Sand im Getriebe

Dresden spielt gegen Uerdingen die erste dynamische Nullnummer der Saison

Foto: SG Dynamo Dresden

Im Tennis muss man sich entscheiden, ob man auf Sand oder Rasen antritt. Spielt man dieser Tage in der Harbig-Schüssel Fußball, geht beides auf einmal. Denn um die Schlaglochdichte auf dem Dorfacker auch nur etwas zu lindern, verteilte man zirka zehn Tonnen Sand über die schlimmsten grasfreien Flecken der Spielstätte. Das sah nicht nur gruselig aus, auch der Spielkultur war es wohl nur bedingt zuträglich. Aber wer weiß schon, wieviel schlimmer es ohne die Streuaktion „Enter Sandman“ gewesen wäre? (Hatte ich erwähnt, dass Metallica vor dem Spiel lief?) Kommende Woche hat das Elend schließlich ein Ende, wenn neues Grün, das den Namen auch verdient, eingepflanzt wird.

Wie erwartet, gab es auf dem Dresdner Aufstellungszettel keine Überraschungen, Kade im Kader für den verletzten Will. Beim KFC saß Kinsombie, der namenstechnisch prominenteste Spieler, auf der Bank. Das Team des Mentalitätsmonsters Stefan Krämer reiste mit ziemlichen Personalsorgen an. Und nur so nebenbei: Die Uerdinger werden nicht vom Ekelhähnchenteilepanierer gesponsort – KFC steht für Krefelder Fußball-Club plus eben Uerdingen 05. e.V.

Die erste Halbzeit: Mehr und mehr Flat-Earth-Niveau

Den Antoß hat Schwarz-Gelb mit Spielrichtung auf den verwaisten K. Und es wurde auch erstmal etwas mit Fußball probiert. Weihrauch legt sich gleich mit drei Gegnern an, löst sich dann schick per Hacke aus der Umklammerung, aber Meier kann nichts damit anfangen. Dann erpresst sich Daferner die Kugel auf seine unnachahmliche Art, doch Königsdörffers Hereingabe ist wie fast alle in den letzten Wochen von minderer Qualität. Die Gäste hingegen gehen robust drauf, denn Krämer hat seinen Job gemacht: Mit Körperlichkeit und auch Fouls jeglichen Spielfluss unterbrechen, Dynamo die Lust am Fußballspielen nehmen. Drei gelbe Kartons in Halbzeit eins werden nicht umsonst gezeigt.

Dynamo hält zwar dagegen, aber mit diesen Gästen und diesem Boden muss die Heimelf ein Spiel spielen, dass ihr nicht liegt. Ungezählte lange Pässe werden geschlagen, viele davon haben den Geruch nach Alibi an sich oder fliegen nach dem Motto „Good Luck“. So sind es die Uerdinger, die sich nach elf Minuten eine erste Chance erwühlen, aber das abgefälschte Schüsschen aus dem dichten Gedränge fängt Broll ohne Mühe. Mehr Mühe hingegen hat Königsdörffer einmal mehr, wenn es auf seiner Seite defensiv zur Sache geht. Der Wilhelm-Bendow-Klassiker „Ja wo laufen sie denn hin“ scheint immer wieder in seinem Kopf zu rotieren, denn auf fast jede einfache Köperdrehung seiner Gegenspieler fällt er herein. Zu selten wird die junge 35 auch mal eklig dran an Mann. Ganz anders auf der Gegenseite Meier, dessen Entwicklung fast atemberaubend ist, auch wenn sie an diesem Nachmittag nicht so augenfällig zu sein scheint. Immerhin versucht es Königsdörffer noch einmal mit der Reprise seines Hebers aus dem letzten Spiel, doch diesmal verfehlt er knapp den Knick.

Überhaupt ist der Distanzschuss das versuchte Mittel, wobei die Betonung auf Versuch liegt. Mörschel verfehlt aus 30 Metern den Broll-Kasten, Mai zirkelt sehenswert knapp am Jurjus-Tor vorbei. Doch insgesamt nimmt das Ganze mehr und mehr Flat-Earth-Niveau an. Eine halbe Gelegenheit gibt es noch für die Krefelder, als die Dreier- mal zur Fehlerkette wird und Mai vor Kiprit via Knipping-Knie für Pusch auflegt, eine andere, als Kade hochenergetisch über das ganze Feld marschiert, aber Meiers Nach-innen-Pass zur Ecke geblockt wird. Ach ja: Wollen wir über Ecken reden? Besser nicht. Nur soviel: Auch Weihrauch versucht sich an einer Wiederholung aus dem Duisburg-Spiel – remember the third goal. Aber der Zehner spielt dem genau für diesen Fall halbkurz postierten Weißblauen genau in die Füße – und leitet so einen Konter ein, den Mai immerhin beenden kann. Dann ist es Hartmann, der mal wieder nach einem Weihrauch-Freistoß zulangen will, aber ziemlich handgreiflich am Abschluss gehindert wird; ein Elfer wäre keine Fehlentscheidung gewesen.

Bis zum 45er-Pfiff bleibt es bei der Unansehnlichkeit der Partie. Es ist ein Hängen und Würgen, kämpferisch natürlich, aber kaum zielorientiert, wenn man das Toreschießen als Ziel definieren möchte. Wille ja, Mut eher nicht. Man hat das Gefühl, die SGD-Mannen setzen darauf, dass mit etwas Geduld das Tor schon irgendwann fallen wird. Doch es sind einfach zu viele einfache Ballverluste von hinten heraus – diesmal auch von Weihrauch und einmal mehr von Mai oder Königsdörffer – die das Mittelfeld zur Hungerzone machen und im Sturm nicht einmal das sogenannte laue Lüftchen erahnen lassen.

Die zweite Halbzeit: Das letzte Kapitel mit Hartmann und Burda

Man hatte die Hoffnung, Markus Kauczinksi würde etwas Frische bringen, tut er aber vorerst nicht. Niemand hätte sich gewundert, wenn Königsdörffer oder Weihrauch daußen geblieben wären. Kurz nach dem Wechsel schlägt dann der sehr bemühte Kade eine einsame Schlacht gegen viele und erzwingt eine Ecke. Für diese ist jetzt Meier zuständig, da – wie sich nach dem Spiel herausstellen wird – Weihrauch durch einen Fehltritt in den Schlammboden schusstechnisch nicht mehr fit ist. Da muss die Frage erlaubt sein: Warum wird ein Spieler, der seine Skills nicht mehr auf den Battleground bringen kann, nicht ausgewechselt?

Dann bleibt Knipping liegen, ein Sturz auf seine Hand hat offensichtlich sehr schmerzhafte Folgen. Als der Innenveteidiger nach der Behandlung zurück auf das Feld will, verweigert der Berliner Schiedsrichter Max Burda auffällig lange das Comeback – mitten in einer Drangphase des KSC. Überhaupt kommt die Krämer-Elf jetzt mit den ganzen Umständen besser zurecht. Zwar steht die Heimdefensive einmal mehr sicher, aber Befreiung nach vorn findet kaum noch statt. Nicht einmal aus der Ferne gibt es Schussversuche der SGD.

Als sich nach knapp 70 Minuten Diawusie für die Einwechslung bereitmacht, kommt man aus dem Staunen kaum heraus, dass Hosiner für ihn das Feld verlässt, aber möglicherweise ging dem 31-Jährigen die Puste aus. Es ist Weihrauch, der dann noch mal das Herz in beide Hände nimmt, mit Willen nach vorn stürmt, aber der von ihm bediente Kade sieht nicht nach links oder rechts, sondern semmelt mit einem überhasteten Schussversuch nur direkt in den vor ihm stehenden Gegenspieler. Dann kommt Stefaniak für Weihrauch.

Das Schlusskapitel unter einem nun sehr schönen blaugrauen Himmel schreiben dann Marco Hartmann und Max Burda. In Minute 76 legt der Dresdner Ex-Käptn den gerade eingewechselten Grimaldi und sieht Gelb. Drückt man bei diesem Spiel aber mal die Fast-Backward-Taste, hätte es nach diesem Ermessen etwa 20 Verwarnungen geben müssen. Etwas mehr als fünf Minuten sind vergangen, da sieht Hartmann schon wieder Gelb. Erst bekommt er unglücklich den Ball an die Hand, dann drischt er ihn direkt nach dem Pfiff weg. Wofür nun genau das Rot-Gelb gezückt wird, bleibt unklar, ungeschickt in Summe sah es allemal aus, wenn auch der Moment zwischen Pfiff und angeblichem Ballwegschlagens viel zu kurz war, um eine Absicht zu unterstellen. Nun fehlt die Sechs ausgerechnet gegen Halle.

In Überzahl wittert Uerdingen nun seine Siegchance und ruckt noch mal an. Das Trainerteam winkt Ehlers zum zweiten Mal zur Einwechslung (schon bei der Knipping-Verletzung stand er bereit), doch es kommt nicht dazu. Kauczinski sieht, dass der ins Defense-Zentrum beorderte Stark einen guten Job macht und bringt für die letzten Sekunden Sohm für Daferner, aber Sohm wird nach dem letzten der rar gesäten Dynamo-Angriffe nur mit einer Katastrophen-Flanke auffallen. Die anderen Einwechlser – Diawusie und Stefaniak – machen nicht wirklich von sich reden. So drückt die dichte SGD-Verteidigung auch die letzten Versuche des KSC in den Skat und rettet in Unterzahl den einen Punkt.

Fazit: Zehn Tonnen Sand im Getriebe der Sportgemeinschaft waren deutlich zu sehen, was im Umkehrschluss bedeutet, dass man auf neuem Geläuf beweisen muss, dass man seinen Fußball unter besseren Bedingungen auch auf den Rasen bekommt. Wir sind gespannt. Und: Uerdingen hat geziegt, dass das neue Dynamo-System gut auszurechnen ist, wenn man konzentriert und hart dagegen angeht. Es wäre also mal wieder Zeit für Überraschungen.
Uwe Stuhrberg

SG Dynamo Dresden vs. KFC Uerdingen 05: 0:0

5. Dezember 2020, Anstoß: 14 Uhr
Dynamo Dresden: Broll, Mai, Hartmann, Knipping, Meier, Stark, Kade, Weihrauch (74. Stefaniak), Königsdörffer, Hosiner (68. Diawusie), Daferner (90.+2. Sohm)
Ohne Einsatz: Wiegers, Becker, Ehlers, Kulke
Zuschauer: 0
Schiedsrichter: Max Burda
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