zu sehen, so klafft auch immer irgendwie eine Lücke zwischen Petrak/Burnic und den Offensiven.

Wenigstens Ballas zieht dann mal aus fast 30 Metern ab wie auch Schmidt aus ähnlicher Entfernung mit einem Freistoß, die eine oder andere Flanke verfehlt Makienok, wirklich viel passiert nicht. Erst kurz vor der Pause erwischt Schmidt eine Flanke mit dem Kopf, bekommt hier aber nicht genug Speed drauf, sodass der Stuttgarter Keeper das Ding fischen kann. Pause. Das Bauchgefühl ist flau, mit Wechseln zur Pause wird gerechnet.

Die zweite Halbzeit: Fast ist nicht genug

Keine Wechsel zum Wiederbeginn, aber schon fünf Minuten später Schrecksekunden. Stuttgart veranstaltet vor dem Broll-Kasten ein Doppelpasstraining, Gonzales hat dann aber Mitleid und spielt den Ball schlussendlich am Tor vorbei. Eine erste Ecke für Dynamo gibt es erst in der 53. Minute, wird aber von Löwe eher schlecht als recht auf den kurzen Pfosten gespielt. Überhaupt sind die so gespielten Ecken fast nie erfolgreich und man fragt sich, welche taktische Idee dahintersteckt, dass sie trotzdem zu sehen sind.

Die Schwaben halten jetzt die Heimelf vor allem weg vom eigenen Tor und warten ab, bereits in der 57. kommt hier der erste Doppelwechsel. Genau nach einer Stunde dann fast der Ausgleich. Wahlqvist läuft mal richtig gut in den freien Raum, bekommt den Ball perfekt in den Fuß und passt knallhart in den Fünfer. Dort kommt Makienok angerauscht und verpasst das Runde nur um Zentimeter. Genau zehn Minuten später die gleiche Situation, nur gibt diesmal Donyoh herein und Schmidt verpasst. Eine von denen hätte es sein müssen.

Nachdem bereits in der 65. Ebert für Hušbauer eingewechselt wurde, kommen 13 Minuten vor Schluss Kreuzer, Terrazzino und Jeremejeff für Wahlqvist, Donyoh und Schmidt. Gefühlt kommen diese Wechsel bei einem Rückstand etwas spät, sie entfachen auch noch mal eine Feuerchen und etwas mehr Wuhling vor und im Stuttgarter Strafraum. Auch Jannick Müller darf noch mal ran. Aber hochgefährlich wird es nicht, die Gäste stehen sicher und zeigen sich abgezockt. So kommt es wie es kommen musste: In der 88. ist niemand nahe genug bei den Weißroten auf rechts und links, da zeigen sich Abstände, durch die Busse fahren könnten. Am Ende schießt Klement von halblinks, Broll hällt, aber die Kugel fällt Churlinov direkt vor die Füße, der aus zwei Metern keine Mühe hat, diese über die Linie zu drücken. Aus.

Ob das Spiel ein Muster ohne Wert war, wird sich erst in den nächsten Spielen zeigen. In Hannover muss nach vorn mehr kommen, eine andere Explosivität am niedersächsischen Strafraum herrschen, die beeindruckt, da muss mindestens ein Rocketman her – um zum eingänglichen Raumfahrtbild zurückzukehren –, der das Geschoss auch versenkt. Ein solcher hat heute gefehlt. Vielleicht einfach mal vorher in der Kabine Elton John hören.
Uwe Stuhrberg

SG Dynamo Dresden vs. VfB Stuttgart

31. Mai 2020, Anstoß: 13.30 Uhr
Ergebnis: 0:2
Tore: 0:1 l Ghaddioui (18.), 0:2 Churlinov (88.)
Dynamo Dresden: Broll, Wahlqvist (76. Kreuzer), Ballas, Nikolaou, C. Löwe, Petrak (83. Petrak), Burnic, Schmidt (77. Jeremejeff), Hušbauer (65. Ebert), Donyoh (77. Terrazzino), Makienok
Ohne Einsatz: Wiegers, Horvath, Ehlers, Hamalainen
Schiedsrichter: Benjamin Cortus
Zuschauer: 0
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