Von der Verdammnis zur Hoffnung

Das Konzert von Nick Cave in Dresden – Song für Song

Um 22.37 Uhr, nach über zweieinhalb Stunden verklang der letzte Ton. Nick Cave, allein am Flügel in der Bühnenmitte, hatte gerade „Into My Arms“ zum Finale mit den zirka 11.000 Menschen im Publikum gesungen, eine Umarmung, der sich niemand entziehen konnte und wollte. Das Jacket war da schon lange abgelegt, die Vibes zwischen dem Australier und Dresden schienen in der Luft greifbar. Noch auf dem Nachhauseweg ploppte es immer wieder im Kopf auf: „Into My Arms, oh Lord …“ Ein Liebeslied, ein Abschiedslied von 1997, geschrieben in einer Rehab. Von seiner Lebensgefährtin Viviane Carneiro getrennt, die Beziehung zu P.J. Harvey nahm gerade Fahrt auf. Ein Hurrikan der Gefühle kanalisiert sich in diesem so wunderbaren wie schlichten Song, den Cave später auch auf der Beerdigung seines Freundes Michael Hutchence singen würde. 
But I believe in love
And I know that you do too
And I believe in some kind of path
That we can walk down, me and you

Die Showbiz-Mauer eingerissen

Punkt 20 Uhr betritt Nick Cave mit den zehnköpfigen The Bad Seeds die Bühne der Filmnächte und greift zum Auftakt 22 Jahre zurück mit einer furiosen Perfomance von „Get Ready for Love“, erschienen auf „Abattoir Blues/The Lyre of Orpheus“. In einen guten Sound gehüllt, stampft der Opener mantrahaft fast wie auf der Stelle, um wieder und wieder zu rufen „Get ready for love! Praise him! Get ready for love! Get ready!“ Einfach alle sind ready.

“From Her To Eternity” katapultiert uns an den Beginn. 1984 war die Geburtstagsfeier vorbei und Nick Cave schrieb mit The Bad Seeds – Blixa Bargeld, Mick Harvey, Hugo Race und Barry Adamson – ein neues Stück Musikgeschichte. Vor allem dieser Song, auch der Titel des Debütalbums, begründete die Aura (und auch das Klischee) von Nick Cave als Hohepriester der dark side oft he world, als Meister der melancholischen bis morbiden Rockmesse. Obwohl Cave selbst die Bezeichnung Goth von sich weist, sieht man auch an diesem Abend, dass Klischees oft entstehen, weil etwas daran stimmt. Die Dynamik, die der Sänger mit seiner Band entfesselt, von leisesten Tönen in lautesten Krawall stürmt und wieder zurückfindet, ist so faszinierend und packend, dass das Konzert schon jetzt – nach zwei Songs – zu Ende sein könnte. Denn wie soll es denn noch besser werden? Auf einem sehr schmalen Steg vor der eigentlichen Bühne wandelt Nick Cave ohne jeden Abstand zum Publikum, sucht die Berührung, reißt die Showbiz-Mauer ein, während er von Verdammnis, Spiritualität, Sünde, Obessionen und vom Tod singt, schreit, flüstert, spricht.

„Woo-wooooooo! Woo! In the name of pain!” schallt es im Wechselgesang zwischen Bühne und Crowd hin und her – „Punched from the tunnel, The tunnel of love is long and lonely. Engines steaming like a fist”. Mit voller Wucht trifft “Train Long Suffering” von 1985 ins Areal als veitstanzender fröhlicher Schlag in die Magengrube. Und immer wieder „Woo-wooooooo! Woo!” samt Pain und Suffering, auch wer die Cave-Lyrics nicht draufhat, wird nun Teil der Gemeinde, während der multiinstrumentale Warren Ellis like a dervish immer wieder seine ganz eigene Show hat.

Mitreißend und innehaltend

Dass diese Welt zu oft grausam und angsteinflößend ist, zeigt auch „O Children“ von 2004. Das Lied beschreibt, wie hilflos Kinder den Realitäten und Gefahren ausgesetzt sind, und wie wenig Eltern oft dagegen Schutz bieten können. Live erklingt es als kraftvolle Ballade, Cave wechselt zwischen Bühnenrand und Klavier, getragen von George Vjesticas Akustikgitarre und der Ellis-Violine. Fun Fact: „O Children“ findet sich auch im Soundtrack von „Harry Potter und die Heiligtümer des Todes – Teil 1“ (wenn Harry und Hermione im Zelt tanzen).

Es geht zurück in die Anfangsjahre. Der Bass von Colin Greenwood treibt „Tupelo“ mit bedrohlicher Sparsamkeit in den erlösenden Wahnsinn: „The Beast it cometh, cometh down“. Biblisches meets Wetter-Apokalypse meets birth of Elvis. (Dessen Zwillingsbruder Jesse starb bei der Geburt in Tupelo und war der eigentliche Elvis. Da der Mutter aber der Name Elvis besser gefiel, tauschte sie die Namen im Nachhinein.) Die Bad Seeds steigern sich nun in neue Atmosphären, Percussions und Drums drängen und drängen, denn „The King will walk on Tupelo“, das Publikum ist mitgerissen, reißt sich selbst mit. Cave ist ruhelos, rennt von einer Seite zur anderen, dann wieder ans Klavier und wieder zurück. Der fast 69-Jährige scheint körperlich topfit, trotzt der Wärme im Anzug.

Den Titelsong des Albums „Carnage“ von 2021 kündigt Cave als das schönste Lied der Welt an. Entstanden zu Beginn der Corona-Lockdowns, ist es eigentlich eher ein Cave-Ellis-Produktion. Im Gegensatz zum Namen des Stückes, ist es ein leiser melancholischer Gesang zwischen Verlust und Hoffnung, ein Blick vom Balkon auf die Welt im Chaos.

Mit „Joy“ geht es in die Gegenwart von „Wild God“. „Freude“ schallt es aus dem Publikum auf Caves Frage, was den Joy auf Deutsch bedeutet. Zu Klavier und ein paar Flächen der Band erzählt Nick Cave, wie er träumte, jemand aus seiner Familie wäre gestorben. Doch eine Stimme, ein Geist sagte zu ihm, jetzt wäre es Zeit für Freude. Ein Choral erklingt, der nicht mehr oder weniger als love and joy predigt. Die Hände am Ende in den Himmel bittend, entlässt Nick Cave den Song wie eine Wolke in die Nacht. Nur, um mit „Rings of Saturn“ eine neue zu erschaffen, erschienen 2016 auf „Skeleton Tree“. Die Hälfte des Konzertes ist erreicht, als Cave mit dem Beginn von „Bright Horses“ das Publikum einlädt, mitzusingen. Damit kommt auch das Album „Ghosteen“ von 2019 auf die Bühne. Und es scheint, als bilden diese drei Stücke eine Art Trilogie des Innehaltens, bevor es wild wird.

Rock’n’Roll, Apokalypse, Peaky Blinders

Obwohl Mord und Tod auch in anderen Songs ihren Platz haben, ist „Henry Lee“ an diesem Abend dann doch die einzige der „Murder Ballads“ von 1996. Den Part von P.J. Harvey nimmt dabei Janet Rasmus ein, die aus der Backing Row nach vorn tritt. Mit Cave, sitzend am Klavier, erklingt das Duett um eine Frau, die den untreuen Mann erdolcht und in den Brunnen wirft. Das wie aus einem Kinderlied klingende „La-la-la-la-la, La-la-la-la-lee, A little bird lit down on Henry Lee” chargiert zwischen grauselig und himmlisch.

Schuld und Sühne wieder in „The Mercy Seat“, in dem ein zum Tode Verurteilter kurz vor dem elektrischen Stuhl fleht, zum Sterben noch nicht bereit zu sein, seine Unschuld beteuert, aber am Ende fürchtet, doch gelogen zu haben. Im Original von 1988 noch lärmend von Caves Punktagen inspiriert, ist der Song nun zu einem im besten Sinne Monster geworden, vielleicht auch inspiriert von Johnny Cashs Version. Zu Beginn sparsam mit Klavier und Akustigitarre begleitet, nimmt die Erzählung nach dem ersten Drittel Fahrt auf und eskaliert mit dem Einsatz des Schlagzeugs mehr und mehr. Die Bad Seeds spielen sich in einen wahren Rausch, auch wer kein Mikro vor der Nase hat singt mit, auf und vor der Bühne wogt es in alle Richtungen. „Of an eye for an eye, And a tooth for a tooth, And anyway I told the truth, But I'm afraid I told a lie” – nur noch Gänsehaut, bevor Ellis mit verzerrter Geige ein Solo hinfuckt, das im Stakkato einer Rock’n’Roll-Orgie endet. No mercy!

Keine Atempause: “Papa, Won’t Leave You, Henry” von 1992. Das Album “Henry’s Dream” hatte damals einfach jeder, vielleicht war es auch Nick Caves erster weltweiter Hit-Tronträger. Und mit „Papa …“ wird einmal mehr die Apokalpyse ausgebreitet, musikalisch vielleicht eher ein akustischer Punksong. Dann ertönt die Glocke – und alle wissen: Jetzt kommt die „Red Right Hand“. Das in Musik gepackte dämonische Bild der roten rechten Hand, geborgt von John Milton, ist auch der Titeltrack der Serie „Peaky Blinders“ und ist so deutlich berühmter als alle anderen Songs vom 1994er „Let Love In“. Die Bad Seeds schleichen förmlich um diese bekannten schleppenden Beats, auf der Cave vor dem Rache ausübenden Punisher warnt, und wenn das Wort „Hand“ fällt, gleißt die Bühne in fettem Rot. Und schon hat schon das Gefühl, dass da draußen etwas lauern könnte, das alles verschlingt.

Aber bevor das passiert, kommt das als Cave-Bargeld-Duett zu Ruhm gekommene und herzergreifende “The Weeping Song”. Das Vater-Sohn-Gespräch über Leid und Trost erschien 1990 auf „The Good Son“ und wird an diesem Abend von fast allen mitgesungen – auf der Bühne als Monolog. Hier vereinen sich in wie in nur wenige Liedern überhaupt Traurigkeit und Zuversicht in nur wenigen Worten.

Dann geht es zur „Jubilee Street“, einem Ort, an dem ein „Freier“ auf die Prostituierte Bee trifft – und es entsteht auch hier ein dramatischer Strudel aus Schuld und Sühne, dessen Deutungen bis heute ganze Internetforen füllen. Erschienen 2013 auf „Push the Sky Away“ bricht das Stück live aus in einen emotionalen Ausnahmezustand. Auch hier das Muster der Cave’schen Dynamik, aber mit einem deutlichen Tempoanstieg im finale furioso, das wie ein Faustschlag ins Glück zum emotionalen Wirkungstreffer wird. Da werden sogar die sonst in Schwarz-Weiß gehaltenen Screens auf beiden Seiten der Bühne für einen kurzen Moment farbig.

„Hollywood“ beendet das Set vor den Zugaben. Noch einmal ein Epos aus Weltschmerz, Traumabewältigung und der Suche nach Frieden: „It's a long way to find peace of mind, peace of mind“. Eine knappe Viertelstunde lang, steht das Stück fast schon etwas für sich, ragt auch noch einmal über alles hinaus. Der Text ist Nick Cave hier besonders wichtig, denn er wird auf Deutsch eingeblendet. Die Elf auf der Bühne entfaltet noch einmal die volle Wucht und endet in einem andächtigen Satzgesang. Schluss. 

Zugaben als Minikonzert

Im Normalfall spielen Nick Cave & The Bad Seeds drei Zugaben. In Dresden waren es doppelt so viele. War es der Spiellaune geschuldet oder dass Cave noch etwas mehr von der Konzertatmosphäre in der Dunkelheit einfangen wollte? Who knows? Also gab es noch ein Minikonzert, das mit „City of Refuge“ startet. Mundharmonika raus und ab in die Wilderness des Rock’n’Roll. Und wieder Schuld, Sühne, Schöpfer und Blut. „You better run and run and run!“

Von Erschöpfung auf der Bühne keine Spur. Im Gegenteil: Cave und Seeds lassen keinen Deut nach und werden sogar noch besser. Mit „Wide Lovely Eyes“ wird es wieder deutlich minimalistisch, bis der Titelsong aktuellen Albums „Wild God“ aus dem Jahre 2024 folgt. Und das ist nichts weniger als ein Meisterwerk. Die Jahre der Trauer, der Tragödien, der eher skizzenhaften Songs brechen sich Bahn in einer musikalischen Bewältigung, einem Aufstehen mit neuer Urgewalt, einer Katharsis. Nick Caves Spiritualität speist sich aus dem Zweifel, weniger dem Glauben, Gott ist für ihn kein Allmighty, sondern ein fluides Etwas, das – wie er selbst – suchend in der Welt unterwegs ist. Und „Wild God“ ist eine Art Ode an diesen Zustand. Und hier lässt das Background-Quartett Janet Rasmus, Wendi Rose, Miça Townsend und T Jae Cole die Stimmen engelsgleich in den Nachthimmel steigen, während Cave die Frage, wer Gott und wer Mensch ist, wortreich in die Welt stellt.

Überhaupt zum ersten Mal auf dieser Tour erklingt in Dresden „Skeleton Tree“, auch das der Titelsong eines Albums, erschienen 2016. Hier verarbeitet Nick Cave den Tod seines Sohnes Arthur Cave (2022 starb auch sein Sohn Jethro). Ein Song voller Trauer und Würde. Wenn am Ende wieder und wieder die Zeile „And it's alright now“ wiederholt wird, fallen nicht selten Tränen auf die Gänsehaut der Arme. Fast zum Schluss „Nobody's Baby Now” von „Let Love In“. Eine harte Erinnerungsballade, in der der Erzähler mit sich ins Gericht geht, ein beschissener Partner gewesen zu sein. Hier wird noch einmal zum Ende hin heruntergefahren, obwohl es im Text hoch hergeht. Dann verlassen The Bad Seeds die Bühne und Nick Cave kehrt allein zurück. „Into My Arms“.

Was für ein Abend! Nur die wilden Rosen wuchsen nicht, ohne Kylie kein Mord.
Uwe Stuhrberg

Nick Cave & The Bad Seeds 2. August 2026, Filmnächte am Elbufer