Pieschen im Rausch

Christoph Töpfer eröffnet am 16. Oktober einen neuen Kieztreff

Christoph Töpfer auf den Balkon des Rausch.

Als es die Runde machte, das Christoph Töpfer im Herbst das &Rausch in Pieschen übernehmen wird, waren nicht wenige erstaunt. Kannte man ihn doch über viele Jahre vor allem als eine der treibenden Kräfte hinter den Klubs Sabotage und TBA. Auf den zweiten Blick ergibt das aber durchaus einen Sinn: »Für mich schließt sich jetzt ein Kreis, denn immerhin war ich fünf Jahre lang Geschäftsführer im Bautzner Tor. Schon dort hat die Mischung aus Speisegastronomie, Kiezkneipe und Kultur gut funktioniert.« Das Metier ist Töpfer also durchaus vertraut – zudem lebt er seit vier Jahren in Pieschen. »Ich halte den Stadtteil für einen prosperierenden und er ist auch gastronomisch unterversorgt.« Immer wieder schauen Anwohner auf der Noch-Baustelle vorbei und erkundigen sich, mehrere Passanten grüßen während unseres Balkoninterviews und fragen, wann es denn endlich losgeht.

Diese Frage kann beantwortet werden: Am 16. Oktober wird das Opening an der Ecke Bürgerstraße/Oschatzer Straße gefeiert – auf drei Etagen! Denn endlich soll das vorhandene Platzpotenzial komplett genutzt werden: Kneipe und Restauration im Erdgeschoss, Roter Salon in der ersten Etage und ein Gewölbekeller für Feiern, Degus-tationen oder andere Anlässe. Gedanken an eine coronabedingte Verschiebung des Projektes ließ Christoph Töpfer überhaupt nicht aufkommen: »Da bin ich trotzig. Ich bin sicher, dass wir so flexibel sein werden, dass hier auch mit Auflagen gut betreiben zu können – Platz haben wir ja.« Der Name wird weitestgehend beibehalten, nur das & wird gestrichen: Rausch. Und den Begriff will Töpfer auf allen nur denkbaren Ebenen deuten: Reden, Tanzen, Trinken, Adrenalin, Geschmack …

Dabei ist dem heute 45-jährigen Weimarer das Gastro- und Klubhandwerk nicht in die Wiege gelegt worden. Mitten in seine Teenagerjahre platze 1989 der gesellschaftliche Umbruch. Nach der Schule ging er ein Jahr nach Indien, war Zivi in Eisenach, lebte in einer Kommune und ging schließlich nach Dresden zum Studium. Jura! Jura? Bis zum ersten Staatsexamen hält Christoph Töpfer durch, dann wirft er doch hin: »Das Studium hatte für mich einen politischen Ansatz.« Sein Ziel war es, Menschen, die politisch aktiv sind – etwa als Antifaschisten oder in der Anti-AKW-Bewegung –, als Rechtsanwalt vor juristischen Repressionen zu beschützen. »Aber dann stand ich selbst vor Gericht, weil ich an solchen Aktionen beteiligt war – da habe ich gemerkt, dass mein Konzept ziemlich naiv war, wenn es um politisches Strafrecht geht.« Also warf er all seine Pläne über den Haufen und arbeitete eine Zeit lang in sozialen Projekten, etwa im AZ Conni.

Das Bautzner Tor öffnete sich dann für ihn 2005. Damals saßen dort tagsüber nur ein paar Stammgäste, abends war Stress. Christoph Töpfer musste – wie alle anderen im Lenin-Team – sauber machen, Stühle runterstellen, kochen, bedienen, Stühle hochstellen. Stammgäste mit Namen und ihre Vorlieben zu kennen gehörte ebenso dazu wie ein Kulturprogramm zu entwickeln. Sechs Jahre später folgte der Break zum Klub.

Sabotage hieß die neue Herausforderung, die in einem Pfunds-Hinterhof 2011 begann. Ein Klub, vor allem für elektronische Tanzmusik, der sich aber auch der Livemusik widmete. »Ich selbst komme ja eher vom Punk, war aber nie total festgelegt auf eine Musik. Durch das Sabotage bin ich dann aber richtig reingewachsen in die eletronische Tanzmusik. Donnerstags jedoch spielten immer Bands und Live-Acts, das war mir sehr wichtig.« Zudem bekamen junge DJ-Crews hier erste Chancen und auch mit der Türpolitik wollte man neue Akzente setzen. Parallel begann das Sabotage-Team, auch das TBA unter dem Neustädter Bahnhof zu betreiben, aber längst sind beide Klubs geschlossen. Während das Sabotage durch einen »Anwohner« zum behördlichen Closing gezwungen wurde, scheiterte das TBA später wirtschaftlich. »Das Sabotage war wirklich eine Herzenssache, und ich finde, dass es der Szene in Dresden heute noch fehlt – auch als Podium für junge Menschen, die sich noch ausprobieren wollen.«

In diesem Jahr wollte Christoph Töpfer eigentlich ein Konzept namens »Klub unter freiem Himmel« in einem Zirkuszelt umsetzen. Dann kam Corona, zeitgleich wollten die Betreiber des &Rausch ihre Kneipe nicht mehr weiterführen. »Ich fand den Laden sofort spannend mit seinen drei Flächen, die bislang nie ausgelastet wurden. Ich sehe im Keller kleine Veranstaltungen oder Elektronik-Sessions, im Salon Debatten, Stadtteilkultur, Lesungen oder Solokonzerte, dazwischen die Gastronomie.« Eine reines Restaurant hätte ihn nicht interessiert, schiebt Töpfer hinterher, ihm gehe es um einen Ort der Begegnungen in einer freiheitlichen Atmosphäre. »Ich habe ja die Weisheit nicht mit Löffeln gefressen, ich weiß nicht, wie man eine bessere Gesellschaft erschaffen kann – das ist ein langer Verhandlungsprozess. Aber ich möchte dafür Räume schaffen, und da ist eine Kneipe manchmal besser geeignet – da im Kopf barrierefreier – als ein Klub.«
Uwe Stuhrberg

Rausch
Eröffnung am 16. Oktober ab 17 Uhr, Bürgerstraße 36, 01127 Dresden
www.facebook.com/undrausch/