Offenbarung im Societaestheater
Überraschende Entdeckung mit Theaterkünstler John Moran
Nach der Uraufführung im Herbst 2025 kommt die so hypnotisch wie verstörende Theaterperformance „The Relevation“ des US-amerikanischen Komponisten und Theatermachers John Moran nun am 22. und 23. Mai noch einmal auf die große Bühne des Societaetstheaters. Entstanden mit dem Label everyone company in Zusammenarbeit mit Marieluise Herrmann, seziert die Live-Performance für eine knappe Stunde das Innenleben einer besonderen Paarbeziehung und ihre Schnittmenge zur Welt. Getragen wird die Aufführung auf fast leerer Bühne von zwei sehr ungleichen Darsteller:innen: Vicky Felippa und dem Autor selbst. Wobei John Moran behauptet, dass dies nur eine Notlösung gewesen sei, da das notwendige Produktionsbudget für die ursprünglich viel größer geplante Besetzung wie so oft in der freien Szene nicht zusammenkam. „Manchmal sind die billigen Produktionen die Besten“ weiß der 61-jährige Komponist allerdings auch aus seiner inzwischen fast vierzigjährigen Künstlerkarriere zu berichten.
Begonnen hatte diese in den späten 1980ern in New York. Als junger Mann lernte er den bekannten Komponisten Philipp Glass kennen, der ihn unter seine Fittiche nahm und viele Jahre unterstützte. Bereits John Morans erste Opern erregten Aufsehen, da er mit den Traditionen des Musiktheaters und insbesondere des Operngesangs brach. Er verwendete aufwendig produzierte Musikcollagen, die neben ständigen Wiederholungen (Loops) auch Alltagsgeräusche und Sprachfetzen verwoben und Gesang im klassischen Sinne in einem aufwendig designtem Bühnengeschehen überflüssig machten. „Ich war damals ein sehr glücklicher junger Mann, da ich von den führenden Theatern New Yorks präsentiert wurde, darunter das Lincoln Center for the Performing Arts, die Harvard University und das New York Shakespeare Festival – vor allem, da ich nie die Highschool besucht hatte...“ Erinnert er sich heute. Und obwohl sein Meister Philipp Glass im Jahr 2003 mit den Worten zitiert wird: „Ich bin überzeugt, dass es heute keinen wichtigeren Komponisten gibt als John Moran. Seine Werke waren so fortschrittlich, dass sie als revolutionär gelten können.“ beschloss dieser, die Art und Weise, wie er seine Arbeit präsentierte, zu ändern und rigoros zu reduzieren. Mit kleineren Performances und Tanzstücken zog er in den Folgejahren auch durch die europäischen Lande, gewann Preise auf Festivals und konnte 2017 am Festspielhaus Hellerau seine Oper „The Manson Family“ von 1990 neu inszenieren. Seitdem ist sein kreatives Schaffen mit der freien Szene in Dresden und dem kreativen Umfeld des Zentralwerks verbunden – „eine echte Künstlergemeinschaft mit Werten, die ich schätzte.“
Sein jüngstes Werk „The Relevation“ befasst sich mit den Auswirkungen von sozialen Medien, künstlicher Intelligenz und gesellschaftlicher Programmierung auf uns Menschen. Die manchmal schockierenden Bekenntnisse des Komponisten und die Beschreibungen von Menschen, die seinen banalen Alltag in Dresden prägen, werden ergänzt durch Texte realer Personen des öffentlichen Lebens oder Statements aus den Medien: Ein Digital-ID Wallett kontrastiert häusliche Rituale, Bombenexplosionen harmlose Kinderspiele, religiöse Ekstase private Sorgen. Der tägliche Wahnsinn wird komprimiert auf mehrere Ebenen. Da ist zum einen die streng durchkomponierte elektronische Geräusch- und Klangpartitur sowie schnell wechselnde pantomimische Aktionen der Darsteller, die vorproduzierte, nicht eigene Texte präsentieren.
Neben der ausgeklügelten szenischen Choreographie gibt es dann ein verbindendes Bühnendesign, das durch Licht- und Dunkeleffekte filmschnittähnliche Szenen kreiert. Die in Athen lebende Performancekünstlerin Vicky Filippa als Morans szenische Partnerin ist eine elegante, ausdruckstarke wie furchtlose Darstellerin, die mit ihrer Mimik und körperlichen Präsenz ganz viele Facetten bedient. Zwar entfremden John Morans Techniken auf eine Weise das Publikum vom emotionalen Erleben der Figuren, zieht es in der Gesamtwirkung aus Sound, Texten, Bewegung, Licht und Inszenierung jedoch wie hypnotisch in den Bann. Und führt letztendlich zu eigenen, starken emotionalen Reaktionen. Die Aufführungssprache ist Englisch, das sollte jedoch niemanden abschrecken. Unbedingt ansehen!
Isolde Matkey
The Relevation 22. und 23. Mai 2026, 20 Uhr, Societaetstheater, Karten bei SaxTicket in der Schauburg und reservix.de, www.societaetstheater.de
