Verraucht

Viel Gewalt und vier Dynamo-Tore – wieder ein Aufstieg mit verdorbener Feier

Im Lockdown auf dem Parkplatz: Klaus Sammer (links) und Hans-Jürgen Kreische konnten sich nicht lange über den Aufstieg ihrer SGD freuen.

Es war ein denkwürdiges Bild. Klaus Sammer und Hans-Jürgen Kreische stehen auf dem Stadion-Parkplatz P1, um nach dem Vierzunullsieg ihrer Sportgemeinschaft mit Aufstiegsfreuden nach Hause zu fahren. Doch die Vereinslegenden müssen sich mit ihren 78 und 73 Jahren noch etwa zwei Stunden gedulden und sich die Vorführung eines Dramas ansehen, das viele Beteiligte hat. Doch der Reihe nach. Denn da war ja noch ein Fußballspiel, über das am Tag danach aber kaum noch jemand spricht. Leider.

Chapter 1: Ein Heber in den Fahrstuhl

Es ist eigentlich eine defensive Allerweltssituation. Eine Viertelstunde wurde gespielt, da bekommt Türkgücüs Yi-Young Park einen Kopfball vom eigenen Nebenmann zugespielt. Er ist nicht in Bedrängnis, könnte also in Ruhe annehmen. Aber diese Aufgabe scheint dem Südkoreaner irgendwie zu einfach, also sagt er sich: Mal sehen, wie weit ich köpfen kann, so 30 Meter vor dem eigenen Tor. Das Testergebnis lautet: nicht weit genug. Denn in großem Abstand vor dem eigenen Keeper kommt das Leder auf den Rasen als hübsch verpacktes Geschenk für Christoph Daferner. Der guckt sich die süße Schleife an und das mit Häschen dekorierte Einpackpapier und meint nur: Das kann ich nicht mit einem schnöden Schuss annehmen, da muss auch ich aufhübschen – und so überlupft er den hilflosen René Vollath mit aller Eleganz und schiebt seine Elf schon mal in den Fahrstuhl nach oben. Nicht unwichtig: Die kleinen Bayern führen gegen die Löwen.

Chapter 2: Ein Sprint für die Ewigkeit

Knapp 30 Minuten sind absolviert, da ertappt man sich wieder bei dem Gedanken, dass doch ein zweites Tor etwas Beruhigendes hätte. Zwar sind die Bemühungen der Schwarzgelben nach vorn da, aber oft so lala; hintenrum jedoch ist alles dicht, da gibt es nichts zu holen für Türkgücü. So wundert es auch niemanden, dass Heinz Mörschel den Ball kurz vor dem eigenen Strafraum bekommt. Aber siehe da: ein Blick, ein Pass. Über den halben Platz, fast zentral, in den Raum. Zwei Männer rennen los. Alexander Sorge im roten Hemd hat gefühlt fünf Meter Vorsprung und zudem den besseren Laufweg zum Ball. Ransford-Yeboah Königsdörffer im gelben Hemd liegt beim Start klar hinten. Er hatte Corona und beim letzten Spiel nur Luft für keine halbe Stunde. Und jetzt? Ein Sprint für die Ewigkeit! Lauf, Forrest, lauf, möchte man rufen. Mit einem unfassbaren Speed überholt der 19-Jährige nicht nur seinen neun Jahre älteren Gegenpart, er umrundet ihn zudem, stellt ihn an der Strafraumgrenze, narrt und täuscht, um dann, als Kerze auf der Torte, den heranstürmenden Torwart zu tunneln. Hastenigeesehn, wirsteblödeimkopp, wasnguterjunge. Nennt ihn bitte nie mehr Talent!

Chapter 3: Diese Freiheit nehm ich mir

Ach, wie oft hatten wir das Thema Einwechslungen in dieser Kolumne? Seit Alexander Schmidt irgendwie nicht mehr. Na ja, Luka Stor war diskutabel, aber der hat diesmal kaderfrei. Zur zweiten Halbzeit kommen Panagiotis Vlachodimos sowie Niklas Kreuzer für den agilen Jonathan Meier und den wiederholt unauffälligen Agyemang Diawusie. Zehn Minuten später stößt Philipp Hosiner dazu, um das Werk von Königsdörffer fortzusetzen. Eine reichliche Stunde ist rum, Daferner hat soeben freistehend versemmelt, da schüttelt Kreuzer auf seiner Außenbahn den Gegenspieler ab wie eine Mücke im Anflug, nimmt den Kopf hoch und dann geht es für Türkgücü einfach viel zu schnell. Pass zu Hosiner, der auf der Kreidelinie des Sechzehners lauert, der Österreicher dann one touch mit dem Außenrist auf den perfekt und allein anlaufenden Mörschel. Und der meint nur: Diese Freiheit nehm ich mir. Annehmen, ausgucken, einschieben – fast vom Elmeterpunkt am Goalie rechts vorbei. Dreinull. Scheißegal, wie es in Bayern steht.

Chapter 4: Das Beste kommt zum Schluss

Was waren das für Wochen im Leben des Panagiotis Vlachodimos. Von der Tribüne mitten ins Geschehen. Und er will noch etwas reißen in diesem Spiel, schießt mal etwas eigennützig, was man beim Stand von 3:0 auch machen kann. Aber es braucht diese letzte Spielminute, damit die perfekte Dramaturgie auf dem Rasen vollendet wird. Ein langer Ball vom für Mörschel eingewechselten Marvin Stefaniak landet bei Vlachodimos, der Richtung Strafraum läuft, wobei die inzwischen auf zehn Spieler reduzierten Münchner nur so bisschen zugucken. Aber wie die Dresdner Sieben aus etwa 18 Metern halblinks das Leder oben rechts reinnagelt, zählt zum Schönsten, was die SGD in dieser Saison an Toren zu bieten hatte. Es ist wie eine Ansage für die zweite Liga: Wenn ihr mich lasst, bekommt ihr das. Direkt danach ist Schluss und Stefaniak hat einen Assist. Das Grün ist nun der Ort für schwarzgelben Überschwang. Von den hier Anwesenden ahnt kaum jemand, was vor dem Stadion passiert. Und dieser ungetrübte Moment der Freude sei dem Team auch gegönnt.

Chapter 5: Was vom Tage übrig blieb

Wenn etwas schneller zu hören ist als der Knall nach einem Böllerwurf, dann sind es Schuldzuweisungen und Schutzbehauptungen. Ohne Polizei wäre das nie passiert! Warum lässt man uns nicht am Stadion feiern? Es wurde in Familien reingeknüppelt! Die Beamten wurden angegriffen! Notwehr! Die Stadt hat versagt! Der Verein hat versagt! Die Behörden haben versagt! Die Fans haben versagt! Was man nicht hört ist: Sorry. Dabei wär es gut, wenn sich SGD, Stadt, Polizei und die so unterschiedlich strukturierten Fans einmal den Realitäten stellen würden. Und mit Realitäten meine ich nicht ein selbstgebackenes Eigenverständnis, sondern die Wirklichkeit, in der wir leben.

Nehmen wir zunächst die Frage, die von vielen als Ausgangspunkt für die entstandene Lage kritisiert wurde: Warum wurde das Stadion abgeriegelt? Das lässt sich wohl am einfachsten beantworten. Ein Stadion ist kein luftdichter Raum; es benötigt nur ein wenig „Entschlossenheit“, um hineinzukommen. Da Aufstiegsfeierlichkeiten oft mit einem Platzsturm verbunden sind, muss man davon ausgehen, dass es ein Teil der SGD-Anhänger auf jeden Fall versucht hätte. Und egal, ob am Ende 30 oder 300 den Rasen des Harbig-Runds betreten hätten, es wäre dann ein Fall für DFB-Strafen gewesen. Denn über alles, was innerhalb der Sportstätten passiert, können die Fußballgremien urteilen – und dass deren Richter der SGD nicht gewogen sind, zeigte mehrfach die Vergangenheit. Die Möglichkeit eines Punktabzuges so kurz vor dem Saisonende unbedingt zu vermeiden, musste im zwingenden Interesse der SGD sein, die hier durchaus Realitätssinn bewies. Zwar rief man vorab deutlich dazu auf, nicht zur Schüssel zu kommen, aber hier enden dann auch die Möglichkeiten eines Sportvereins. Und allen, die da draußen behaupten, sie könnten ihre Hand dafür ins Feuer legen, dass es ausschließlich friedliche Fans gäbe, die können sich schon mal Brandsalbe besorgen und dürfen die schwarzgelbe Brille absetzen. Ein Rückblick zum Verhalten der Schwachmaten aus den „eigenen Reihen“ nach dem letzten Aufstieg sollte da genügen, als die eigenen Fans in der „Maggie-Nacht“ in Mitleidenschaft gezogen wurden und das Randale-Klientel jede Absprache mit dem Verein mit Füßen trat.

Zur Wirklichkeit gehört auch: Natürlich haben alle gewusst, dass es einen Fanauflauf geben wird – egal, ob man das nun gut findet oder ablehnt. Es gibt Dinge, die so sicher sind wie die Mahnung vom Finanzamt bei einer Steuerschuld. Nun mag die Abschottung eines Stadions eine relativ einfache Aufgabe sein, wenn man genug Menschen und Material zu Verfügung hat. Und zumindest das ist gelungen. Aber das Treffen von Tausenden Fans ist nicht zu verhindern, wenn man ringsherum freie Flächen hat wie die Cockerwiese oder den Großen Garten. Logistisch gesehen: ein Albtraum. In dieser Konstellation kann man nur eines machen: Das Stadiongelände vor Zutritt sichern und hinter den Ketten passiert, was eben passiert – solange es friedlich bleibt. Dazu regelmäßig Masken und Abstände anmahnen (weil es Gesetz ist), obwohl sich ein großer Teil nicht daran halten will und kann – aus einer Mischung von Sorglosigkeit, Übermut und prinzipieller Ablehnung heraus. Das ist unter den noch immer pandemischen Bedingungen zwar nicht zu akzeptieren, aber niemand will deswegen in die Menge knüppeln. Bis zum dritten Tor hat das unausgesprochene gegenseitige Agreement im Prinzip auch funktioniert. Aber schon hier war der eigentliche common sense – keine Böller in Menschennähe – längst vergessen. Es krachte ohne Ende, und oftmals war es den Werfern scheißegal, ob da jemand stand oder nicht. Da reden wir noch nicht über die Vermüllung des Großen Gartens vor allem mit Flaschen und Pyrorückständen. Wenn kümmerts, wer das wegmacht? Hier wird nur noch die vermeintliche eigene Coolness abgefeiert, Fußball ist nur noch der willkommene Anlass im immer dichter werdenden Rauch.

Mit dem dritten Tor und dem nun sicheren Aufstieg brennen die Sicherungen durch. Mit aller Macht wollen einige zum Stadion durchbrechen. Wer heute behauptet, diesen Angriff hätte es nicht gegeben, sagt nicht die Wahrheit. Wer behauptet, alle Fans wären nur friedlich geblieben, sagt nicht die Wahrheit. Selbst wenn die dick aufgefahrene Staatsmacht schon allein vom Anblick her für einige eine Provokation sein mag, so wurde der Funken der Gewalt letztendlich gezündet von einer gut vorbereiteten Gruppe aus Dynamo-Hools, Schlägern aus der rechten Szene und spontanen Mittätern (obwohl einige der „üblichen Pappenheimer“ da noch friedlich auf der Hauptalle standen). Allerdings wirkt die nun folgende Polizeitaktik einige Fragen auf. Mit einzelnen Trupps versuchte man sich – über ganze Wiesen rennend – in der Verfolgungsarbeit, was teilweise verheerende Folgen hatte. Denn so marschierten die Uniformierten mitten in Ansammlungen vollkommen Unbeteiligter, die sich teilweise in großem Abstand zum eigentlichen Geschehen befanden (diese Taktik ist schon bei der BRN früher gründlich schiefgegangen). Auch spazierende Familien gerieten in Panik, Angst und Schrecken. Schließlich fuhr sogar ein Wasserwerfer Richtung Palais. Zur Wahrheit gehört aber auch: Eine große Anzahl von untätig Herumstehenden gewährte den Böller-, Fackel- und Steineschmeißern immer wieder ein schützendes Umfeld. Nachdem klar war, was hier Sache ist, wäre es besser gewesen, einfach nach Hause zu gehen, denn eine Feier, die den Namen auch verdient, war schon lange nicht mehr denkbar. Dass Journalisten bedroht und verprügelt wurden, dass das Wort „Judenpresse“ gerufen wurde, ist ein weiterer Hinweis auf das Menschenbild des Gewalt-Mobs.

Ein himmlischer Wasserguss samt herrlichem Regenbogen brachte letztendlich mehr Auflösung als die Wasserwerfer es vermochten, denn nun verließen viele Gaffer das Areal und das „Gefecht“ verlagerte sich zunehmend in Richtung Straßburger Platz, wo der Spuk gegen 18 Uhr ein Ende fand. Von 185 verletzten Beamten wird berichtet, wieviele Fans betroffen waren, ist noch unbekannt. Ich selbst habe fünf auf Krankentragen gesehen, zwei von ihnen waren offensichtlich ohnmächtig. Ich habe auch fünf Verhaftete gesehen (ingesamt 40), die im Rückraum korrekt und freundlich behandelt wurden, inklusive Wasserversorgung. Aber all das ist sicher nur ein Bruchteil. Es war eine Ende mit Schrecken.

Am Tag danach herrscht ein merkwürdiges Schweigen bei allen Beteiligten. Die üblichen Verurteilungsfloskeln sind ausgetauscht: Assiverein, Naziladen, Punktabzug, Zwangsabstieg, Wirhabenesschonimmergewusst, #unverbesserlich. Dabei ist die Sportgemeinschaft – neben den verletzen und traumatisierten Menschen – das eigentliche Opfer. Sie hat die wenigsten Möglichkeiten und trägt nach außen den maximalen Schaden. Denn viele von jenen, denen das Zelebrieren der eigenen Person wichtiger ist als das Schicksal des Vereins, sind für kein Fanprojekt mehr erreichbar, selbst nicht für UD. Was nun versprochen wird, ist Aufarbeitung. Man wird sehen, wie aufrichtig und tiefgreifend sie sein wird, bei den Fanvertretungen, bei den Behörden, beim Verein – vieles für die Zukunft wird davon abhängen. Ein Weiterso wäre fatal.

Irgendwann wird die Erinnerung an diesen Vorabend leicht verblassen als eine bittere Anekdote, die immer mal aufploppt wie das „Ihr habt eine Stunde“-Banner oder die Kreuze auf dem Trainigsgelände. Aber trotzdem wird diese Erinnerung bleiben und für immer mit dem Aufstieg 2021 verbunden sein. Was für ein Jammer!
Uwe Stuhrberg

SG Dynamo Dresden vs. Türkgücü München 4:0

16. Mai 2021, 14 Uhr
Tore: 1:0 Daferner (15.), 2:0 Königsdörffer (27.), 3:0 Mörschel (62.), 4:0 Vlachodimos (90.)
Dynamo Dresden: Broll, Ehlers, Knipping, C. Löwe (60. Kwadwo), Meier (46. Vlachodimos), Stark, Kade, Mörschel (74. Stefaniak), Diawusie (46. Kreuzer), Königsdörffer (56. Hosiner), Daferner
Bank: Kiefer, Sohm
Zuschauer: 0
Schiedsrichter: Thorben Siewer
www.dynamo-dresden.de