Wie es wurde, was es ist
Die Scheune kehrt am 18. September in den Kulturbetrieb zurück
Ein Raum, etwa dort, wo sich später das Scheune-Café befinden wird. Ein Inhouse-Strand mit echtem Sand, mitten drin ein Bassin, in dem mehr oder weniger nackte Menschen planschen. Die wilde Szenerie wird konterkariert durch eine Band, die auf einem kleinen Podest Wiener Kaffeehausmusik spielt. Die Combo hieß Klumpung, ein Vorläufer des Blauen Einhorns – FKK zum Fiakerlied. Die Wasserparty war nur ein kleiner Teil eines großen Festes in der Scheune Ende der 1980er. Im Saal wurde unter gebastelten Wolken und einer Plaste-Sonne getanzt, vor dem Haus stand ein echtes Kamel. Ein Sommertag mitten im Winter. Die Achtziger waren schlichtweg wild, in Dresden vor allem im Haus auf der Alaunstraße. Ähnlichen Wahnnsinn konnte man nur noch beim Fasching der Kunsthochschule finden.
Boomer-Faselei von einer Zeit, in der alles besser war, nervt natürlich. Und damals war natürlich nicht alles besser als heute, fast alles eher schlechter. Jedes Stück Freiheit musste gewagt und erkämpft werden oder es ging nach dem Motto: Wer nicht fragt, kann nicht verboten werden (klappte aber nicht immer). Und trotzdem kann manchmal eine Rückschau oder Besinnung auf Dinge, die heute im öffentlichen Raum kaum mehr möglich sind, vielleicht helfen, neue Ufer über ein aufblasbares Schwimmbecken hinaus zu erreichen. Und das in einer Zeit, in der es nicht einmal in Berlin möglich ist, Kinder schwarzer Hautfarbe ein paar Stunden kartoffelfrei baden zu lassen. Ganz davon abgesehen, dass sich das Feiern im Zeitalter des Allesmussgestreamtwerden, Allemüssenfotografiertwerden, Allesmussgepostetwerden komplett geändert hat. Privatsphäre in der Öffentlichkeit ist längst auf dem Dampfer des Clickbaits untergegangen. Neue Ufer und Perspektiven sind also wichtig. Und da könnte die neue Scheune einiges beitragen. Denn auch heute muss Freiheit gewagt oder erkämpft werden – nur sind die Endgegner ganz andere.
Die »Patina« ist weg
Es wird unterschiedliche Wahrnehmungen geben, wenn die Scheune am 18. September wieder ihre Türen öffnet. Es wird ein Staunen geben. Und Gemecker. Natürlich. Aufregung ist schließlich in Deutschland 2026 der wohl weitverbreitetste Volkssport. Um es vorwegzunehmen: Die »Patina« ist weg. Kein Staub, keine Kratzer, keine Tags, keine alten Poster, keine Schlieren. Wer hier seine kulturelle Sozialisation erlebt hat, wird vielleicht eine Zeit der Eingewöhnung benötigen. Denn nur wenig erinnert auf den ersten Blick an »früher«, obwohl der Grundaufbau mit Saal, Foyer, Café und Garderobe nicht verändert wurde. Es ist eher die atmosphärische Wandlung, die man verkraften muss. Wer aber zum Beispiel 2021 zwölf Jahre alt war und nach fünf Jahren Schließung mit 18 die Scheune komplett neu für sich entdeckt, wird sich über einen neuen Laden freuen. Die »alte« Scheune? Who cares!
Stammgast auf der Scheune-Bühne der Achtziger war die Hofbluesband, heute kaum noch jemandem ein Begriff, damals neben Stefan Diestelmann, Jürgen Kerth und Hansi Biebl eine Institution des Genres. Das Problem war: Der Andrang des Publikums überstieg bei Weitem die Kapazität des Hauses. Einen Vorverkauf gab es seinerzeit nicht. Ein »Ausverkauft«-Schild an die Tür zu hängen wäre sinnlos gewesen – niemand hätte es bemerkt. Also begann eine wilde Kletterei. Wer es nicht auf der Saalebene oder im Klo durch die Fenster schaffte, kraxelte bis unters Dach und versuchte dort ein Fenster von außen zu öffnen. Allerdings war man drinnen auch vorbereitet, sodass fast alle Klub-Alpinisten wieder vor die Tür geschafft wurden. Mit der Wende entstand dann eine heftige Diskussion innerhalb der Scheune, die Fenster zu vergittern. Die Gitter-Fraktion setzte sich durch.
Von außen fällt bei der neuen Hülle vor allem eines auf: viel Glas, viel Offenheit, und beim Eintreten beherrscht ein dunkles Grau die Wände. Auf der Rückseite ist die früher fulminante Notausgangstreppe einer kleineren Variante gewichen, die nur noch mit dem Saal verbunden ist. Unter das Dach ist der Zugang jetzt über den neuen Fahrstuhl und das neue Treppenhaus möglich, hier befinden sich die Büros der Scheune-Crew und der Gastronomie sowie ein kleiner mietbarer Seminarraum. Apropos Lift: Nun endlich ist das Haus barrierefrei besuchbar; die Zeiten von »Vier Mann, vier Ecken« bei Menschen im Rollstuhl gehören endlich der Vergangenheit an. Denn diese Situationen an der großen Treppe waren stets auch ein Verlust von Selbstbestimmung für die Betroffenen, von denen es die allermeisten dann doch mit Humor genommen haben, wenn sie »hochgeschleppt« wurden. Doch ein Toilettengang ergab das nächste Problem. Jetzt nicht mehr – es gibt auch im Foyer vor dem Saal ein WC, das behindertengerecht ist.
Eine andere wichtige Neuerung ist der kleine Saal im Erdgeschoss hinten links, wo sich der »Anbau« befindet«, der das Haus verbreitert. Knapp 100 Plätze bestuhlt, knapp 200 stehend schließt dieser Raum eine Lücke zwischen Ostpol (120) und GrooveStation (300). Lesungen, Konzerte, Seminare, Kleinkunst – eine temporäre Bühne und eine eigene Bar bieten neue Gelegenheiten. Das helle Holz an den Wänden zeigt zudem eine etwas andere Atmosphäre als im Rest des Hauses.
Ein Schallplattenvortrag im Foyer. 1982. An Tischen wird gesoffen. Mit einem Freund lausche ich interessiert, aber mit Mühe ob des Lärms. Danach kommt der lange Schlaks hinter den Plattenspielern zu uns: »Hey, ihr wart ja wohl die Einzigen, die das interessiert hat. Ich bin übrigens der Spacke.« Na ja, es ging um Renft, natürlich waren wir interessiert. Kurz darauf gesellt sich ein Mann mit Rauschebart und heiserer Stimme zu uns – Lothar Koch, damals Programmchef des Hauses. Beide Männer erzählen, wie scheiße es hier gerade ist, dass es neue Leute braucht, ob wir nicht Menschen kennen, die jemanden kennen. Aus diesem Treffen entstand schließlich der Jugendklub Scheunebrigade, zu dessen Leitung der Autor bis 1990 gehörte.
Das Herzstück
Wie in jedem Kulturhaus ist der Saal das Herzstück. Der zeigt sich jetzt ganz neu in Schwarz. Ohne die bisherige Bühnenumrahmung sieht das zunächst gewöhnungsbedürftig aus, wenn man die alte Variante kennt. Der Hauch von Zweckmäßigkeit hat aber eben auch Vorteile: Verschiedenste Genres lassen sich besser produzieren, Technik- und Backstage-Bereiche befinden sich dort, wo sie hingehören (also hinter der Bühne). Vorher war das Lager für Ton und Licht am falschen Ende des Saales, anderes wurde hinter dem Vorhang gestapelt und der Bereich für die Künstler:innen lag eine Treppe höher. In Bühnennähe gab es nur zwei Mini-Garderoben zum Umziehen und Schminken. Ein Zustand, mit dem nicht alle Bands und Künstler:innen glücklich waren – musste man doch vor dem Auftritt erst mal durch das Publikum im Foyer laufen.
Gab es in der alten Scheune Tageslicht von der Seite, liegen nun Fenster im Rücken des Publikums. Neue Praktikabeln machen den Raum in der Nutzung variabel. Man mag mit dem jetzt noch cleanen Ambiente fremdeln, aber mit Menschen drin, sieht das schon ganz anders aus. Und das Publikum wird dem Ort letztendlich seinen Stempel aufdrücken, für neue Patina sorgen. Und nicht nur nebenbei: Für Gastveranstalter (wie auch wir mit SAX.Konzerte) bringen die neuen Verhältnisse viele wichtige Verbesserungen. Dazu zählt auch, dass Bands nun wieder im Haus übernachten können.
Zentraler Klub der Jugend und Sportler »Martin Andersen Nexö«. Das war der offizielle Name des Klubs bis 1990. Allerdings konnte sich die sperrige Wortanhäufung nie durchsetzen, es war und blieb immer die Scheune. Eingeweiht wurde das Haus aber bereits kurz vor Weihnachten 1951 als »Jugendheim Martin Andersen Nexö«, wo man diversen Hobbys und handwerklichen Übungen nachgehen konnte. Ende der Fünfziger-/Anfang der Sechzigerjahre gab es auch Veranstaltungen, Tanz und Konzerte – man konnte hier heiraten. Dass die Dresdner Musikhochschule ab 1962 einen Studiengang Jazz hatte, war da sicher ein Vorteil. Ende der Siebziger verkam die Scheune allerdings mehr und mehr zu einem Ort von Besäufnissen und einem Bühnengeschehen im Niedergang, Schlägereien waren an der Tagesordnung. Der ansässige Jugendklub »Leningrad« tat nichts Gutes zur Sache. Die Wende kam 1983 mit zwei Änderungen: Gunther Neustadt wurde Direktor und es änderte sich einfach alles. Der neue Direktor schaffte es, dem bereits vorhandenen, aber teils verzweifelten Personal neue Freiheiten zu geben. Lothar Koch, Bertram Kronenberger, Angela Stuhrberg, Michael »Spacke« Kremer, Hanne Protze, Krischa Simon waren nur einige, die nun für frischen Wind in Sachen Bühne, Kunst, Poesie und Film sorgten. Und die Scheunebrigade – als zweiter Player im Haus – konnte sich frei entfalten: Folk, Punk, Hip-Hop, Jazz, Diskussionen … Gab es Ärger mit dem Erlaubniswesen der Polizei oder der Stasi, war Gunther Neustadts Rücken groß genug.
Etwas unklar sind noch die Vorstellungen für den Bereich zwischen dem Haus und dem Vorplatz sowie dem Hof. Vom Eingang aus rechts wird sich wieder der Außenbereich des Scheune-Cafés befinden. Auf der anderen Seite entsteht vielleicht ein Platz zum Chillen, hinter dem Gebäude möglicherweise eine Begrünung mit Open-air-Möglichkeiten. Aber das wird noch Zukunftsmusik sein, die Eröffnung und der damit verbundene straffe Zeitplan stehen momentan über allem.
Eine Brücke aus Blech
Von Beginn an bis 2007 war die Scheune eine städtische Einrichtung, vor 19 Jahren übernahm der scheune e. V. den Betrieb. Der Umstand, dass das Haus an sich aber nach wie vor der Kommune gehört, machte die die lange diskutierte Sanierung in dem Maße überhaupt möglich. Denn wie das mit alten Gemäuern so ist: Mit jeder aufgerissenen Mauer, kommen neue Probleme zutage. So wurde aus einer Sanierung quasi ein Fast-Neubau, die geplanten 7 Millionen Euro wuchsen um weitere 4 Millionen. Dieser Verantwortung ist sich die Belegschaft des Hauses um Geschäftsführerin Romy Jähnig und Veranstaltungschef Frank Schöne durchaus bewusst. Man muss liefern. Klingt einfach, ist aber in heutigen Zeiten mit all den (nicht nur) kulturellen Unwägbarkeiten schwieriger denn je. Der Weg am Anfang sieht vor: Klasse statt Masse. Ein durchdachter Mix aus Musik, gesprochenem Wort, Comedy, Podcast-Festival und gelegentlichen Partys soll den Anfang ebnen, vor allem aber soll das Haus offen sein. Neue Formate sollen entstehen für alle Altersgruppen – wie man es schon für »ältere Menschen« am Schließwochenende des Blechschlosses getestet hat.
Nach dem Weggang von Gunther Neustadt blieb die Scheune das Epizentrum im Szene-Abenteuerland. Neue Konkurrenz entstand im Kiez – blieb wie die GrooveStation, der Ostpol, das Blue Note oder Katys Garage – oder verschwand wie die Church oder das Titty Twister. Mit den Jahren kamen und gingen die Chefs und Booker wie etwa Frank Lippmann, Uwe »Hebbe« Heberer, Frank Fröhlich, Chester Mueller, Paul Simang, Magnus Hecht. Rückblickend kann man am Programm sehr gut die verschiedenen Handschriften erkennen. Bereits nun schon zwölf Jahre sitzt Frank Schöne auf dem Programmsessel, einst gekommen vom East Club aus Schiebock. Heute teilt er sich den Booker-Job mit Michaela Jarosch.
Das Blechschloss. Letztendlich waren die Container die Brücke vom Gestern ins Heute. Keine Umzugsidee in andere Gefilde und Räume hätte so funktioniert wie dieses Eisenschwein in front of the Baustelle. Veranstaltungsort für weniger als 100 mit Getränkeautomat, eine Terrasse, ein Büro/Techniklager, ein Minibackstage und Toiletten. All das auf kleinstem Raum. Metal, Lesung, Pop, Disco, Diskussion. Ging alles, auch wenn es am Anfang jede Menge Zweifel gab. Technikchef Falk Scheffler konnte auch komplizierteste Probleme entwirren, selbst, wenn so manche Band bei der Anreise heimlich die Augenbrauen hob. Mit SAX.Konzerte waren wir dort mit der mexikanischen Cumbia-Punk-Band Los Rompe Peros, deren riesige Marimba nicht annähernd auf die Bühne passte. Am Ende wurden alle Türen aufgemacht und der Tanzflur reichte bis auf die Straße. Und auf diese Weise blieb die Scheune sichtbar als Kulturort, während das eigentliche Gebäude mehr und mehr zerbröselte und erst nach langer Zeit neu aus Ruinen auferstand.
Was passiert zum Opening?
Drei Tage wird vom 18. bis 20. September gefeiert. Am bereits ausverkauften Freitag bilden die Fiatelle Brassband und das Betreute Singen das Entree auf dem Vorplatz (Letztere kehren ab Oktober auch wieder aus der Schauburg zurück ins Haus). Der neue kleine Saal im Erdgeschoss wird eingeweiht von La Rey und Eternity Again. Eine Etage weiter oben wartet ein sehr diverses »Revue«-Programm im großen Saal, der nun knapp 600 stehenden Menschen Platz gibt: Erwartet werden die Elektro-Visual-Show von Panda Lassow & Highpitchedblack sowie DJ-Sets von Witty, b2blond, finefetzig, Lilicious sowie Barbarella & Barrio Katz – da steht es an den Turntables mal ausnahmsweise und wohltuend 5:1 für Flinta. Ein Geheimnis macht Booker Frank Schöne allerdings noch um den scecret main act – da darf die Katze gern im Sack gekauft werden.
Am Sonnabend werden zur Kaffee-und-Kuchenzeit die Türen für alle geöffnet. Zum »Open House« kann sich jedermensch ab 15 Uhr bei freiem Eintritt das Haus und einige seiner künftigen Formate zu Gemüte führen, vielstimmig begrüßt vom Schulchor des Gymnasiums Dreikönigschule. Später im großen Saal verschiedenste Acts: Stand-up-Comedy und Poetry Slam mit Olli Schumann und Rainer Holl, New Wave Indie Pop mit Fiffi & The Kids, Salsa mit Sazòn Montuno sowie extrem tanzbarer geblasener Pop mit der Hot Staff Brassband.
Der Sonntagabend bringt dann das erste reguläre Scheune-Konzert der Neuzeit. Grim104, die Hälfte von Zugezogen Maskulin, der sein Album »No Country for Old Grim« auf die Bühne bringt, ein Werk voller Wut, Befremdung und Entfremdung, das einer seelischen Apokalypse gleichkommt. Doch bevor gereimte Düsternis das Haus einnimmt, wird auch am Sonntag für alle geöffnet, diesmal schon ab 12 Uhr. Und hier wartet die Scheune ab 12.20 Uhr mit einem besonderen Begegnungsformat auf, das Kulinarik mit spontanen Zusammentreffen verbindet, quasi die Schaffung einer Community auf Zeit: »Food & Folks«. Frei nach der Idee des dänischen »fællesspisning« lädt das Haus mit dem Scheune-Café zum Communal Dining an langen Tafeln im Saal. Fortsetzungen sind geplant.
Ab 15 Uhr übernimmt dann Luis La Metta mit der Kinderdisco »Glitzerkids«, die in den Umbaujahren zwischen Blechschloss und Fortschritt pendelte. Und so sind die Jüngsten schon jetzt auf die Alaune eingeladen, auf dass sie vielleicht das Publikum von morgen werden. Denn nichts ist notwendiger, als eine heranwachsende Generation, die Live-Spielstätten als etwas ganz Normales und Lebensnotwendiges empfindet.
Epilog
Am 3. Oktober wäre Gunther Neustadt 76 geworden. Wer ihn kannte, war sich sicher, dass er uns alle überleben würde, ein Naturbursche, geboren für die Ewigkeit. 1990 verließ er die Scheune, um sich fortan seiner Töpferei in der Kümmelschänke zu widmen. Zum Abschied schenkte ihm die Scheune ein Schaf. Es ist keine Übertreibung zu behaupten, dass die Scheune, wie wir sie alle kennengelernt haben, nur durch ihn ermöglicht wurde. Eine heimtückische Krankheit riss ihn 2013 aus dem Leben. Mit Spacke, der der Scheune über Jahrzehnte das grafische Gesicht gab, folgte ihm 2022 einer der wichtigsten Mitstreiter. Man kann sich nun der Vorstellung hingeben, wie die beiden aus dem Jenseits die neue Scheune diskutieren. Der eine sehr neugierig, der andere eher grummelnd. Oder andersherum? Oder doch ganz anders?
Scheune is back 18. bis 20. September, www.scheune.org
Karten bei SaxTicket in der Schauburg und saxticket.de

