Vernissage ohne Gäste

Mit dem Sieg gegen den KSC verschafft sich Dynamo Dresden Luft nach unten

Foto: SG Dynamo Dresden

Richtungsweisend ist so ein abgegriffenes Wort, das im Fußball viel zu oft benutzt wird. Für dieses Spiel konnte man es aber durchaus verwenden, denn nach dem Befreiungsschlägchen gegen Düsseldorf und dem Rückfällchen in Regensburg, war es nun wichtig zu wissen, ob die Reise in die Niederlagenserie wieder beginnt oder ob die Stabilisierung weitergeht. Voraussetzung für Letzteres war natürlich, dass man aus der Pleite beim Jahn die richtigen Lehren gezogen hat – in der Mannschaft und im Trainerteam.

Die Aufstellung versprach das schon einmal. Das unsinnige Experiment, Morris Schröter und Michael Akoto ohne Not auf die Bank zu setzen, wurde beendet. Chris Löwe kehrte auch zurück, obwohl Guram Giorbelidze eine würdige Vertretung im letzten Spiel war. Mit Herrmann gab es auf dem Ersatzspielermöbel einen Corona-Rückkehrer, und auch Sebastian Mai war nach Wochen wenigstens im Kader zu finden. Während Kevin Ehlers aus „positiven“ Gründen nicht dabei war, fehlten Philipp Hosiner sowie Pascal Sohm ohne nennenswerten Grund, der Österreicher nun schon zum dritten Mal in Folge. Auf der Gegenseite gab es ein Wiedersehen mit Philip Heise, der in seiner schwarz-gelben Phase für eine kurze Zeit ein dynamisches Duo mit Haris Duljevic bildete, aber nach Wechselquerelen immer mehr auf dem Platz abbaute. Nun scheint er beim KSC wieder in bester Form zu sein – gewarnt wurde vor ihm ebenso wie vor dem 1,95-Recken Philipp Hofmann.

Vor dem Spiel war meine Hoffnung: Vier Punkte bis zur Saison-Hälfte für 20 von 40. Also heute ein Remis und im Schacht ein Sieg – oder eben umgekehrt. Mit zwei Siegen zu rechnen – ist das erlaubt? Aber dann das Stadion. Leer. Schon das Einturnen und Übungsschießen ist öde. Schon wieder also dieser Scheiß. Aber wenn eben zu viele sagen „Alle oder keiner“, heißt das am Ende eben für alle „keiner“. Danke für nichts. Soweit, so ungut.

Die erste Halbzeit: In-der-Nase-Boring

Beim KSC-Anstoß hat Dynamo den verwaisten K im Rücken. Möglicherweise imaginiert der eine oder andere mit dem D auf dem Herzen eine laute Kulisse in seinem Inneren, zumindest rutscht schon nach einer Minute im KSC-Strafraum der Ball knapp an den Füßen von Brandon Borello vorbei. Ach herrje, man würde es ihm so sehr gönnen. Gleich im Gegenzug gibt es die erste Ecke für die Badener, die nach erster Abwehr einen Rebound und etwas Kopfball-Kuddelmuddel nach sich zieht, an dessen Ende der erwähnte Hofmann gefahrvoll den Fuß am Ball hat. Aber aus nur sieben Metern bekommt der Blondschopf das Runde nicht auf das Eckige. Wenig später zeigt Akoto im direkten Kopfballduell mit dem Hünen, dass er in der Luft auf jeden Fall mithalten kann. Es ist eben nicht alles eine Frage der Körperzentimeter, wenn das Timing stimmt.

Jetzt wird es boring, zum In-der-Nase-Bohren. Geht aber nicht, weil Maske. Da ist soviel Stückwerk auf beiden Seiten, dass es für eine Tausend-Teile-Puzzle reichen würde. Schröter mal hübsch gelaufen, Daferner mal geblockt, Stark mal mit einem Fehlpass ………………………….………………..… (Bitte tragen Sie hier Weiteres selbst ein.) Die Gäste mühen sich um Überlegenheit, die Heimischen üben die defensive Stabilität. Eine Viertelstunde klappt letzteres auch ganz gut, bis eben mal wieder Heise auf links gegen Becker durchbricht und den gut zum Fünfer laufenden Schleusener bedient. Doch dessen Schuss auf den langen Winkel hat Kevin Broll längst erahnt, den Wegschlag erledigt Königsdörffer. Doch huch, kein Wutanfall des Keepers diesmal, nur ein wenig Fuchteln und sicher ein stiller Spruch in sich selbst hinein.

Aber sonst steht man hinten gut, vor allem Akoto und Sollbauer agieren sowohl überlegt als auch ruhig und Löwe ist eben einfach Löwe – eine Klasse für sich. Aber nach vorn würgt sich der Dynamo-Motor immer wieder selbst ab. Julias Kades Mitwirken fällt erst auf, als er einen Doppelpass mit Löwe versemmelt. Dass aber trotzdem Feuer drin ist, zeigt sich am beständigen Anlaufen durch Borello, Daferner und Königsdörffer. Immer wieder fehlt den KSClern die Ruhe zum Spielaufbau, muss Torwart Gersbeck in hoher Not den Ball unkontrolliert wegdreschen. Und da, nach knapp 20 Minuten, landet ein solcher Abschlag vor den Füßen von Christoph Daferner, der den aufgerückten Goalie aus über 30 Metern überwinden will, doch das Tor um einiges verfehlt. Schade. Ich habe mich aber schon oft gefragt: Wenn schon das Haltepersonal so oft so weit vor dem eigenen Kasten steht, warum wird so selten aus 40 und mehr Metern ein Torschuss versucht? Kann man ja auch trainieren. Nur mal so.

Immerhin: Jetzt ist die Sportgemeinschaft besser im Spiel, vor allem Löwe, Stark und Schröter schieben immer wieder an, aber die berühmten Kleinigkeiten verderben den Brei. Und wo die Köche mal nicht falsch dosieren, haut die KSC-Elf dazwischen – so gibt es schon in Hälfte eins zwei gelbe Kartons.

Eine halbe Stunde ist rum. Da meint sicher der eine oder andere Akteur der SGD, dass man noch etwas unternehmen sollte, um die fällige Schmidt’sche Halbzeitrede etwas abzumildern. Das Geschehen verlagert sich also zusehends in den blauweißen Raum; nach einer Ecke köpft Akoto auf das Tor, aber ohne Druck dahinter. Dann bleibt Königsdörffer bei einem an sich guten Konterversuch stecken, nur Sekunden später geht bei einem ebenso aussichtsreichen Ansatz der Pass in eine gähnende Leere. Dann ein feiner Querpass von Becker parallel zur Sechzehner-Linie, aber Kade will es besonders gut machen, schließt dabei aber vollkommen überhastet ab – satt Donnereinschlag ein laues Lüftchen. Es ist nicht sein Tag.

Dafür ist Akoto schon wieder vorn dabei, köpft aber nach einer Ecke direkt in die Torwarthandschuhe. Überhaupt sehen die Versuche von der Fahne heute besser aus als zuletzt. Da ist es schade, dass Schiedsrichter Benjamin Cortus eine letzte nicht mehr ausführen lässt, sondern zur Pause pfeift. Das sorgt für leichten Unmut auf dem Rasen und sollte auch regeltechnisch geklärt werden: Wenn es einen Freistoß oder eine Ecke gibt, sollten dieser Standard auch ausgeführt werden, selbst wenn die Spielzeit oder Nachspielzeit vorbei ist. Ansonsten führt der Referee dieses Spiel ziemlich gut, die Bewertung der Infights hat eine klare Linie, die Abseitsbewertung ist tadellos. Insgesamt lässt dieser erste Durchgang Hoffnung auf einen der ersehnten vier Punkte.

Die zweite Halbzeit: A kind of Magic

In der Pause erklingen aus den Stadionboxen die Talking Heads: „We’re one the road to nowhere“. Da wollen wir dem Stadion-DJ mal keine Kassandra-Qualitäten unterstellen. Mit Billy Idols „Rebel Yell“ kam aber dann noch ein anderes, das richtige Zeichen.

Der zur Pause sonst wechselfreudige Alexander Schmidt lässt das Startpersonal wiederbeginnen. Gleich als erstes schlägt Kevin Broll einen Abschlag über den anvisierten Außenbahnler hinweg. Es sollte nicht das einzige Mal sein. Aber bevor ich noch Zeit hatte, die Backen aufzuplustern und am Halbzeitkaffee zu nippen, kommt schon nach zwei Minuten Bewegung auf an der rechten langen Linie. Königsdörffer macht sich dort auf den Weg, spielt lang auf Schröter und läuft dann nach innen zur Strafraumgrenze. Und was jetzt kommt, is a kind of magic. Schröter spielt einen harten Pass, den Königsdörffer direkt hinter der 16er-Kante annimmt. Zwei Verteidiger machen den Schritt auf ihn zu, die 35 täuscht eine Körperdrehung nach links an, dreht sich dann aber mit einem Bossmove nach rechts und geht durch das Defensiv-Doppel durch wie es einst Odysseus mit Skylla und Charybdis hätte tun sollen. Der antike Held schaffte es nicht, aber Königsdörffer schon. Der Weg ins Glück ist nun frei, doch nein, der Stürmer fällt – nicht. Bekommt er den Ball an die Hand? Nein. Aufrappeln, Gersbeck ausgucken, die Lücke zum langen Pfosten checken und mit rechts und leichter Wucht rein damit. Erstes Zweitligator, erstes Saisontor. Ransford-Yeboah Königsdörffer hat ein Kunstwerk ausgestellt, doch zur Vernissage vor dem K durften keine Gäste kommen. Schön und tragisch zugleich.

Nun soll nachgelegt werden, keine Zitterpartie wie gegen Düsseldorf. Borello, Daferner, Schröter forcieren den Doppelpass, Löwe flankt, Kade knapp vorbei, ein Volleyschuss verfehlt. Und dann das: der Ausgleich. Schon wieder ein Freistoß mit anschließendem Flipperchaos. Am Ende köpft der baumlange Hofmann auf den direkt vorm Tor lauernden Schleusener, der nur noch an Broll vorbei einschieben muss. Man kann jetzt meckern, wessen Mann das war, aber fast auf der Linie und bei der realen Geschwindigkeit, ist es ganz am Ende schwer zu verteidigen. Die beste Lösung wäre gewesen, Stark und Akoto machen einen fix einen Schritt zurück, dann ist es Abseits. Zwischen Lust und Frust lagen nur fünf Minuten. Und Broll? Er hadert, brüllt aber nicht.

Aber auf dem Platz kommt kein Frust auf. Ein flacher Freistoß auf Borello wird zur Ecke geklärt, diese Ecke wird zu einer weiteren Ecke geklärt. Und was wird mit dieser Ecke geklärt? Das 2:1! Nur zwei Minuten nach dem Ausgleich. Schröter hebt den Ball auf den ersten Pfosten zu Stark, doch Heise ist vor ihm dran und verlängert auf den langen Pfosten, wo Königsdörffer zu Stelle ist und einnickt. Über die Stationen Dynamo–Ex-Dynamo–Dynamo kommt die SGD wieder nach vorn. Und ja, ich bin noch nicht dement. Mein Genörgel über die bisherige Zweitligaschwäche der 35 ist mir durchaus im Gedächtnis. Großartig, dass die Torlosigkeit nun ein doppeltes Ende hat. Die Erkenntnis ist wohl: Der junge Stürmer wird anscheinend besser, wenn die Mannschaft besser wird. Der Vergleich zur ersten Hälfte legt das zumindest nahe.

Obwohl Karlsruhe nur ein Tor zurückliegt, ist bei den Gästen im Wesentlichen die Luft raus, Broll hätte schon nach einer Stunde nach Hause fahren können. Da kommt Will für Kade und auch Borello hätte fast sein erstes Dynamo-Tor erzielt. Doch der KSC-Torhüter klatscht den geschlenzten Kracher weg. Im neuen Anlauf lässt der bereits verwarnte Choi dann Akoto über die Klinge springen und sieht Gelb plus Rot. Ein kleines Rudel kommt gelaufen. (Kleine Anekdote am Rande: Direkt nach dem Foul habe ich mir etwas notiert und den Feldverweis nicht mitbekommen. Da ich die Spieler während der Partie nicht immer wieder zähle, wunderte ich mich auf dem Heimweg, warum der Reporter im Radionachbericht etwas von KSC und Unterzahl erzählte. Mit Fans im Stadion wäre das sicher nicht passiert, weil man auch anhand der Reaktionen auf den Rängen registriert, wenn was los ist. Tja, schöner Spezialist, dieser Autor hier;-)

Und jetzt Schröter, immer wieder Schröter. Wie ein warmes Tortenmesser durch die Schwarzwälder geht er auf rechts durch die KSC-Reihen, findet Akoto, der jedoch nur den Pfosten trifft. Auf der anderen Seite übernimmt Will den Ball von Königsdörffer und hebt ihn in den Strafraum, aber abgefischt. Es ist klar zu spüren: Der Deckel muss jetzt drauf. Und er kommt auch drauf. Fast 70 Minuten sind rum, da erobert Stark einmal mehr den Ball, wird gefoult, bekommt das Leder aber doch zu Daferner. Der läuft etwa zehn Schritte, sieht den Torwart mittig und zieht kraftvoll aus etwa 20 Metern ab. Der Ball geht zunächst in Richtung Keeper, dreht sich dann aber immer weiter nach links, sodass Gersbecks Strecken ohne Erfolg bleibt. Das 3:1 ist der Sieg, denn der Fußballgott hat an einem Sonntag anderes zu tun, als in diesem Zweiligakick für ein Wunder zu sorgen. (Wie gesagt: Dass die Gäste in Unterzahl spielen, weiß ich ja noch nicht.)

So, Haken ist dran, aber kommt jetzt noch das eine oder andere Schleifchen oben drauf? Wer weiß denn, was am Ende die Tordifferenz ausmacht? Aber erstmal muss Chris Löwe vom Platz, der nach einem Foul eine Flugeinlage gezeigt hat, und dabei etwas unsanft gelandet ist. Nix Schlimmes passiert, wird der Coach nach dem Spiel sagen. Guram Giorbelidze ist nun drin. Der KSC wechselt doppelt. Und Daferner versucht es noch einmal aus der Ferne, diesmal wird der Einschlag verhindert. Dann Borello: Er ackert und kämpft, doch noch überwiegt bei ihm der Wille über den Inhalt. Er braucht jetzt auch ein Tor, er will jetzt auch ein Tor. Sein Tor. Und in der 76. Minute wäre es auch fast passiert, doch seinem Konterabschluss fehlt es an Power, ein Abspiel vorher wäre wohl besser gewesen. Es geht jetzt Schlag auf Schlag: Wieder wird Königsdörffer vor Gersbeck freigespielt, überwindet ihn auch, kam aber klar aus dem Abseits zum Ball.

Für die Schlussphase arbeiten ab der 81. Minute Heinz Mörschel und Luca Herrmann für Daferner und Borello. Karlsruhe kann nicht mehr nachlegen, Dresden kontert munter weiter und hätte das vierte Tor machen müssen. Denn als Königsdörffer drei Minuten vor dem Ende der regulären Spielzeit allein Auge in Auge mit Gersbeck steht, bekommt er den Ball nicht am Torwart vorbei. Herrmann schließlich hat noch einen Heber knapp über den Querbalken im Köcher. Dann ist das Spiel aus.

Das Fazit

Das war mal wieder Two-Face-Dynamo. Die erste Halbzeit erinnerte durchaus an Regensburg, wobei man defensiv deutlich weniger zugelassen hat. Die zweite Hälfte offenbarte dann endlich, wozu die SGD-Elf in der Lage sein kann. Stark war zudem die Diversität der Tore: Einzelleistung, Standard, Weitschuss. Damit kannst du als zukünftiger Gegner im Videostudium wenig anfangen. (Haben die in Aue eigentlich schon Videorecorder?) Wenn jetzt im Schacht ein ganzes Spiel mal auch richtig durchgespielt wird, sollte auch dort ein Dreier gelingen. Und fast bin ich mir sicher, dass Brandon Borello dort sein erstes Tor schießen wird.
Uwe Stuhrberg

SG Dynamo Dresden vs. Karlsruher SC 3:1

5. Dezember 2021, Anstoß 13.30 Uhr
Tore: 1:0 Königsdörffer (47.), 1:1 Schleusener (53.) 2:1 Königsdörffer (55.), 3:1 Daferner (69.)
Dynamo Dresden: Becker, Sollbauer, Akoto, Löwe (71. Giorbelidze), Stark, Kade (60. Will), Schröter, Königsdörffer, Borello (81. Herrmann), Daferner (81. Mörschel)
Ohne Einsatz: Mitryushkin, Aidonis, Mai, Seo, Weihrauch
Schiedsrichter: Benjamin Cortus
Fans: 0
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