Die Perspektive wechseln ...

„hildensaga. ein königinnendrama“ am tjg - Puppentheater für Menschen ab 16

Der Mensch … ist nur da ganz Mensch, wo er spielt“, sagt Schiller „über die ästhetische Erziehung des Menschen“. Verknüpft mit dem Skakespeare-Wort „Die ganze Welt ist Bühne“ sind wir genau an dem Ort, wo solches stattfindet: auf der kleinen Bühne des tjg.

Die ist zunächst leer, bis ein einäugiger Typ mit fetter Goldkette, der sich später als Göttervater Wotan herausstellen wird, eine große Holzkiste auf die sprichwörtlichen Bretter, die die Welt bedeuten zerrt. Heraus steigt – ein cooler Trick –  fast das gesamte Puppentheaterensemble des Dresdner Kinder- und Jugendtheaters, und das sind immerhin sechs ausgewachsene Menschen, die in phantasievollen Pumphosenkostümen als Theatertruppe aus der Shakespearezeit ein inspirierendes, aufregendes und artifiziell aufgeladenes Spiel mit Marionetten beginnen.

Diese etwa ein viertel Mensch hohen Menschenabbilder sind aus hellem Holz geschnitzt und hängen nackt (weil ohne Kostüm) an langen Fäden, sodass sie sich nur bewegen, also handeln können, wenn ein Mensch an ihren Fäden zieht. Andererseits sind die Fäden so kunstvoll an ein Kreuz gebunden, dass meist schon ein kleiner Impuls genügt, um die Puppe – ihre Schwerpunkte und die Gravitation nutzend – in eine äußerst präzise Eigenbewegung zu versetzen. Das Spiel von Mensch und Puppe wird hier zum Gleichnis: Der Mensch kann Marionette sein oder eigenständig handeln - es ist seine Entscheidung! Die Spieler verschwinden hier also mitnichten hinter einer Wand, um die Marionetten in den Fokus zu rücken. Sie sind die Handelnden, sie entscheiden, welche Geschichte sie erzählen wollen. 

Wie es alten Mythen eigen ist, haben sie über die Jahrhunderte hinweg Veränderungen erfahren, liegt ihre Wahrheit wohl vor allem darin, wie sehr sich die jeweilige Zeit in ihnen spiegelt.

Bei dem 1985 in Graz geborenen Autor Ferdinand Schmalz beginnt die Überschreibung der alten Nibelungensage mit dem Ende, mit der Konfrontation von zwei Königinnen: Kriemhild, Schwester des Burgunderkönigs Gunther, der sie an den Drachentöter Siegfried verschacherte zum Dank dafür, dass der an seiner Statt Brünhild, Königin von Island, im Wettkampf wie im Bett mittels Tarnkappe besiegte, und so von ihrem Vater Wotan gezwungen wurde, Gunther zu heiraten.

In alten Ausdeutungen der Nibelungensage waren die Frauen fast ausnahmslos Objekte männlicher Machtphantasien. Hier nun werden sie und ihre Perspektive auf das Geschehen in den Mittelpunkt gerückt. Ein schwesterliches „Ich auch“ genügt, um zu wissen, dass sie beide missbraucht und betrogen wurden, es genügt, um damit aufzuhören, das Leben der mächtigen Männer lediglich als brave Zierde auszuschmücken. 
 
Regisseur Moritz Sostmann geht gemeinsam mit seinem Ensemble in Gestalt der bunten Theatertruppe quasi rückwärts auf die Suche nach dem roten Faden in der Geschichte, nach den Knoten, die anders zu lösen die beiden Königinnen nun antreten. Wo begannen die Verwirrungen, wo der Verrat und wo der Machtmissbrauch? Wo hätte wer in der Geschichte anders handeln oder Handlungen verhindern können? Wo hätte man bzw. frau sich verbinden können, anstatt sich zu bekriegen? Wo begann die Gewalt, die zur Katastrophe führte?

Was hier an theatralischem Einfallsreichtum, Mut und Übermut geboten wird, macht sehr viel Freude anzuschauen. Dabei kommt die leere Bretterbühne von Christian Beck mit ganz wenigen Elementen aus, die viel erzählen. Während man sich beispielsweise beim Kennlerntermin in Island auf Strandtüchern räckelt, dampfen auch schon mal Geysire eruptiv aus dem Bretterboden und lassen sich prima als Schreckmoment benutzen. Da markiert ein Badelaken den Raum, aus dem frau nicht entfliehen kann bei der staatlich sanktionierten Vergewaltigung. An anderer Stelle findet die Begegnung komplett hinter einem Tuch statt. Wir sehen nur die Spielerhände, die kunstvoll an den Fäden zupfen – was dahinter geschieht, bleibt ungesehen und ein Spiel mit der Vorstellungskraft des Publikums. 

Ganz berückend sind die Puppen von Laura Sanwald in ihrer feingliedrigen Unterschiedlichkeit, die so viel können und doch nichts sind ohne die Spieler. Wie die quasi gleichgeschalteten Brüder synchron im Gleichschritt marschieren ist saukomisch, ebenso, wenn der untrainierte Gunther feige über das Parkett schlurft - das hat so gar nichts Königliches an sich. Aber die Macht, das wissen wir, ist selten in der Hand der Intelligenten und Tapferen.

Am Schluss fallen lange Stoffstreifen aus dem Bühnenhimmel und zack – ist der Wald fertig, in dem das finale Gemetzel seinen Lauf nimmt. Ob die Frauen schließlich das Rad dieser Geschichte anders drehen können, bleibt offen. Am Ende sind auch hier alle tot – so jedenfalls interpretiere ich das Schlussbild. Zurück bleibt eine ratlose Theatertruppe, die allerdings nicht wieder in die Kiste krabbelt. Warum auch, es gibt viel zu tun.  

Die Fassung, die Ferdinand Schmalz 2022 für die Nibelungen Festspiele Worms geschrieben hat, ist freilich eine für Schauspieltheater. Der vielschichtige und sprachlich herausfordernde Text war für mich oft nicht fassbar innerhalb des bilderstarken und assoziationsreichen Bühnengeschehens von Menschen und Puppen. So ging das Spannende dieser Überschreibung,  die Selbstermächtigung der Frauen zur eigenen Bewertung dessen, was mit ihnen geschieht, manchmal verloren. Texte nur laut zu brüllen, half da auch nicht weiter. 

Dass man vorher oder nachher das kleine aber inhaltsschwere Programmheft liest, sei deshalb hier angeraten. Wer hat schon die Nibelungen einfach so drauf? (Dramaturgie: Petra Szemacha). Vor allem aber sind diese eineindreiveritel Stunden eine beeindruckende, kunstvolle Ensembleleistung und eine empfehlenswerte Bereicherung des Abendspielplans des tjg. 
Caren Pfeil

hildensaga. ein königinnendrama von Ferdinand Schmalz am tjg - Puppentheater. Regie: Moritz Sostmann. Nächste Vorstellungen: 28. und 29. April, 21. und 22. Mai 2026.
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