Auswirkungen des Patriarchats

»I Shot A Pop Star« im Kleinen Haus thematisiert das Leben von Warhol-Attentäterin Valerie Solanas

Vermutlich können sich viele Menschen beiderlei Geschlechts heute, und vor allem in Ostdeutschland, kaum vorstellen, mit welchen Problemen Frauen in der so genannten freien, westlichen Welt noch in den 60er Jahren zu kämpfen hatten. Die Überlegenheit der Männer galt als gottgegeben  - war aber vorsichtshalber auch gesetzlich festgeschrieben worden; wenn Mädchen höhere Bildung gewährt wurde, dann mit dem Ziel, ihre Heiratschancen zu erhöhen - und, um später den Chef des Ehemanns auf Cocktailpartys geistreich unterhalten zu können. Frauen waren die, die »mitarbeiten« mussten – oder eben nicht, und auch im künstlerischen Milieu sah es nicht viel besser aus. Schmückendes Beiwerk: ja; eigene Positionen: nein.

Das ist die Welt, in der Valery Jean Solanas aufgewachsen ist. Die Welt, die sie dazu gebracht hat, ihr SCUM – also ihr: »Society for Cutting up Men« - Manifest zu schreiben, in dem sie zur Vernichtung nicht nur von Männern, sondern der männergemachten Welt aufruft. Dieses Manifest haben Regisseurin Monique Séjourné und Dramaturgin Sophie Scherer als Grundlage für »I Shot A Pop Star«, ihr neues Stück am Staatsschauspiel, genommen. Angereichert mit biografischen Details, die allesamt – worauf auch korrekterweise im Programmheft hingewiesen wird – nur durch Hörensagen überliefert sind, entstand so ein Versuch, die Entwicklung jener Frau nachzuvollziehen, die 1968 auf Andy Warhol schießt, in dessen Factory sie sich Verständnis und eine Behandlung auf Augenhöhe erhofft hatte. Ein Theater-Versuch, der zwar nicht vollständig erfolgreich ist, jedoch vor allem dank der wieder einmal großartigen Sarah Schmidt, die Valerie Solanas darstellt, zum Nachdenken anregt.

»nothing special« steht in Neonschrift über der Mittelbühne. Felix Remme hat es geschafft, den schwierigen Raum der Dachgeschossbühne des Kleinen Hauses in eine dreigeteilte Szenerie zu verwandeln: Rechts eine US-amerikanische Küche mit ständig laufendem Fernseher, links eine Hollywoodschaukel, zentral eine glitzernde Arena, wo wir zuerst Zuschauer einer Talk-Show, sind. Nichts Besonderes also das Attentat auf Warhol, über das in der Show gesprochen werden soll? Wohl eher: nichts Besonderes, was diese Valerie Solanas erlebt hat.

Solanas wird in dem Stück nicht nur durch Sarah Schmidt dargestellt, sondern wiederholt steht Schmidt Kollegin Leonie Hämer zur Seite als Valerie 2. Konsequent, nachdem der Warhol-Attentäterin »paranoide Schizophrenie« attestiert wurde? Nur bedingt, denn die beiden Figuren widersprechen sich kaum, sondern feuern sich eher gegenseitig an. Hämer spielt außerdem Valeries überforderte Mutter, aber auch die junge Frau, in die Valerie sich verliebt, sowie Valeries Tochter. Ein ziemlicher Spagat, den Hämer gut hinbekommt. Thomas Eisen ist für noch mehr Figuren zuständig: neben sämtlichen männlichen Rollen übernimmt er auch die einer Nonne. In den allermeisten Parts rettet er sich - vielleicht besser: wird er durch die Regie gerettet - durch klamaukiges Agieren, was nicht immer überzeugt; nur die Nonne kommt ernsthaft herüber.

Die männliche Hauptfigur Andy Warhol erscheint alles in allem arg unbedarft. In der Realität spielte Valerie Solanas eine Nebenrolle in einem der vielen Factory-Filme, in einer Zeit, als die ehemals alternative Künstlerkommune bereits groß geworden war, sie dürfte Warhol selbst vor dem Attentat kaum begegnet sein. Séjournés und Scherers Grundidee ist nun, Warhol und Solanas bereits als Jugendliche aufeinandertreffen zu lassen, und dann immer wieder. Ohne, dass man die Chronologie begreifen könnte, wird hier ein Song der von Warhol geförderten und produzierten Band The Velvet Unterground als Folie genommen, den der junge Warhol auch zitiert: »Ich kann dein Spiegel sein« - eine fast wortgetreue Übersetzung des Titels »I’ll be your mirror«. Die beiden jungen Menschen haben ähnliche Probleme mit ihrer Umwelt, wobei Andys Reaktion im Rückzug besteht, Valeries im laut sein und für ihre Vorstellungen kämpfen. Bei der zweimal gespielten Szene des Attentats wird zumindest angedeutet, wie groß Warhol in der Zwischenzeit geworden war. Die Leute finden alles interessant, was er ihnen darbietet, vor allem aber hat er allen »Andersartigen«, denjenigen, die heute queer genannt werden, Transmenschen, sowie allen weiteren, die im Korsett der US-Gesellschaft keinen Raum finden, einen Platz gegeben, sie zugleich aber auch ausgenutzt. Insofern war und ist Solanas’ Verdacht, Warhol habe ihr Theaterstück »Up Your Ass« als ihr eigenes ausgeben wollen, logisch. Tatsächlich hatte der Pop-Art-Künstler wohl Angst vor einer Falle der Polizei. Selbst Warhol, so groß er auch geworden war, musste noch die Repressalien der prüden Allgemeinheit fürchten, selbst in New York City.

Funktioniert »I Shot A Pop Star« auch für Menschen, die kaum etwas über jene Künstler-Szene wissen, die keine Ahnung haben, wer Valerie Solanas war? Zwar wurde die Geschichte immer einmal wieder thematisiert, 1996 mit dem Film »I Shot Andy Warhol«, erst vor zwei Jahren mit einer deutschen Neuauflage von Solanas’ SCUM-Manifest, es bleibt aber wohl eher etwas für Eingeweihte. Und das Theaterstück liefert eher Anstöße als eine stringent erzählte Geschichte. Dazu gehört auch, das Thema etwas gewollt mit der Gegenwart zu verbinden, sei es durch die damals nicht benutzten Begriffe »Gender« oder »queer« oder auch ein Tik-Tak-Video. Aber Anstöße zum Nachdenken über die Auswüchse und Folgen eines extremen Patriarchats, von dem ja hierzulande zum Beispiel eine Partei träumt, die sich großen Zuspruchs erfreut, sind ja schon mal viel wert.
Beste Baum

I Shot A Pop Star nach Valerie Solanas. Regie: Monique Séjourné (geb. Hamelmann). Kleines Haus. Nächste Aufführungen im Kleinen Haus: Sonntag 11. Oktober, 17. und 23. Oktober 2026
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