Scheiße am Schuh

Dynamo bettelt in Köln um die Niederlage und bekommt sie geliefert

Foto: SG Dynamo Dresden

Zwei Tage hatte ich Zeit, mir das Spiel wieder und wieder anzusehen, aber immer nur in Bruchstücken, da es Gänze kaum auszuhalten ist. Ach, hätte es doch nicht nur zehn Minuten später begonnen, sondern gleich überhaupt nicht stattgefunden. 75 Minuten reines Ärgernis wären einem erspart geblieben. Und so konnte die Viktoria zu Köln im dritten versuch gegen die SGD ihrem Namen alle Ehre machen.

Die erste Halbzeit: Es kam wie es kommen musste

Eine knappe Viertelstunde passiert nichts, also wirklich nichts. Dann ein Geistesblitz von Dennis Borkowski: Er sieht den Laufweg von Manuel Schäffler genau zwischen die rheinischen Frohnaturen und gibt dabei noch den Honeypot für gleich drei Gegner. So gilt für Schäffler: Bahne frei, Kartoffelbrei, mittig kommt Ahmet Arslan mit der den Ball am überspielten Torwart vorbei nur noch einschieben muss. Englische Woche mit neun? Denkste!

Denn was jetzt passiert, kann so eigentlich nicht erklärt werden. Wollte man jetzt schon das Ergebnis halten? Fakt war: Das Offensivspiel wurde quasi eingestellt. Das Defensivspiel der Offensive ebenso. In der Folge rollte jeder Angriff auf den alleingelassenen Paul Will im Mittelfeld zu, der von außen keinerlei Support bekam. War Will überspielt, standen die Kölner einzweifix in großer Zahl vor der letzten Linie. Spätestens nach dem ersten Gegentor in der 22. Minute hätte Markus Anfang vielleicht korrigieren müssen, den ob seiner von Beginn an leistungsschwachen Vorstellung fast schon bemitleidenswerten Jan Shcherbakovski auswechseln für Kevin Ehlers oder Yannick Stark, um die immer wiederkehrenden Viktoria-Wellen zu bändigen. Ach ja, der Ausgleich: ebenso schlicht wie schnell gespielt. Und dass Meißner das Ding dem armen Kyrylo Melichenko durch die Hosenträger ballert, kommt als deprimierendes Detail noch hinzu.

Was auch auffällt: Wie schon in der letzten Saison fehlt der SGD eine Leader-Persönlichkeit auf dem Feld. Was das ausmachen kann, zeigt beim Gegner Marcel Risse, andere Beispiele sind Marcel Stoppelkamp in Duisburg oder Stefan Lex in München. Tim Knipping ist ohne Frage ein großartiger Verteidiger, aber kein Lenker des Spiels, der alle mitreißt, wenn die Scheiße am Schuh stinkt. Remember Marco Hartmann, Michael Hefele oder Cristian Fiel.

Das Einzueins bringt bei Schwarzgelb keinen Hallowach-Effekt, jetzt wird um das zweite Gegentor regelrecht gebettelt. Eine Gegenwehr vor dem Strafraum ist quasi kaum noch zu erkennen, es wird nur last second geklärt oder geblockt. Ein Weg nach vorn – und sei es nur zur Entlastung – ist nicht zu finden. So kommt es wie es kommen musste: Zweizueins kurz vor der Pause, wieder durch Meißner. Und diesmal war sogar im Sechzehner reichlich Platz in der roten Zone. Im Prinzip erinnerte die Szene an den Kammerknecht-Treffer gegen Verl.

Die zweite Halbzeit: Drei Versuche ohne Erfolg


Markus Anfang hat nun ein Einsehen mit Shcherbakovski und bringt Ehlers. Ansonsten können wir es hier kurz machen. Es wird defensiv deutlich besser, doch nach vorn gibt es in 45 Minuten nur drei nennenswerte Aktionnen. So scheitert Borkowski nach einem sehenswerten Diagonalpass von Kade am Torwart. Nimmt man die letzten beiden Spiele hinzu, wird das Nichtverwerten solcher Hochkaräter langsam zum Ärgernis – dabei hat er gegen die Löwen doppelt gezeigt, dass er es doch kann. In der 62. Minute verfehlt Will den Kasten nur um Zentimeter und der eingewechselte Weihrauch verschnibbelt sich sieben Minuten vor Schluss um Haaresbreite. Das war es dann auch schon, Köln bringt den knappen Vorspung über die Zeit, Dresden findet nicht den Punch, wenigstens einen Punkt mitzunehmen. Nur die mitgereisten Fans verdienen sich an diesem Nachmittag einen Extra-Point.

Über die Ursachen dieser zweiten Saisonniederlage zu spekulieren, ist müßig, einiges ist aber offensichtlich. Die SGD kann die Verletzungen von Spielern wie Conteh, Akoto, Vlachodimos oder Seo in der Breite nicht kompensieren. Ob der eigentlich als angeschlagen gemeldete Kade noch nicht im Vollbesitz der Kräfte war, kann nur vermutet werden, ebenso, warum Park nach seiner Rückkehr einen eher schwachen Eindruck hinterließ. Dazu hat der Sturm dauerhaft Probleme in der Chancenverwertung – wie schon in den beiden Spielen, die gewonnen wurden – die Besetzung des Strafraumes in Angriffssituationen ist mangelhaft oder die Spitzen werden ungenau bedient. Wenn man sich ansieht, was für Schützenfeste auf anderen Drittligaplätzen gefeiert werden, kann einem Angst und Bange werden. Auch die Elversberger, die am kommenden Sonnabend in debütieren, haben jüngst die eigentlich kampfstarken Zwickauer mit fünf Toren abgefertigt. Wer da einen leichten Sieg erwartet, hat schon verloren.
Uwe Stuhrberg

FC Viktoria Köln vs. SG Dynamo Dresden 2:1

13. August 2022, Anstoß 14 Uhr
Tore: 0:1 Arslan (14.), 1:1 Meißner (22.), 2:1 Meißner (43.)
Dynamo Dresden: Drljaca, Melichenko, Kammerknecht, Knipping, Park (78. Park), Will (71. Weihrauch), Kade (71. Stark), Shcherbakovski (46. Ehlers), Arslan, Borkowski (78. Kutschke), Schäffler
Ohne Einsatz: Heeger, Lehmann, Kulke, Batista Meier
Schiedrichter: Florian Exner
Fans: 3.412
www.dynamo-dresden.de