Die Nacht mit dem Buch der Unruhe

Wie das Dresdner Staatsschauspiel uns um den Schlaf bringen will

Szene mi Luise Aschenbrenner. Foto: Sebastian Hoppe

Obwohl schon 1982 erschienen, ist das »Buch der Unruhe« noch immer ein Werk voller Rätsel. Und sowohl sein Autor Fernando Pessoa wie auch das Werk selbst gelten vielen als Gründungsmythos der modernern Literatur Portugals. Schon allein die Veröffentlichungsgeschichte ist eine besondere. Der Roman entstand aus einer Unzahl an Zetteln, Fragmenten, an denen Pessoa etwa 20 Jahre lang gearbeitet hat, die er zwischendurch in einer Holzkiste aufbewahrte wo sie erst nach dem Tod des Autors im Jahre 1935 entdeckt wurden. Erst weitere 47 Jahre mühsamer Entzifferungsarbeit später erschienen die tagebuchartigen Aufzeichnungen des Alter Egos Bernardo Soares, Hilfsbuchhalter in der Baixa von Lissabon, erstmals in gedruckter Form. Von dort aus wiederum traten sie ihren Siegeszug in die anderen europäischen Sprachen an, wo sie lange Zeit aus Mangel an endgültigen Anweisungen des Dichters in den verschiedensten Aggregatzuständen vorlagen.

Aber auch danach nahm das Transkribieren der schier unerschöpflichen »Schatztruhe« kein Ende. Seit 1998 liegt immerhin eine von Richard Zenith besorgte »definitive« Neuausgabe auf Portugiesisch vor, die der babylonischen Editionsverwirrung ein Ende bereiten soll. Diese Ausgabe haben der Ammann Verlag und seine Übersetzerin Inés Koebel einer revidierten deutschen Fassung zugrunde gelegt, die uns nun in ganz anderer Form um den Schlaf bringen soll. Dankeschön, Staatsschauspiel!

Denn am 11. Juni hat ein Projekt Premiere, das uns Fernando Pessoas »Buch der Unruhe« in die heimischen Zimmer bringt – als theatrale Installation in der Regie von Sebastian Hartmann, die per Livestream gesendet wird. In Kooperation mit den Staatlichen Kunstsammlungen kommt das Stück im Stallhof zur Aufführung – unter anderem mit Luise Aschenbrenner, Marin Blülle, Gina Calinoiu, Torsten Ranft oder Fanny Staffa.

Man darf gespannt sein, wie Pessoas Geschichte umgesetzt wird, da seine Figur, der Hilfsbuchhalter Bernardo Soares, vor allem aus seinem Kopf heraus funktioniert. Soares fristet ein bescheidenes Dasein in Lissabon als unbedeutender Angestellter in einer Handelsfirma. So besitzt er weder Geld noch Ansehen, doch in seinem Herzen ist er ein Künstler. Mit dem Tor zu seinen Gedanken öffnet sich dem Publikum eine Welt voller philosophischer Betrachtungen, sehnsuchtskranker Träume und melancholischer Überlegungen. Im »Buch der Unruhe« schreibt Soares diese Gedanken und Gefühle nieder, lässt uns teilhaben an seiner Einsamkeit, seinem Schmerz und seiner Traurigkeit, seinen Hoffnungen und seiner Unruhe. Mit kritischem Blick urteilt er über andere Menschen und sinnt über sich selbst als Mensch nach. Das minutiöse Beschreiben innerer Vorgänge macht den Kopf des Autors zu seiner Lebensbühne, hier schildert Pessoa das »Drama im Menschen«. Pessoas Sehnsucht gilt einem kontemplativen Leben und einer Ästhetik des Verzichts. Die einzige Illusion, die Pessoas Held akzeptiert, ist die Kunst.


Fernando Pessoas posthum veröffentlichtes literarisches Lebensprojekt entwickelt in tagebuchartigen Fragmenten den Entwurf einer Lebenskonzeption, in der bewusste Isolation und Kontemplation, Schlaf und Traum wichtiger als das aktive Alltagsleben sind. Die achtstündige (!) Aufführung findet deshalb für das digital zugeschaltete Publikum in der Zeit des Schlafes, für die Dauer einer Nacht, statt. Das bedeutet jeweils von 22 bis 6 Uhr – eine wahre Herausforderung für alle vor und hinter den Kameras sowie an den Bildschirmen. Nach pandemiebedingten technischen Lieferproblemen, musste die Premiere vom 4. auf den 11. Juni verschoben werden. So sind im Juni vorerst zwei Vorstellungen geplant, neben der Premiere eine weitere am 12. Juni. Tickets für 15 Euro und ermäßigt 10 Euro gibt es unter dringeblieben.de.
Jo Hannstadt

Buch der Unruhe
nach Fernando Pessoa, 
Regie: Sebastian Hartmann, Livestream aus dem Stallhof. Premiere am 11. Juni, eine weitere Vorstellung gibt es am 12. Juni, jeweils 22 bis 6 Uhr.

www.staatsschauspiel-dresden.de