Wider die Schwerkraft
Das 5. Zirkustheater-Festival vom 18. bis 28. Juni zwischen Fallen, Aufstehen und Fliegen
Wer hätte daran geglaubt, dass ein im Sommer 2022 in den Nachwehen des Corona-Kultur-Kollapses aus dem Boden gestampftes Festival ein fester Bestandteil des Dresdner Sommers werden würde? Heiki Ikkola, damals künstlerischer Leiter des Societaetstheaters, hatte keine Zweifel, dass Dresden genau so etwas braucht. Und schon bei Ausgabe eins machte er mit der Socie-Crew das Ding zum Publikums-Hit.
Und auch, wenn man es kaum glauben mag: Am 18. Juni geht nun schon die fünfte Ausgabe in die gefühlte Manege, erstmals mit dem neuen Intendanten Stephan Hoffmann an der Spitze der Verantwortung. Und nachdem deutlich doppeldeutig im vergangenen Jahr Brücken das Thema waren, geht es diesmal wider die Schwerkraft. So erklärt das Theater: » Unter dem Motto ›Creatures of Gravity‹ bringen zwölf Companies aus acht Ländern die Magie dieser unsichtbaren Kraft, die uns alle mit der Erde verbindet, auf die Bühnen, die Highline und ins Zirkuszelt.«
Auf drei Spielorte konzentriert sich das zehntägige Geschehen in diesem Jahr: Der Alaunpark wartet wieder mit einem Zirkuszelt, in Prohlis wird es der Jacob-Winter-Platz sein, und natürlich spielt auch das Societaetstheater drinnen und draußen. Sehr viele Aktionen und Performances werden bei freiem Eintritt auf Spendenbasis stattfinden, Tickets benötigt man für die Vorstellungen im Zelt und im Theater.
Los geht es am 18. Juni um 18 Uhr mit einem Mix aus Beteiligten, Musik und dem Festival-Team. Ab 19 Uhr dann Foley, ein international besetztes Musik-Akrobatik-Quintett, das an zwei Tagen Gruppendynamiken von ganz oben bis in die Tiefen zwischen Tanz und Theater durchfliegt. Danach bittet die Blaskapelle Fiatelle das Publikum zum rhythmischen Körperbewegen.
Gleich für sechs Abende kommt die Seiltanz-Legende David Dimitri ins Alaun-Zelt (19. bis 21.6., 24., 27., 28.6.). Der Schweizer stammt aus einer Artistenfamilie und ist dem Dresdner Publikum bestens bekannt. In seinem Programm »L’Homme Cirque« steht Dimitri allein im Zentrum des Geschehens – und füllt doch das Zelt mühelos. Er verbindet Seiltanz, Akrobatik, Musik und Theater zu einer einstündigen Reise, in der jede Bewegung erzählt. Mal humorvoll, mal fragil, immer präzise. Zirkus als Erzählform, nicht als Nummernfolge.
Für drei Vorstellungen kommen Tobias Piero Dohm und Fabian Laute ins Societaetstheater (19. bis 21.6.). Und wenn die beiden ihre Performance »Raum • Zeit« nennen, dann meinen sie es auch so. Denn hier scheint ein ganzes Sternensystem angeordnet zu sein: Kugeln unterschiedlicher Größen hängen in der Luft; drehen, rollen, dehnen sich aus, fallen zusammen. Dann wieder rieselt Sand aus ungeahnten Quellen und erschafft neue Bodenlandschaften oder einen flüchtig-goldenen Kometenschweif. Das Zusammenspiel von Körper und Objekt wird bis an seine Grenzen ausgelotet und verschmilzt auf hypnotisch-sinnliche Weise zeitgenössischen Zirkus mit Tanz, Installation und elektronischem Sounddesign.
Auch Knot on Hands aus den Niederlanden sind hier bereits gute Bekannte. Diesmal kommt das Trio mit »Concrete« in Societaetstheater (23. und 24.6.). Die drei Artist:innen erforschen mit ihren Körpern die Kunst der Partnerakrobatik – kraftvoll, präzise und voller Überraschungen. Knot on Hands zeigt in drei Teilen, wie Akrobatik reduziert, verlangsamt und doch voller Tiefe sein kann.
Die belgische Keeping Company wiederum hat mit »Boombox« einen ganz anderen Ansatz (27. und 28.6.). Bei Ezra Weill dreht sich alles um die (nur) fast vergessene Audiokassette, die nischenhaft wieder ein Comeback feiert. Von ihrer unverwüstlichen Außenhülle bis hin zu ihren empfindlichen Spulen aus Polyesterfolie ist ihr Design für Weill ein Mikrokosmos unseres menschlichen Wunsches, die Welt zu ordnen und zu verstehen, sie zu beschriften und in eine Schublade zu stecken. Ist das noch Audio-Zirkus oder schon Phono-Theater?
Zu diesen kostenpflichtigen Vorstellungen gibt es noch eine Menge Hut-Shows. So kommt der Kinder- und Jugendzirkus aus Zeitz mit »Between – Upsala-Circus« in den Alaunpark (20.6.) wie auch fast jeden Tag an selber Stelle »Highperformer – The Park« mit Ruben Langer & Gregor Lawrenz zu erleben sein wird. Dazu gesellen sich La Lune Bleue aus der Schweiz, die in »Jusque-Là« eine irre zirzensische Ode an das Kindsein und die Fantasie abfeuern (20. und 21.6.).
Eine interaktive Puppeninstallation trägt zwar den etwas furchteinflössenden Titel »Cirkus Barbar«, jedoch ist die Mitmachshow des tschechischen Waxwing Theatre ganz wunderbar und voller Ideen und bietet auf mehreren Stationen und kleinen Zirkuszelten Raum zum Ausprobieren, Staunen und Träumen (21.6.).
Derweil wird auf dem Prohliser Jacob-Winter-Platz unter anderem zelebriert, was man unter Strapaten verstehen kann. Denn die Alud Company aus Belgien hat diese Akrobatik mit den herabhängenden Bändern und Seilen zur Meisterschaft entwickelt und daraus eine mitreißende Show gemacht (25. und 26.6.).
Ebenfalls in Prohlis: »Eine Show von echten Männern«. Hinter dem leicht provokanten Titel steckt das Rumpel Pumpel Theater mit der Performance »Im Brandzeichen des astronomischen Pferdes« (25. und 27.6.). Da geht es um Männlichkeit im Wilden Westen, das Abhalftern im Showbusiness und zwei TV-affine Brüder.
Um das Programm herum gibt es noch weitere Aktionen und Workshops sowie einige Konzerte. Neben der bereits erwähnten Blaskapelle Fiatelle sind das die Stammkräfte von Krambambuli (23.6., Alaunpark) und Shelter Boy (27.6., Socie-Foyer). Offen war zum Redaktionsschluss der Printausgabe noch eine Position im Zelt, da Korobka leider nicht stattfinden kann. Diese Lücke wurde durch die MIx-Show »Circus Shorts« am 25. und 26. Juni im Zelt geschlossen.
Also: Augen und Ohren auf – der Zirkus ist in der Stadt! Zeit zum Staunen, für Freude, für Ungewohntes, zum Feiern.
JH
5. Zirkustheater-Festival 18. bis 28. Juni 2026, Alaunpark, Societaetstheater, Jacob-Winter-Platz,
Tickets bei SaxTicket in der Schauburg und online bei saxticket.de
www.zirkustheater-festival.de
