Steine aufs Glashaus

Kurz vor dem Ende der Spielzeit: Was wird aus der Theaterruine St. Pauli?

Jörg Berger, Gründer, Vereinschef und Dauerregisseur. Foto: Andreas Herrmann

Man soll ja nicht mit Steinen aufs Glashaus werfen – vor allem dann nicht, wenn man selbst drin sitzt. Bei jener Kirchruine im Hechtviertel sitzt da der TheaterRuine St. Pauli e.V., aber wer ab 2021 den Platz einnimmt, wird im November neu entschieden. Der sportliche Fahrplan – nach der Stesad-Kündigung Anfang August – ist in der Ausschreibung fixiert: bis 2. Oktober Bewerbung, mögliche Gespräche am 12. und 16. Oktober, bis zum 15. November eine »herbeigeführte Entscheidung«.

Gefordert ist ein gemeinbedarfsorientiertes, kulturelles und bedarfsgerechtes Konzept zur »nachhaltigen Betreibung«. Die »Leitlinien« seien Erneuerung und Schärfung des Profils, die Erhöhung der künstlerischen Vielfalt und Qualität sowie eine Erhöhung der Relevanz im Sinne der Stadtteilkultur für den Sozialraum »Unterer und Oberer Hecht«. Wer hundert Punkte (Konzept: maximal 45, Finanzen 30, Referenzen 15, Präsentation 10 Punkte) hat – gewinnt garantiert.

Tut das nun not? Mitten in der schwersten Kulturkrise Dresdens seit der Wende, die bis zum Frühjahr noch etliche Neubewerber auf Billigjobs in der Dienstleistungsbranche generieren wird oder Künstler in die von Frau Grütters als »Sozialpaket« gepriesene Hartz-Hängematte entsenden wird, entscheidet sich Dresden für eine Neubetreibung für die einzige etablierte Spielstätte als Kulturanker im Hecht?!

Dabei hätte die Kulturentwicklungs- oder nunmehr -erhaltungsbrigade der Landeshauptstadt, seit zwölf Jahren von den Linken kuratiert, eigentlich derzeit andere, dringendere Hausaufgaben, könnte man meinen. Erinnern wir uns an das vorhersehbare Ende aus dem Kulturhauptstadtprozess, das noch immer der selbstkritischen Analyse harrt, oder an den neuen Kulturentwicklungsplan, der eigentlich ab Januar diskutiert werden sollte. Nun fehlen wohl zudem, nach ersten vagen Schätzungen, rund 100 Millionen im Steuersäckel.

Stadt will intensivere und vielfältigere Nutzung

Doch das greift zu kurz, denn der Streit schwelt schon weitaus länger. Und hat nun zur Kündigung geführt, weil die Stadt plane, das »Objekt einer anders strukturierten Nutzung zuzuführen«. Das war lange im Gespräch und wird nun durchgezogen. Der Ausschreibungstext und die Antworten aus der Kulturverwaltung machen wenig Hoffnung auf eine Weiterarbeit des Vereins in der bisherigen Form. Die Gründe seitens der Stadt: Bereits 2014 wurde in einer Evaluation der institutionellen Kulturförderung, also einer sogenannten »Wirksamkeitsanalyse« durch eine externe Fachjury festgestellt, dass die Theaterruine großes Potenzial besitze, das auch in Anbetracht des akuten Raummangels freier Kulturinitiativen intensiver als bisher genutzt werden sollte. Darüber hinaus sei es ein attraktiver Spielort, dem man perspektivisch deutlich mehr Vielfalt angedeihen lassen müsste.

Das Urteil ist hart: Seit der Überdachung des Gebäudes habe sich der Raum stark verändert, die künstlerische Entwicklung des St. Pauli Theatervereins stagniere. Ein neues Konzept sei seit dem Jahr 2015 mit dem Verein ohne erkennbaren Erfolg diskutiert worden. Wortwörtlich heißt es: »Die in den Jahren 2015 bis 2018 mit dem Verein durchgeführten Beratungen mit dem Ziel der Umsetzung dieser Empfehlungen müssen als erfolglos angesehen werden.« So habe der Ausschuss für Kultur und Tourismus im November 2019 die Verwaltung zur Kündigung und Neuausschreibung aufgefordert. Nun soll auf Vorschlag der Verwaltung die Eigentümerin Stesad GmbH mit dem im Verfahren ausgewählten Interessenten einen Mietvertrag ab 2021 für fünf Jahre abschließen. Die Entscheidung wird von einer Jury getroffen, in der Stadtbezirksrat, Stadtrat, Stadtbezirksamt, Amt für Kultur und Denkmalschutz, die Stesad und die Facharbeitsgruppe Darstellende Kunst vertreten sind.

Kulturbürgermeisterin Annekatrin Klepsch (Die Linke) sieht in der Neuausschreibung der Betreibung nach mehr als 20 Jahren eine Chance, um andere Akteure und freie Träger mit einem vielfältigen Jahresprogramm wirksam werden zu lassen: »In Dresden sind in den letzten Jahren eine Vielzahl neuer Initiativen und Vereine in der Freien Szene entstanden. Seitens der Kulturverwaltung wird eine stärkere Einbindung der unmittelbaren Anwohner aller Generationen und Milieus in variablen Formaten favorisiert.« Das bedeute: unterschiedliche Theaterformen, andere Regiehandschriften, eine Kulturpädagogik mit anderen Arbeitsweisen und Projekten, mehr Raum für ansässige Initiativen und Vereine, die lokale Kreativwirtschaft, die Schulen und  Kindertageseinrichtungen, aber auch die Einbindung der Gastronomie und der Geschäfte im Viertel.

Wer will da rein?

Was der künftige Glashausmieter (und alle Steinewerfer) beachten sollten: nur fünf Monate Nutzungszeit (mangels Heizung), mangelhafte Akustik mit lästigem Nachhall von drei Sekunden, gepflegte Wärme im Sommer (mangels Kühlung – und mit teilweise direkter Sonneneinstrahlung auf Bühne und Zuschauer). Theatergerechte Lichtstimmungen gelingen ab halb zehn Uhr abends sinnlich, ab 22 Uhr muss allerdings anwohnerbedingt Ruhe sein, Parkplätze sind im 500-Meter-Umkreis ein ganz großer Glücksfall. Dazu kommt die mietfreie Mitnutzung der Kirchgemeinde sowie des Kirchspiels sowie eine maximale Zuschauerzahl von 246 Personen. Es geht also um rund 150 Veranstaltungsabende per anno – doch allein im Sommer 2018 gab es 30 Prozent hitzebedingte Einnahmeausfälle.

Dabei ist der Theaterverein St. Pauli im Dresdner Hechtviertel seit 1999 eine fixe Größe auf der Neustädter Elbseite, seit dem städtischen Umbau im unbeheizten Glashaus der Ex-Kirche. Eröffnung war 2012, vorher echtes Sommertheater in lauschiger Kulisse, nun war sogar Bespielung von April bis Oktober, also nicht nur während des ganzen Sommers, möglich. So es das Publikum will (und anders als Profis), wird sowohl bei Kühle, aber zumeist bei Hitze und Licht gespielt.

Den ganzen Sommer 2020 trotzte das Ensemble der großen Kulturseuche und half, die riesigen Löcher im lokalen Kulturkalender zu füllen, auch wenn die beiden eigentlich geplanten Premieren dieses Jahr ausfallen mussten. Das gesamte Programm – derzeit stehen sechs Stücke im Repertoire, welches in der Regel über drei Jahre hält und somit jeweils 40 bis 70 Aufführungen erlebt – ist oft nicht höchster Natur, aber generell unterhaltend. Und immer wird es so hingebungsvoll gespielt, dass man den Grundcharakter – nämlich Laientheater als soziales System in zunehmender städtischer Vereinsamung – rasch vergessen kann. Die subjektive Kunstkritikkeule sollte also besser anderswo niedersausen (oder stecken bleiben) – die jährlich 20.000 Zuschauer und die Eigeneinnahmen sind durchaus zum Vergleich heranzuziehen.

Jörg Berger, als Gründer, Vereinschef und Dauerregisseur quasi seit 1999 Intendant, erklärt die Vereinssicht und seine Zweifel: »Wir sind ratlos. Wir wissen zwar, dass die Stadt unser Konzept nicht so will, aber wir wissen nicht, was sie stattdessen möchte. Wir machen mit 25.000 Euro Förderung rund 140 bis 150 Veranstaltungen pro Jahr und damit rund 100.000 bis 110.000 Euro Umsatz – und zahlen davon seit 2012 rund 50.000 bis 55.000 Euro Miete inklusive Betriebskosten pro Jahr. Ich weiß nicht, wie ein künftiger Betreiber unter diesen Rahmenbedingungen mehr Vielfalt bringen soll.«

Jeder, der wolle, könne hier auftreten, wenn es sich für ihn lohne. Auch beim Vorwurf, dass eine andere Regiehandschrift mal guttäte, winkt Berger ab: »Erstens müsste ein Gastregisseur extra bezahlt werden, zweitens ab Januar bis zur Premiere jede Woche Zeit haben und drittens mit den Leuten hier auch klarkommen. Das ist nicht so einfach – haben wir schon versucht.« Neben seinem Job sind auch jene von Cheforganisatorin Astrid Rabe und Allroundtechniker Philipp Cronacher gefährdet – das zweite Standbein, der Sankt-Pauli-Salon auf der Hechtstraße, wird dies nicht abfedern können.

So kämpfen Berger und sein Verein weiter: »Wir werden uns sicher auch bewerben – gemeinsam mit starken Partnern.« Zudem laufen zwei Petitionen parallel, jene auf der offiziellen Stadtseite hat der Verein selbst initiiert. Sie läuft bis 5. Oktober und hatte bis zum 17. September laut Vereinsseite 3.708, laut Stadt 2.497 Unterzeichnende. Zum Vergleich: Die Petition zur Verlegung des Fernsehturms in die Stadtmitte hat 343, die Umbenennung von Dresden-Nickern zum Beispiel in Dresden-Kurzschlaf (oder -Farbenfroh) hatte da elf, die für einheitliche DVB-Handtücher gegen Busfahrersitzschweißflecken fünf Zustimmende.

Der Text dazu ist eindeutig: »Die Unterzeichnenden fordern die Landeshauptstadt Dresden dazu auf, die Kündigung des Mietvertrages zurückzunehmen und den TheaterRuine St. Pauli e.V. als Betreiber der St. Pauli Ruine zu unterstützen und institutionell zu fördern.« Dort findet sich auch der Verweis darauf, dass jährlich ehrenamtlich etwa 18.000 Stunden durch die 70 Vereinsmitglieder – auch beim Abenddienst oder an der Bar – geleistet werden. Das entspräche (bei Mindestlohn) einer zusätzlichen Investition in die Kultur von mehr als 160.000 Euro – zwei randständige Freizeitfleißzahlen, die die Zukunftsjury schon irgendwie beachten sollte.

Sirenengesang bis zur Arschkälte

Noch Anfang Juli, also bevor sich der Stadtrat für eine halbe Mille (genauer: 500.291 Euro netto, davon 254.150 Euro Gage für Künstler (inklusive 4,2 Prozent für KSK) als klassischer Fall rascher Privatisierung öffentlicher Gelder entschied (statt das Geld in bestehende prekäre Strukturen zu stecken) und sich damit längst vergessene »Kulturinseln« leistete, hatte die Theaterruine St. Pauli, die mit dieser Summe 20 Jahre (bei Status quo) hinkäme, beste Werbung in eigener Sache betrieben und der damals regelrecht öden Livekunststadt Dresden eine echte Premiere beschert.

Sie hieß »Sirene« und im Untertitel »Die TheaterRuine zeigt Stimme«. Die ob der Proben im Freizeitmodus einzig mögliche Neuproduktion des Jahres umfasste mit 27 Songs das Beste aus jenen sieben musikalischen Programmen, die seit der Verglasung der ehemaligen Ruine, also ab »Purcels Traum von König Artus« von 2012, hier Premiere feierten. Bevor die Entscheidung fällt, wie es nächstes Jahr weitergeht, ist volles Programm angesagt. Auch die einzige Seuchenjahr-Produktion, mit der die Ruinenbesatzung durchaus auch Profitheatern zeigte, was alles geht, wenn man sein Publikum wirklich will – ist am 7. Oktober noch einmal zu erleben.

Ganz zum Schluss der (jetzigen Vereins-)Spielzeit, am 17. und 18. Oktober, kommen dann noch einmal die Vorjahresproduktionen »Frankenstein« und »Endlich allein!« zur Aufführung. Dazwischen eine Woche voller durchaus interessanter Gastspiele: Derevo gastiert mit »Reinheit« (10. Oktober), dann die Klangbrücken (11. Oktober) und Andreas Zöllner (13. Oktober), bevor HoyWoy per Film zeigt, was in Schrumpfstädten abgehen kann: »Wenn wir erst tanzen« (15. Oktober) – von und mit Dirk Lienig, als Ballett- und einstigem Solotänzer, Choreograf und Regisseur in der KuFa wirkend.

Wie übrigens der halbe Stadtrat zu bezirzen ist, weiß man seit dem euphemistischen Inselkonzept – mit flotten Sprüchen unbekannter Herkunft: »Manchmal muss man das Chaos ein bisschen schütteln und es wird ein Wunder daraus«, stand da drüber – natürlich in Großbuchstaben, für jene, die einfache Sprache bevorzugen. Gäbe es Nietzscheianer im Stadtrat, hätten sie cool gekontert: »Kultur ist nur ein dünnes Apfelhäutchen über einem glühenden Chaos.«
Andreas Herrmann

www.pauliruine.de