Rote Linien überschreiten

Aus dem Schnee die Torlawine: Dynamo stöbert den FCK spät aus dem Stadion

Foto: SG Dynamo Dresden

Let it snow, let it snow, let it snow ... Niemand wäre verwundert gewesen, hätte Santa Clause noch eine post-weihnachtliche Extrarunde mit dem Schlitten gedreht bei dem herrlichen Flockenwirbel vom Sonnabend Vormittag. Dem Greenkeeper im Harbig-Rund wird es eher Sorgenfalten in die Stirn gedengelt haben, denn Fußball bei zehn Zentimetern Schnee macht zwar einen Heidenspaß, hat aber mit Profigekicke wenig zu tun. Aber nicht zum ersten mal hat Dynamo Menschen mobilisiert, die mit einem Kraftakt das Grün zum Vorschein bringen, sodass Referee Christof Günsch den Start der Rückrunde in Dresden freigeben konnte, wenn auch der Boden noch etwas schockgeforen war.

Nachdem nun auch die Seiten- und Tor-Geraden sowie der Strafraum farbig markiert wurden, gab es die Gewissheit: Hier und heute werden rote Linien überschritten! Dass es zwischen den – nach wie vor weißen – Pfosten gleich sieben Mal passieren wird, konnte natürlich niemand ahnen. Schließlich fiel zum Saisonauftakt gerade mal ein Treffer – frei nach dem Motto: Seb Mai, es sei. Damals galt die Partie als das Aufeinandertreffen zweier Aufstiegskandidaten; heute weiß man: wir oben, die unten. Was aber nicht bedeutet, dass dieser Weg ein einfacher sein wird.

Der Teamzettel verrät, dass der Kapitan zurück in der Startelf ist, das Verletzungspech von Robin Becker ließ Trainer Markus Kauzcinski auch kaum eine andere Wahl. Christoph Daferner schickte Pascal Sohm wieder auf die Bank und Paul Will tat es ebenso mit Julius Kade. Die beiden Neuen, Heinz Mörschel und Leroy Kwadwo, waren ebenso auf dem Sitzmöbel zu finden, Vlachodimos hingegen ist mal wieder raus. Apropos Paul Will: Zu den größten Mysterien dieser Saison zählt für mich, dass es auf der Anzeigetafel auch nach fast fünf Monaten noch immer kein Foto von dem Rotschopf gibt. Er sieht übrigens so aus.

Die erste Halbzeit: KöHoDa!

Man durfte gespannt sein, wie die hochgelobte Dresdner Offensivmaschinerie nach zwei torlosen Spielen den FCK knacken würde, denn trotz des Abstiegsranges hatte die krisengeschüttelte Mannschaft bis dahin nur 23 Tore gefressen. Das Problem der Roten liegt vorn: Gerade einmal 17 Buden gelangen dem Stürmchen, vor allem Marvin Pourié zeigte sich immer wieder als Chancentod der Extraklasse.

Dynamo startet mit dem stummen K im Rücken, Pass zurück, Mai nach links vorn ins Aus. Geht ja gut los. Und wieder die Frage: Warum wird nach dem Anstoß fast immer der Ball hergeschenkt? Aber das Ganze lässt sich sofort munter an – erst Daferner mit einem fulminanten Fehlpass in der Quere, dann vertüddelt Keeper Spahic fast gegen Hosiner und Daferner. Nach fünf Minuten geht Hlousek im Fight mit Königsdörffer zu Boden; statt Aufstehen ist aber die „Mama, ich habe Aua“-Pose seine Option – also schnappt sich Daferner den freien Ball für eine Flanke auf den mittigen Hosiner, dessen Kopfball aber nicht genug Druck bekommt. Gehalten. Es folgen je ein Distanzschuss hier wie da.

Fünf Minuten später ein fein herausgespielter Angriff, an dessen Ende der Pass von Stefaniak zur Ecke geblockt wird, die so mittelgefährlich kommt. Nach 13 Minuten muss es eigentlich 1:0 stehen. Daferner leitet im Mittelfeld selbst ein auf Königsdörffer, der im Fünfer Hosiner sieht – mit dem Rücken zum Tor legt er ab auf den durchgelaufenen Daferner, der sich selbst nun auf dem falschen Fuß erwischt und vorbeischiebt. Das erinnert fatal an die vergebene Megachance bei den Bayern-Bubis. Die Strafe folgt wortwörtlich auf dem Fuß und sie trägt einen Namen: Jean Zimmer. Der im Winter aus Düsseldorf in die Pfalz gewechselte rechte Flügelmann lässt Knipping und Meier einfach stehen (obwohl beide sprinten), läuft in den Sechzehner und passt perfekt in die Mitte. Mai versucht mit einer Ballerina-Einlage das Schlimmste zu verhindern, doch frei vor Broll lässt sich Redondo den Führungstreffer nicht mehr nehmen. Kurz darauf kann Knipping nur mit einem Gelb-Foul eine baugleiche Situation verhindern – es ist sein fünfter Karton. Ein bisschen knabbert Schwarz-Gelb an der Situation, strafft sich dann aber. Einen gefühlvollen Freistoßheber von Stefaniak köpft Ehlers knapp über den Balken.

Nach einer halben Stunde zeigt sich, dass die Zimmer-Verwaltung ein Problem bleibt, denn schon wieder bricht die 16 des FCK frei durch, diesmal jedoch verpassen rund um den Fünfer Freund und Feind die Kugel mit äußerster Knappheit. Insgesamt ist die Spielanlage der Heimelf zwar gut, aber in den Details stimmt es immer wieder nicht. Öfter entstehen brenzliche Situationen, weil die Passempfänger den Ball nicht annehmen, wenn er erreichbar ist. Und auch die Fehlpässe im Vorwärtsgang sind noch immer ein Problem. Zudem: Es fehlt dem Dresdner Spiel über weite Strecken das Überraschungsmoment.

Doch dann: der Ausgleich. Und der zeigt, wie es gehen kann, der Ursprung ist das Dreieck KöHoDa. Mache das Spiel breit und spiele schnell wie auch direkt. Königsdörffer per Kopf an die Außenlinie auf Hosiner, der schickt eine perfekte Flanke vor das Tor und am langen Pfosten kommt Daferner mit seinem Schädel angerauscht. Irgendwie, irgendwo, irgendwann ist da auch ein Gegenspieler. Aber was willst du machen gegen gefühlte 2,80 Meter und 130 Kilo? „Nehmt das!“, hallt es in den Ohren der roten Teufel, denen nur etwas Mimimi bleibt. 1:1.

Auf der anderen Seite zeigt Pourié ein weiteres Mal, dass die dritte Liga nicht sein mehr Metier sein sollte, während Hosiner schon wieder Daferner bedient – der Kopf von Hercher verhindert den Einschlag. Man kann nun erahnen, dass Dynamo die Führung noch vor der Pause will. Sekunden vor dem Pfiff passiert es dann. Endlich, eeeeeendlich spielt die Defensive mal mit einem Pass die Kette des FCK ins verderben. Natürlich auf rechts, denn dort liegte heute offensichtlich die Achillesferse der Gäste. Mai lupft in den vollen Lauf von Daferner, der nun – im Rollenwechsel zum Ausgleich – Hosiner flach bedient. Aus sechs Metern rummsdibumms rein ins Netz. Beim Torjubel zeigt der Österreicher seinen überraschten Kollegen und der Welt an der Glotze: Ja, ich hatte Sex mit Folgen. Und sehr vereinsdienlich wird das Kind in der Sommerpause zur Welt kommen.

Die zweite Halbzeit: Herzkasper, was willst du mehr?

Zimmer leitet ein, der heute eher schwache Stark spielt ungewollt nach außen, Hercher legt das Zufallsding für Pourié am kurzen Pfosten auf, der mit der Hacke einnetzen will. Aber der haut (natürlich) daneben, Ehlers hingegen nicht – ein unglückliches Eigentor. Es bleibt dabei: Beide Teams haben auf ihren linken Seiten große defensive Probleme und Lücken – das 2:2 zeigt das ein weiteres Mal. Direkt im Anschluss wird im linken Dresdner Strafraum komplett körperlos verteidigt, ein Kopfball knapp über die Latte ist die Folge. Weil Zimmer anders nicht beizukommen ist, hat Stark irgendwann die Nase voll, legt den Mittfelder und sieht – wie voerher Knipping – die fünfte Gelbe. Das verhindert aber nicht die erneute Kaiserslauterner Führung. Zimmer von links auf Ritter, der am Strafraum Redondo sieht – sehenswert und ohne Bedrängnis überwindet dieser Broll aus 17 Metern. Der Goalie hat keine Chance. 2:3.

Irgendwie läuft da gerade etwas gewaltig schief. Aber da hat Stefaniak einen Lichtblick, geht mit Ball am Gegner vorbei in den Strafraum, schießt aber aus kürzester Distanz Spahic in die Handschuhe. Frust kommt auf, Daferner geht ins Schimpfduell mit Zimmer. Kade kommt für Stark.

In Minute 67 dann fast der Knockout für Dynamo, doch im EinsgegenEins treffen elf Meter vor dem Kasten Brolls ausgezeichnete Reflexe auf Pouriés mangelndes Talent der Torerzielung. Kläglich vergibt das Teufelchen das eigentlich sichere vierte Tor der Gäste. Und diese Aktion ist der Gamechanger. Dresden ruckt an. Stefaniak schießt von der Strafraumkante, wird aber geblockt, wenig später versucht er es erneut – drüber. Auf der Pressetribüne wird ein Kollege seinetwegen unghalten. Zwar ist vieles, was Marvin Stefaniak macht, nur bedingt zielführend, aber es muss gelingen, seine Art des Spiels besser einzubinden. Denn die Laufwege sind oft goldrichtig, aber ebenso überraschend. Er ist überall zu finden und kann so auch ein entscheidender Faktor sein. Was ihm fehlt, ist die direkte Torgefahr. Ein Assist bislang ist zu wenig. Eine Viertelstunde vor Schluss geht er raus, Sohm kommt, wird aber keine Rolle spielen.

Was auch noch kommt, ist der erneute Ausgleich. Meier sieht Daferner im Strafraum, der aber seitlich mehr mit dem Rücken zum Tor steht. Da läuft sein Stumbuddy Hosiner perfekt ein, bekommt den Ball, läuft zur Grundlinie und sechs Meter vor dem Tor wartet schon Königsdörffer auf das Leder. Komplett allein gelassen, erzielt der Neunzehnjährige sein fünftes Saisontor – mit Schmackes und Auge hoch ins linke Eck. Es sind noch 16 Minuten zu spielen. Der Blutdruck läuft heiß.

Pourié versucht es noch einmal, aber im DreigegenEins wird er abgekocht, seine Elfergewinsel ist dann schon ein wenig peinlich, die Auswechlsung folgt wenig später. In der 81. wird ein dynamischer Kopfball mit Ach und Krach zur Ecke geklärt. Das Treten derselben übernimmt nun Will. Dessen Ball landet inmitten einer rotschwarzgelben Traube, flippert ein wenig, Knipping legt fast aus Versehen für Hosiner auf, der von der Fünfer-Linie das Runde humorlos reindrischt. Glaubste du nicht, haste nicht gesehen, wird der Hund in der Pfanne verrückt. Für den FCK kotzen nur Pferde vor Apotheken. Noch acht Minuten plus Nachspielzeit.

Aber es passiert jetzt kaum noch etwas. Diawusie und Mörschel bekommen noch ein paar Minuten, beide bitten zum Tänzchen an der Eckfahne der Gäste, um so clever den Uhrzeiger zu beherrschen. Und hatte ich bereits erwähnt, dass Ehlers auch offensiv etwas zeigen kann? Kann er, und er sollte es öfter tun. Dann ist Schluss. Es dauert doch ein wenig, bis das Adrenalin nachlässt. Puh!

Fazit: Ende gut, alles gut? Nicht ganz. Natürlich zählen die Punkte, aber defensiv war das kein guter Tag für Dynamo – vor allem auf der linken Seite. Und so obskur das klingt bei drei erzielten Gästetoren: Der FCK hätte mit etwas besseren Sturmkräften das Spiel wohl gewonnen. Wie aber andererseits die heimische Offensive zum dritten Mal mit vier Toren glänzt, war begeisterungswürdig. Ach ja: der Unparteiische? Kaum bemerkt. Gut so.

Man darf gespannt sein, wie der coronagenesene Trainer am Dienstag gegen Waldhof die Hintermannschaft umbaut, die ohne Becker, Knipping und Stark auskommen muss. Immerhin haben die Mannheimer nur ein Tor weniger geschossen als Dresden, aber aben auch 14 mehr bekommen.

Noch ein Tipp: Hier kann man das ganze Spiel beim SRW auf Youtube legal nachschauen, ganz ohne Magenta und so.
Uwe Stuhrberg

SG Dynamo Dresden vs. 1. FC Kaiserslautern

23. Januar 2021, Anstoß: 14 Uhr
Tore: 0:1 Redondo (13.), 1:1 Daferner (32.), 2:1 Hosiner (45.), 2:2 Ehlers (46. Eigentor), 2:3 Redondo (58.), 3:3 Königsdörffer (74.), 4:3 Hosiner (82.)
Dynamo Dresden: Broll, Ehlers, Mai, Knipping, Meier, Stark (66. Kade), Stefaniak (75. Sohm), Will, Königsdörffer, Daferner (88. Diawusie), Hosiner (88. Mörschel)
Ohne Einsatz: Wiegers, Großer, Kwadwo
Zuschauer: 0
Schiedsrichter: Christof Günsch
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