Zum verrückt werdern

Gegen Werder Bremen drückt Dynamo Dresden den Reset-Knopf

Foto: SG Dynamo Dresden

Es kann ja nie schaden, auch mal über den Fußball-Tellerrand zu gucken. Und da ging das formidable Dresdner Sportwochenende schon am Sonnabend herzallerliebst los, weil die Footballer der Dresden Monarchs das Halbfinale um den German Bowl gegen Saarland mit 37:0 mit aller Deutlichkeit gewannen. Durch das Spielfeld des Steyer-Stadions getrennt, waren auch Dynamo-Kapitän Sebastian Mai sowie Ex-Dynamo-Pressechef Henry Buschmann Zeugen des erfreulichen Geschehens, der eine wollte vielleicht emotionale Kraft für den nächsten Tag tanken, der andere Ablenkung suchen von der etwas – ich formuliere mal vorsichtig – merk(!)würdigen Hinauskomplimentierung aus dem Verein. (Ich persönlich mochte seine Arbeit und finde den Weg-/Abgang sehr schade.) Nicht zu vergessen: Die Dresden Titans erwarfen sich im zweiten Saisonspiel den zweiten Sieg – das hat man auch nicht alle Tage. Der Fußball-Sonntag konnte also kommen. Und es kam der SV Werder Bremen. Und die Titans kamen übrigens auch – zur Belohnung ins Stadion.

Wenn man als Fußballfan eine Zweitmannschaft haben darf, dann sind es bei mir die Werderaner. Dynamo der Herzensverein und Bremen ist was für die erste Liga. Unvergessen die Zeiten, als die Nordlichter zwar immer mal hinten vier Tore fingen, aber dafür vorn sechs erzielten. Ganz oft Drama, toller Sport und immer wieder dufte Typen. Dass Dynamo nach dem Absturz Mitte der 1990er-Jahre mal wieder in einem Punktspiel gegen Bremen antreten würde, war kaum abzusehen und der Pokal wollte es irgendwie nicht. Doch dann kamen die Grünweißen vom Weg ab, während Dynamo alle paar Jahre den Fahrstuhl nahm. Und nun war es also so weit: Aufsteiger versus Absteiger. Dynamo versus Werder.

Schon vor dem Anpfiff war Angenehmes zu beobachten: Wie nur selten spazierten Gäste und Einheimische gemischt vor dem Stadion herum – viele SV-Fans allerdings mit Trikots, auf denen Namen längst verflossener Spieler zu lesen waren. Aber es war schön, mal wieder einen gut gefüllten Gästeblock zu sehen und zu hören. Persönlich habe ich den Bremen-Support einmal im Gästeblock in Leipzig erlebt, als es vor paar Jahren gegen die Unsäglichen ging. Unfassbar trotz Niederlage.

An diesem Sonntag jedoch ruhen die Sympathien. Denn: Dynamo first. Immer. Und da gucke ich zuerst auf den Mannschaftszettel und dann auf das Titelblatt vom „Kreisel“. „Mai gegen Mai“ prangt es auf dem Stadionheft. Aber Mai gegen Mai sehen die Trainer beider Teams als Bankduell. Die Brüder vereint im Sitzmöbelfrust. Bei Dresden sind zudem Kevin Ehlers und Luca Herrmann als Ersatzmöglichkeiten dabei. In die Viererkette berufen hat Alexander Schmidt auf außen Robin Becker und Chris Löwe sowie innen die beiden Michaels Sollbauer und Akoto. Letzterer in der Dreierkette ging ja schon einmal schief, aber jetzt sollte der Dynamo-Trainer Recht behalten.

Der K war diesmal unten nicht gesperrt und sagte zudem mit einem Banner „Danke“ an das Team Buschmann & Kuttner. Die Ultras hier und da grooven sich ein, das Pfeifkonzert beim Verlesen der Gästeelf hielt sich in Grenzen, zwischen Sonne und Rasen zeigte sich ein Sprenkel-Regenbogen. Kommt jetzt gleich ein Einhorn und streut Feenstaub? Nope. Denn jetzt geht es los.

Die erste Halbzeit: Ein Traum von einer Viererkette

Die Gäste stoßen an, die SGD hat den K im Rücken. Heinz Mörschel läuft als eine Art Zehner hinter Ransford Yeboah-Königsdörffer und Christoph Daferner, während Morris Schröter zwischen Angriff und Sechs wechselt, wo Yannick Stark und Paul Will wegräumen sollen, was auch immer da kommen mag. Es ist ziemlich schnell klar, dass Bremen damit nicht gerechnet hat, auch nicht mit dem defensiven Move samt Becker und Akoto. Dazu kommt, dass das vom Anpfiff weg wieder sehr hohe Dynamo-Pressing seine Wirkung nicht verfehlt: Chaos und stetige Unruhe – manchmal knapp an der Panik – verbreiten sich vor und im Zetterer-Strafraum, an einen Spielaufbau ist bei den Gästen nicht zu denken. Königsdörffer ist in der Spitze erster Anläufer und Verwerter, sein Kopfball in der vierten Minuten geht aber nach Becker-Flanke vorbei. Andersherum legt kurz darauf die 35 der 16 einen auf, doch der Knaller wird geblockt. Bremen hofft momentan auf Fehler – da kommt auch schon der erste: Sollbauer mit schlimmem Ballverlust, aber Duksch vertendelt das Zuspiel. Eine erste Ahnung von Spielglück durchweht das Stadion.

Was auffällt: Königsdörffer ist als schneller Zielspieler mehr in der Partie drin, offenbart hier aber auch seine Schwächen – vor allem in der Ballannahme und -behauptung. Möglicherweise war es die Traineridee, ihn da mal reinzuschmeißen, damit er etwas robuste Erfahrungen machen kann. Daferner, der gerade hier klare Vorteile hat, agiert oft erst in der eineinhalbten Reihe. Nach einer knappen Viertelstunde spielt Chris Löwe eine kurze Ecke mit Schröter, den folgenden Kopfball setzt Königsdörffer wieder knapp daneben. Hat man sich in der Standard-Stube etwas Gedanken gemacht? Scheint so, denn es folgt ein Freistoß, der mit einem Stark’schen Heber endet, nur leider zu weit. Sah aber schon bissl schick aus.

Und hinten erst! Wie Becker einen Konterversuch mit Kraft und Willen abläuft sorgt für dicken Beifall. Und dann wieder mal Löwe: Am eigenen Strafraum dreht er sich geschickt um den Gegenspieler herum, eine Spieleröffnung auf dem Bierdeckel. Und nicht nur das: Der Typ ist mit seinen 44 Jahren auch noch extrem schnell und weiß, wie man mit einem Touch den Duksch im Sechzehner legt, ohne dafür einen Elfer zu kassieren. Der Mann ist einfach Wahnsinn! Wann erschallt das Wort „Fußballgott“ bei der Nennung seines Namens – die Zeit dafür ist mehr als reif. K-Block, walte bitte deines Amtes. Und dazu noch Michael Akoto: schnell, wendig, konzentriert. Hat den Spielaufbau ebenso im Fuß wie das schlichte Wegdreschen, wenn es sein muss. No risk, much fun. Wenn der Mann so weiterspielt, sieht es für Sebastian Mai schlecht aus im Spechthaus.

Ab Minute 20 steht die SGD etwas tiefer, aber trotzdem nicht zu defensiv. Bremen kann sich nie sicher sein. Eine erste Gästeecke in der 24. Minute führt per Rebound zur einer Halbchance. Zudem ist klar, dass Dynamo hier nicht überpacen will und darf. Bremen bleibt weg vom Broll-Tor, kleinere Fehler klärt Schwarzgelb mit Einsatz und Chuzpe im Kollektiv. Dass die Bremer Offensive manchmal nicht weiß, gegen wen sie in der nächsten Sekunde spielen wird, kommt noch hinzu. Löwe, Akoto, Sollbauer und Becker wechseln nach Belieben und Situation den Arbeitsbereich, während Will und Stark (seeeehr gut diesmal) eine erste Brandmauer bilden. Als dann Löwe, weit draußen, fast am Werder-Strafraum, einen Passversuch der Gäste ins Aus drischt, fühlt sich das fast wie ein Tor an. Na gut, nicht ganz.

Als man sich schon freut, mit einem Remis in die Pause zu gehen, passiert es. Mörschel geht über den halben Platz und spitzelt an der Strafraumkante nach links auf Königsdörffer. Und obwohl sich sofort drei Grünhemden auf ihn stürzen, findet er die Lücke zum Heber aus 16 Metern, der nahe dem Knick an die Latte klatscht und nun Daferner vor das Trikot fällt. Mit der Brust annehmen, auf den Fuß fallen lassen, den Gegenspieler glauben lassen, die Reise ginge in die Kurze, Minidropkick per Außenrist links unten über den Innenpfosten rein. Wenn die Worte „in einem Fluss“ und „Maßarbeit“ erfunden werden müssten, dann dafür. 1:0. Die Hütte bebt, nur der Torschütze nicht. Der guckt, als hätte er gerade in den eigenen Kasten getroffen. Man darf vermuten, dass ihm seine Spielposition, also nicht ganz vorn, missfallen hat. Maybe or not.

Man hat sich den Jubel noch nicht ganz aus der Jacke geschüttelt, da rennt Duksch auf einmal allein seitlich auf Broll zu, hat aber seinen Rist nicht ganz im Griff und schießt vorbei. Das war knapp, aber der Bremer Torjäger kann auch deshalb nicht in Ruhe abschließen, weil ihm Becker dicht auf den Fersen ist. Dann geht eine Powerhalbzeit zu Ende. Man hat ein gutes Gefühl.

Die zweite Halbzeit: Daferner und Schröter lutschen den Drops

Der Werder-Mai ist nun im Spiel, der dynamische nicht. Duksch schießt aus Nahdistanz zwei Meter daneben und fuchtelt vor Verzweiflung. Dynamo zeigt wieder ein nervenraubendes kollektives Gegenpressing deluxe, das die Bremer oft zum reinen Ballwegschlagen zwingt. Schröter wuchtet derweil aus der Distanz, hat aber mehr Willen im Schuh als Finesse. Apropos Will. Der führt an der Gäste-Torauslinie mal eben die Fußballversion von „Let’s Dance“ auf mit Kreiseln, dann im Liegen, dann wieder Umlaufen. Man denkt schon, jetzt ist der Ball weg, da hat er ihn schon wieder. Putzigkeit in Reinform.

Dann mal eben die Luft anhalten: Werder-Konter drei gegen drei! Aber Gefahr sieht anders aus – den Kullerball Marke „Kegelturnier im Seniorenheim“ sammelt Kevin Broll müde lächelnd von den Halmen. Ein kurzes Heidenheimgefühl kommt auf, als mehrere Flanken nacheinander vor das Dynamo-Tor fliegen, aber in der Luft haben die Hansestädter hier nichts zu melden. Dann hat Becker nach einer knappen Stunde im Wortsinne fertig. Ausgelaugt macht er nach gutem Spiel Platz für Antonis Aidonis, der mit seiner Leistung nahtlos da weitermacht, wo sein Vorspieler aufgehört hat. Drei Minuten später darf auch Paul Will die Füße hochlegen, für ihn kommt Agyemang Diawusie. Schmidt legt offensiv nach und will das zweite Tor, aber bringt nicht Hosiner. Das scheint gewagt. Aber wie geht das Sprichwort: Wer nicht wagt, der nicht … Aber ob es der Coach im Urin oder im Bauchgefühl hatte – heute ist Diawusie da wie nie. Kaum auf dem Platz, flügelt er auf rechts hoch und donnert einen Schuss in die Kurze, den Zetterer mit Flugeinlage wegkratzen muss.

Die Mannschaft hat nun die Schmidt-Botschaft verstanden. Es wird ein zweites Tor verlangt und das wird auch geliefert. Aidonis spielt einen Doppelpass mit Schröter, der einen so großen Winkel hat, dass es Markus Anfang wohl die Tränen in die Augen treibt ob der Verschlafenheit seiner Mannschaft. Aidonis läuft nun in eine Lücke, ein Loch, ja ein Prebischtor von Offenheit. Huch, da ist ja noch ein Vorleger, auf dem „Willkommen“ eingestickt ist. Kaffee wird angeboten, Kuchen gebracht. Aber Aidonis muss mal kurz zur Grundlinie für einen Rückpass auf Diawusie. Da fragt aber gerade Weiser, ob auch Espresso im Angebot ist. In so einem Gespräch stört doch ein Ball, also kickt der Bremer Verteidiger das Leder mit der Hacke weg. Und da steht er schon wieder, der Christoph Daferner. Niemand hat ihn zum Kaffeeplausch eingeladen. Na dann hau ich das Ding jetzt rein, denkt er sich, und haut das Ding rein. Werder so: Huch! Dynamo so: Jaaaaaaaa1 2:0. Und jetzt freut er sich auch ein bisschen, der Christoph. Die 66. Minute hat ja auch etwas Diabolisches. Fast.

Und wieder die Chance für Bremen gleich nach dem Tor. Der eingewechselte Füllkrug köpft an den Pfosten, den Nachschuss von Duksch haut Aidonis weg. Da wird irgendwie klar: Für Bremen ist das zum blöde werdern, kein Glück, nur Pech plus a little bit of Unvermögen. Nach 70 Minuten rennt Diawusie schon wieder zur Grundlinie, bleibt aber diesmal hängen. Irgendwie hat er heute noch etwas vor, das spürt man bis unter das Dach. Als fünf Zeigerumdrehungen später Stark mit einem Mix aus Spagat und Grätsche einen Ball am Mittelkreis abfängt, geht es über Schröter zu – na klar – Diawusie. Der läuft und läuft und läuft gegen drei, gegen zwei, verliert den Ball, bleibt dran, bekommt ihn wieder und hat dann das Äugchen für den heranrasenden Schröter. Es ist kein Pass in den Lauf, eher ein zärtliches Hinlegen, ein Hauch von Zuspiel, aber perfekt. Der Ex-Zwickauer kann so aus vollem Lauf abziehen … aber nein, denkste. Der erste Bremer wird noch gefoppt mit einem Zweieinhalb-Schritte-Hüpfer, erst dann kommt der zielgenaue Rechtsschuss ins lange Eck. 3:0! Mit Schröters erstem Zweiligatreffer ist der Drops gelutscht, und auch Daferner freut sich jetzt gaaaanz dollle.

Neun Minuten vor Schluss hat dann auch Kevin Broll noch seine Szene, als er einen Füllkrug-Kracher im Flug zur Seite boxt. Sohm bekommt noch Minuten für Daferner. Jetzt soll nur noch die Null gehalten werden – und das gelingt.

Fazit

Das im Vorfeld hochgejazzte Duell der Mai-Brüder fiel merkwürdig aus. Der eine Bruder besiegte den anderen von der Bank aus. Bitter irgendwie für beide. Aber Alexander Schmidt lobte seinen Kapitän für dessen Sportsgeist und die Art und Weise, wie er die Aufstellungsentscheidung angenommen hat. Innerlich wird es vielleicht etwas anders ausgesehen habe. Ganz unemotional betrachtet, kann diese Viererkette aber ein Zukunftsprojekt sein, wenn vor allem Sollbauer noch stabiler wird. Wenn es etwas zu meckern gibt, dann nur, dass der Coach sein Wechselkontingent nicht weiter genutzt hat. Königsdörffer hätte man in den Schlussminuten rausnehmen müssen, da er ganz offensichtlich nicht rund lief. Bei dem Verletzungsstand darf man da kein Risiko eingehen. So aber, mit diesem Auftreten und den taktischen Überraschungsmomenten, kann Dynamo Dresden diese Liga bestehen. Es war keine Auferstehung, eher ein Reset zum Anfang der Saison. Und diesen Knopf wird man sicher noch öfter suchen müssen für die restlichen 27 Punkte.
Uwe Stuhrberg

SG Dynamo Dresden vs. SV Werder Bremen 3:0

26. September 2021, Antoß: 13.30 Uhr
Tore: 1:0 Daferner (41.), 2:0 Daferner (66.), 3:0 Schröter (75.)
Dynamo Dresden: Broll, Becker, Akoto, Sollbauer, C. Löwe, Stark, Will, Schröter, Mörschel, Königsdörffer, Daferner
Ohne Einsatz: Mitryushkin, Ehlers, Giorbelidze, Mai, Herrmann, Hosiner
Schiedsrichter: Robert Hartmann
Fans: 16.000
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