Wucht und Finesse

Dynamo züchtet das Kampfschwein und besiegt den KSC mit 1:0

Foto: SG Dynamo Dresden

Alles wurde versucht. Und vieles gelang. Hinten zu Null, vorn eins gemacht, aus sieben Punkten Rückstand wurden vier. Im Football nennt man einen solchen Abstand ein Two-Score-Game (schließlich steht ja der Superbowl vor der Tür). Und das Wort vom berühmten „ersten Schritt“ wurde in den Stunden nach dem ersehnten Heimsieg so inflationär benutzt, dass man es – bei aller Wahrheit – schon jetzt nicht mehr hören kann.

Direkt vor dem Spiel zug der Verein aber noch einmal alle Register. Faneinladung zum Training: 4.000 kamen. Trailer zur Kampagne „Wir. Zusammen. Jetzt.“ mit Mauerfallbezug, finster guckendem patengleichem Minge und dem Dauermantra des Slogans. Schön dabei: Am Ende wird das Pathos mit einem feixenden Ebert gebrochen, der mit dem geschmunzelnden „Los jetze“ ansagt, dass es immer noch um Fußball, also auch um Spaß an der Sache geht. Was aber bereits auf dem Plakat verwundert: Der Schwatte rechts oben. Hatte der nicht noch vor kurzem heftig gegrummelt ob der noch nicht verwundenen Abservierung von Benny Kirsten? Kehrt der Ulf irgendwie ins schwarzgelbe Haus zurück? Gerüchteküche galore.

Und als wäre das alles nicht genug, trumpfte die SGD am Spieltag selbst mit der Verpflichtung das hünenhaften Simon Makienok Christoffersen, der mit seinen gefühlten 2,50 Meter dänischer Körpergröße eine neue Option sein kann, wenn es mal über Ecken und Flanken funktionieren muss.
Zu erwähnen: Erste Pyros bei der Hymne und eine K-Choreo in Camouflage, die als „D-Team“ an die Folgen des vorletzten Auswärtsspiels in Karslruhe erinnerte: "Verurteilt für ein Verbrechen, das sie nicht begangen haben“. Näheres dazu hier.
 
Die erste Halbzeit: Wucht und Finesse
 
Der Teamzettel sagt: Von den Neuen sind Terrazzino und Schmidt dabei, Husbauer wurde krank gemeldet, Donyoh und Petrak bevölkern die Bank. Wahlquist bekommt einmal mehr den Vorzug vor Kreuzer, Käptn Ballas und Nikolaou verteidigen mittig, auf links Hamalainen. Burnic und Klingenburg sollen 6 haben, Horvath und Terrazzino flitzen außen und Schmidt hatte vorn allein die Sturmhaube auf. Ebert hingegen war der freie Radikale – überall und (manchmal) nirgends, aber am Ende doch immer immens präsent. Und Kevin Broll: Der hätte sich an diesem Abend auch arbeitslos melden können.

Was sehr schnell auffällt: Mit einer Art Defensive maximus bespielt Dynamo den ganzen Platz. Vorab geäußerte Floskeln wie „Verteidigung beginnt ganz vorn“ und „bei Fehlern muss der Hintermann sofort ausbügeln“ werden von Minute eins an mit Leben und Leidenschaft erfüllt. Das wird besonders deutlich nach 600 Sekunden, als der Dresdner Schwede einen Fehlpass spielt – sofort rückt eine Feuerwehr an, die so lange nachsetzt, bis der Brand gelöscht, der Ball beim richtigen Team gelandet ist. Über die gesamten 93 Minuten ist das mehrfach zu sehen, wobei die Dynamischen eine Körperlichkeit an den Tag legen, wie man sie lange nicht mehr erlebt hat. Fünf gelbe Karten zeugen von Willen und Kantigkeit.

Nach vorn indes passiert nicht viel. Ball laufen lassen, Gegner verunsichern, Security first. Was aber anders ist als in der Hinrunde: Die Haltung. Die Körpersprache sagt: Ihr nicht. Und so kommt auch keine Nervosität auf, als es nach 30 Minuten noch 0:0 steht. Bis dahin gab es ein paar hübsche Kombis und wenige Schussversuche, auch mal verpuffte Hackenkunst, aber Gefahr sieht anders aus. Dafür wird jeder KSC-Ansatz im Keim erstickt, jeder Konterversuch abgewürgt, so sieht Burnic schon nach 27 Minuten Gelb und fehlt in Heidenheim. Und auch Klingenburg geht dahin, wo es wehtut, räumt auf nach dem Motto: Hasst mich, denn ich liebe es. Bei den Badenern scheint Gondorf der einzige zu sein, der sich mal traut, doch sein 30-Meter-Strich geht vorbei.

Nach einer halben Stunde ruckt die SGD dann doch offensiv an. Einen an sich guten Konter begräbt Wahlquist mit einem schlechten Pass. Kurz darauf spielt der extrem wuselige Horvath einen Doppelpass mit Schmidt, doch mittig hat der Neue im Sandwich zu wenig Platz um abzuschließen.

Jetzt spielt nur noch Schwarzgelb. In der 38. kann der KSC eine Ebert-Ecke nur schwachmatisch zum Schützen zurück klären, der den Ball noch einmal flach in den Strafraum haut – immerhin stehen sechs eigene Kollegen in der Box. Am Ende wird die Kugel vor die Füße von Marco Terrazzino abgewehrt, und der zeigt nun, was er auf engstem Raum kann. Mit dem rechten Fuß sacht abtropfen lassen, dem Ball eine Grasberührung gönnen, und als er wieder wenige Zentimeter in der Luft ist, nimmt der Italogermane mit dem Außenrist seines linken Schuhs genau Maß und zirkelt das Ding zwischen drei Weißhemden ins Netz. Fußballkunst! Die perfekte Verbindung von Wucht und Finesse führt zum Einzunull direkt vor dem K. HolladieWaldfee!

Aber: Jetzt nur nicht in der Euphorie wie im Hinspiel gleich den Ausgleich kassieren! Aber da kommt nix vom Gegner, weil er keinerlei Raum hat. Auf der anderen Seite: Schmidt versucht es mit einem Heber, Ballas erreicht einen Kopfball nicht. Pause. Durchpusten.
 
Die zweite Halbzeit: Vom Niederringen des Gegners
 
Gleich zu Beginn der second half eine Ecke für Karlsruhe. Normalerweise schrillen da die Alarmglocken. Doch auch in der Luft hat Dynamo heute den sprichwörtlichen Hut auf. Und wie der eher spillrige Schwarzschopf Nikolaou zum Beispiel in Minute 47 an der Grundlinie seinen Herd aufbaut und den Gegenspieler in aller gebotenen Ruhe abkocht, nötigt allen Respekt ab – zumal mit Müller, Löwe, Kreuzer und Petrak noch eine komplette Viererkette auf der Bank sitzt.

Jetzt wird dosiert immer wieder das Tempo mal rausgenommen, mal was nach vorn probiert, während dem KSC so vor Augen geführt wird, wie ihm die Minuten durch die Finger gleiten. Zudem unterlaufen Pisot & Co. in Serie jene kleinen handwerklichen Fehler, die einer Mannschaft in der Summe den Nerv rauben. Defensiv nimmt die Heimelf ihnen zudem den Spaß am Fußball. So, und nur so geht Abstiegskampf.

Schmidt sieht Gelb, Horvath auch. Broll liefert derweil Langholz, erst nach einer reichlichen Stunde kommt der erste richtige Schuss auf sein Tor, nach 72 Minuten gibt es die eine Chance zum Ausgleich. Drüber.
Fast im Gegenzug fällt das allseligmachende 2:0 – na ja, eben doch nicht. Burnic erobert an der Mittellinie einen Abpraller und läuft und läuft und spielt Schmidt perfekt im Sechzehner frei. Der Stürmer überläuft den Torwart und schießt auf das verwaiste Tor, aber Winkel und Fußstellung lassen Schmackes nicht zu, sodass Pisot den Ball kurz vom Überrollen der Linie klären kann. Was ein Wahnsinn! Direkt danach räumt Schmidt für Jeremejeff das Feld.

Nach fast 80 Minuten kommt Atik für Ebert, der an diesem Abend eine treibende Kraft war, und er verlässt den Platz nicht, ohne auch noch eine Karte zu bekommen. Und Atik: Er macht, was er so oft tut. Hinfallen, reklamieren, Gelb sehen. Da er nur zehn Minuten hat, will er es allen zeigen und zeigt das Falsche.
Dann passiert nicht mehr viel. Jeremejeff versucht es noch einmal spitz und aus dem Gewusel. Zur Nachspielzeit kommt Petrak für Horvath. Der KSC hat weder etwas in der Hinterhand, noch etwas im Tank. Schluss. Die Schüssel bebt.
 
Fazit: Der Abstand ist verkürzt, Dynamo kann noch gewinnen. Das Team hat sich neu erfunden als Kampfkoloss, der den Sturm noch etwas mehr entfachen muss. Die Optionen, auch künftige Gegner zu überraschen, sind vorhanden. Wichtig wird es jedoch sein, mental so stark zu sein, dass man Rückschläge, die sicher kommen werden, gut verkraftet. Dann kann es klappen mit der Mission Impossible. Getan ist er ja nun, der ...
Uwe Stuhrberg
 
SG Dynamo Dresden vs. Karlsruher SC

29. Januar 2020, Anstoß: 20.30 Uhr
Tore: 1:0 Terrazzino (38)
Dynamo Dresden: Broll, Wahlquist, Nikolaou, Ballas, Hamalainen, Klingenburg, Burnic, Horvath (90. Petrak), Ebert (79. Atik), Terrazzino, Schmidt (75. Jeremejeff)
Ohne Einsatz: Wiegers, C.Löwe, Donyoh, Müller, Königsdörffer
Schiedsrichter: Robert Kampka
Zuschauer: 27.595
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