Work in Progress

Das 38. Filmfest Dresden

Es ist April und damit Zeit für das traditionsreichste Filmfestival der Stadt. Im Mittelpunkt des langsam aber hoffentlich sicher auf die 40 zugehenden Filmfestes Dresden stehen auch in diesem Jahr wieder die Wettbewerbe. Aus rund 3800 Einreichungen wählte die Filmfest-Auswahlkommission 65 Kurz- und Animationsfilme aus 36 Ländern: 34 (Ko-)Produktionen für den Internationalen Wettbewerb, 24 Beiträge für den Nationalen sowie sieben Arbeiten für den Mitteldeutschen Wettbewerb, darunter acht Welt-, 12 Deutschland- und zwei Europapremieren. Im Internationalen Wettbewerb sind unter anderem Produktionen aus China, Haiti, Kuba, Marokko, Neuseeland, den Philippinen und Serbien vertreten. Fünf Filme im Nationalen Wettbewerb entstanden als Koproduktionen, unter anderem mit Peru, der Elfenbeiküste und den USA. In allen drei Wettbewerben überwiegen diesmal Arbeiten von (Ko-)Regisseurinnen.16 der 24 Filme im Nationalen Wettbewerb sind freie Produktionen, acht stammen von verschiedenen Filmhochschulen, im Mitteldeutschen Wettbewerb wurde etwa die Hälfte der Filme unabhängig produziert.

Traditionell greifen die Wettbewerbsfilme zentrale gesellschaftliche Fragestellungen unserer Gegenwart auf – verhandelt in dokumentarischen, fiktionalen und experimentellen Formen. Im Nationalen und im Mitteldeutschen Wettbewerb machen Animationsfilme und hybride Arbeiten fast die Hälfte der Beiträge aus. Besonders präsent sind in diesem Jahr Themen wie Arbeit, Einsamkeit, Identität und Migration. Der Festivalschwerpunkt »Work in Progress« spiegelt sich auch in den Wettbewerben wider, etwa in dem experimentellen Dokumentarfilm »Cold Call« (Mitteldeutscher Wettbewerb) von Stefanie Schroeder über digitale Arbeitsrealitäten oder in »L’Mina« (Internationaler Wettbewerb) von Randa Maroufi über illegale Minenarbeit in Marokko. Der portugiesisch-französische Animationsfilm »Cão Sozinho« (»Dog Alone«, Internationaler Wettbewerb) von Marta Reis Andrade verhandelt Einsamkeit innerhalb der Familie und »Unbemerkt verstorben« (Mitteldeutscher Wettbewerb) von Alina Cyranek erzählt von einem unbeachteten Leben. Auch Fragen nach (queerer) Identität und Genderrollen ziehen sich durch mehrere Wettbewerbsprogramme, wie in der Mockumentary »Love Your Nails« (Mitteldeutscher Wettbewerb) von Narges Kalhor oder in »A Black Fairytale« (Nationaler Wettbewerb) von Kim Sanou, Isabelle Edi und Mariama Sow. Ebenfalls 2026 wieder stark vetreten ist das Thema Migration. Im brasilianisch-portugiesischen Kurz-Spielfilm »Quem Se Move (»Those Who Move«, Internationaler Wettbewerb) von Stephanie Ricci bewegt sich die Protagonistin zwischen queeren Partys, unerfüllter Liebe und existenzieller Unsicherheit durch ein nächtliches Lissabon und in »Eine Tochter und zehn Söhne« (Mitteldeutscher Wettbewerb) begleiten Finn Weigt und Paula Milena Weise junge Erwachsene in Kirgistan zwischen postsowjetischen Prägungen und westlichen Zukunftsversprechen.

Neben den drei Wettbewerben gibt es auch diesmal wieder ein umfangreiches Rahmenprogramm mit rund zwei Dutzend Sonderprogrammen, drei Kids- und zwei Jugendprogrammen für die jüngsten Kurzfilmfans sowie diversen Events. Als zweiter Teil der bis 2027 angelegten Trilogie »Generationenwandel – Neue Gerechtigkeit« und Weiterführung des letztjährigen Fokus auf Solidarität versteht sich der diesjährige Schwerpunkt »Work in Progress« und lädt dazu ein, Fragen von Arbeitsgerechtigkeit, sozialem Zusammenhalt und der Zukunft der Arbeit neu zu verhandeln. Der »Diskurs Europa« präsentiert aktuelle Kurzfilme aus Lettland, kuratiert von Lauma Kaudzīte, Programmleiterin für Kurzfilm beim Riga International Film Festival, sowie Amateurfilme aus der Spätphase der Sowjetunion, oft am Rande der Legalität gedreht. Ein Jubiläum begeht das Filmfest mit dem diesjährigen Fokus Québec, der zum 20. Mal das außergewöhnliche Filmschaffen der frankophonen kanadischen Provinz würdigt. Anlässlich des 90. Geburtstags des Dresdner Kameramanns und Dokumentarfilmregisseurs Ernst Hirsch präsentiert das Filmfest Ausschnitte aus seinem umfangreichen Archiv historischer Filmaufnahmen – live kommentiert von Ernst Hirsch selbst. Die Matinée für Wilhelm Hein (1940-2025) ist einem der einflussreichsten und radikalsten Experimentalfilmer Deutschlands gewidmet. Diskussionen und Ausstellungen ergänzen das Programm – und auch das Kurzfilmbingo mit Falk Töpfer darf nicht fehlen.

Insgesamt rund 380 Filme aus 60 Ländern kommen an sechs Tagen und an 19 Spielorten zur Aufführung, auf dem Schlossplatz findet zudem erneut ein kostenfreies Open Air statt. Eröffnet wird das Filmfest am 14. April in der Schauburg, am 18. April werden ebenda die mit insgesamt 72.500 Euro dotierten 17 »Goldenen Reiter« und Sonderpreise verliehen. Im Anschluss gibt’s ab 22 Uhr in der GrooveStation die Festival Drag Party »You better Werk!«
Angela Stuhrberg

Filmfest Dresden 14. bis 19. April, verschiedene Spielorte, www.filmfest-dresden.de