EINE FÜR ALLE – ALLE FÜR EINE

Wie Theater die Atmosphäre vor Ort verändern kann – die neue Spielzeit der Landesbühnen Sachsen

Foto: René Jungnickel

Zur Pressekonferenz der Landesbühnen Sachsen für ihre Spielzeit 2026/27 stand ein Thema gleich zu Beginn im Raum: Wie ist nach der Sturmkatastrophe vom Sommer die Situation auf der Felsenbühne Rathen und kann 2027 wieder eine normale Festspielsaison stattfinden? Intendant Manuel Schöbel konnte Entwarnung und positive Aussichten verkünden. Die Aufräumarbeiten wurden von den zuständigen Stellen mit Priorität und Umsicht vorangetrieben und die großartige Unterstützung anderer Spielstätten hatte es ermöglicht, einige Inszenierungen auf andere Orte umzusetzen. Und um in die Offensive zu gehen und erst gar keine Zweifel aufkommen zulassen: Schon jetzt, so früh wie noch nie, geben die Landesbühnen den Spielplan für die Saison 2027 auf der Felsenbühne heraus und den Ticketvorverkauf frei. Im Angebot sind auch zwei Premieren: Die Abenteuer des Tom Sawyer, konzipiert als Schauspiel für Menschen ab 8 Jahren (15.5.), und das Musical Die Musketiere für Abenteuerlustige allen Alters (19.6.). Geschäftsführerin Artemis Willms wies im Zusammenhang mit den notwendig gewordenen Maßnahmen in Rathen auch auf die planmäßig laufenden Sanierungen am Hauptsitz in Radebeul hin, die die Arbeitsbedingungen der Mitarbeiter:innen wie die Aufenthaltsqualität der Besucher:innen im Foyer und Theatersaal verbessern werden. (Anekdote am Rande: Das Ensemble wurde interimsmäßig in die leerstehende Kita Rasselbande ausquartiert…) 

Bevor es zu den Höhepunkten der Spielzeit ging, stellt der Intendant für die gewichtigen Sparten Musiktheater und Schauspiel zwei neue Personalien vor. Opernregisseur Rainer Holzapfel vom Volkstheater Rostock hatte sich in den Landesbühnen bereits mit Der Liebestrank bewiesen und arbeitet nun als Operndirektor mit Puccinis Melodrama Tosca an der ersten Premiere auf der Hauptbühne (10.10.) Vorher schon findet in der Studiobühne die Premiere der Kinderoper Rico, Oscar und die Tieferschatten nach dem Roman von Andreas Steinhöfel statt (6.9.). Die Musik stammt von Eva Kuhn, Gewinnerin eines 2025 von den Landesbühnen Sachsen ausgeschriebenen Kompositionswettbewerbs. Mit besonderer Spannung in der Regie von Rainer Holzapfel zu erwarten die Uraufführung Mare Nostrum/Tenochtitlan (23.4.). Sie vereint ein Werk von Mauricio Kagel, der vor fünfzig Jahren von der aus Europa ausgehenden Kolonialisierung der Welt berichtet mit einer Auftragskomposition im zweiten Teil. Der Komponist Ludger Vollmer und sein Librettist kehren dafür die Bewegungsrichtung um und erzählen von einem Jungen, der aus dem überfluteten Dresden aufbricht nach Südamerika, um dort eine neue Heimat zu finden. (Ludger Vollmer gilt als der meistgespielte Opernkomponist unserer Zeit und landete in Chemnitz mit Rummelshof 2025 einen Riesenerfolg!) Doch auch Heiteres kommt neu ins Musiktheaterrepertoire. Neben der Oper Flight von 1998, die in einem Flughafenterminal spielt (25.4.), findet sich auch das Wandelkonzert Gartenlieder mit Chormusik von Fanny Hensel (2.5.). Den Kompositionen der bedeutenden Komponistin aus dem 19.Jahrhundert kann man beim gemeinsamen Spaziergang durch sächsische Gärten lauschen.

Als neue Schauspieldirektorin stellt sich Esther Undisz vor. Nach langer Freiberuflichkeit hier nun wieder in einem festen Engagement, löst sie in der Funktion vorzeitig Jan Meyer ab. Sie inszeniert zuerst Mord auf Schloss Haversham, eine erfolgreiche englische Slapstick-Komödie (24.10.). Später folgt mit Gift. Eine Ehegeschichte (11.12.) auf der Studiobühne von der niederländischen Autorin Lot Vekemans ein melancholischer, wie auch komischer und temporeicher Schlagabtausch zwischen zwei ehemals Verliebten. Manuel Schöbel hat sich als Regisseur ein Schwergewicht des deutschen Theaters vorgenommen. Der kaukasische Kreidekreis (6.2.) von Bertolt Brecht erzählt von der Rettung eines Kindes und die Utopie einer menschlichen Welt inmitten von Kriegswirren. Über Kinder aus der einstmals kinderreichsten Stadt der DDR erzählt auch der dokumentarische Roman Kinder von Hoy von Grit Lemke. In der Nachwendezeit brechen hier Widersprüche auf und rechte Gewalttaten breiten sich aus. Die Premiere in der Regie von Johannes Frohnsdorf ist für die Kulturfabrik Hoyerswerda angekündigt (2.4.). Als letzte Premiere der Spielzeit wildert das Schauspielensemble in musikalischen Gefilden und bringt mit Der Sandmann ein Musical von Anna Calvi und Robert Wilson auf die Bühne, das mit Rock, Ballade und Folk den Klassiker der Schwarzen Romantik neu interpretiert (4.4.). 

Für die Sparte Tanz, die drei Neubesetzungen im Ensemble verzeichnet, gibt Chefchoreografin Natalie Wagner Einblicke in die bevorstehenden Premieren. Auf der Hauptbühne wird sich 4 Jahreszeiten als modernes Tanztheater mit dem Rhythmus der Natur als fragilem, gefährdeten System beschäftigen. Die Musik zum Tanz realisiert einmal mehr der Dresdner Komponist Nikolaus Woernle nach Antoni Vivaldi (26.9.). Auch die zweite Produktion auf der Hauptbühne ist thematisch ambitioniert und knüpft mit einem weiteren Schlüsselwerk der Moderne an die Inszenierung Carmen-Bolero an. Der neue, zweiteilige Tanzabend Sacre mit Musik von Igor Strawinsky und Marco Mlynek erzählt von Untergang und Neubeginn (13.3.).  

Die kleine Sparte Figurentheater mit Franziska und Konrad Till ist erst im zwölften Jahr ihres Bestehens, erfüllt jedoch mit Produktionen für die Allerkleinsten, für Kleinkinder und Schüler einen gewichtigen Part im Spielplan. Mit Herr Unverwechselbar nach einem Buch polnischer Autorinnen wird in der neuen Spielzeit als deutsch-polnische Kooperation ein Figurentheater für Zuschauer:innen ab 12 Jahren uraufgeführt, das sich mit sozialen Medien auseinandersetzt (24.10.). Und mit der Inszenierung Geht ab wie Schmitz‘ Katze über eine Familie im Ausnahmezustand, gibt es auch wieder ein neues Klassenzimmerstück (2.5.). Unermüdlich als Schauspieler und Pädagoge in Klassenzimmern unterwegs ist auch Steffen Pietsch, der Leiter junges.studio. Gemeinsam mit vier Kolleg:innen widmet er sich der Theaterpädagogik in Radebeul und dem ländlichen Raum und organisiert wieder ein umfangreiches Workshopangebot. 

Insgesamt wartet die Spielzeit mit 23!!! Premieren und wohl wieder mehr als 800 Vorstellungen an 30 Orten im ganzen Freistaat auf. Voller Optimismus vertritt der Intendant für seine 240 Mitarbeitenden ein ambitioniertes, anspruchsvolles und in der besonderen Struktur als Reisetheater manchmal sicher auch aufreibendes Programm: „Dabei trifft Tradition auf Moderne, das klassische Drama auf den zeitgenössischen Tanz, die Marionette auf das Musical, Gefühle auf Zahlen – und natürlich Technik auf Kunst und Handwerk auf Verwaltung.“ Gefragt nach neuen Strategien, die auch zukünftig die Entfaltung des Theaters sichern sollen, steht für ihn die weitere Vertiefung einer engen Partnerschaft mit dem Publikum im Vordergrund - um das Demokratieverständnis des Theaters und die Themenangebote in die unterschiedlichsten Schichten hinein wirken zu lassen. Aber auch Fragen der Nachhaltigkeit stellen sich in Zeiten des Spardruckes. Weg von der Wegwerfmentalität, hin zur Nachnutzung von zum Beispiel Bühnenausstattungen anderer Theater. In der aktuellen Spielzeit so schon für Mord auf Schloss Haverssham praktiziert. Dafür wird das Bühnenbild von den Landesbühnen Bruchsal übernommen und angepasst. Auch die Themen Inklusion und kulturelle Teilhabe für alle sind weiter aktuell. Dafür bieten zum Beispiel die Regio-Abos der Landesbühnen einen schönen Service. Theaterfreund:innen werden an ihrem Wohnort mit komfortablen Reisebussen abgeholt, zu ausgewählten Vorstellungen ins Theater Radebeul und sicher wieder nach Hause gebracht. Auch dazu passt der diesjährige Slogan des Hauses: Eine für Alle – Alle für Eine.
Isolde Matkey

Landesbühnen Sachsen Jahresspielzeit 2026/2027
www.landesbuehnen-sachsen.de