Eine Liebe in der Blutnacht

Regisseur Peter Konwitschny nach 20 Jahren wieder an der Semperoper

Für das Plakat zur Oper choreografierte der Fotograf Andreas Mühe etwa 1.200 Ultras von Dynamo Dresden im Saal der Oper. Siehe auch das Video ganz unten.

Mit einem großen Werk und namhafter Inszenierungscrew beendet die Staatsoper Dresden Ende Juni die aktuelle Spielzeit in der Semperoper. »Les Huguenots/Die Hugenotten« – Opéra in fünf Akten des aus der Nähe von Berlin stammenden Komponisten Giacomo Meyerbeer – gehörte im 19. Jahrhundert zu den meistgespielten Opern und inspirierte Komponisten wie Verdi oder Wagner. Der Stoff beinhaltet alle bewährten Facetten einer Opernhandlung. So werden vor einem historischen Hintergrund zwei Liebende zu Opfern politischer Machenschaften, dazu kommen Feste, Eifersucht, Intrigen und vor allem die kriegerische Auseinandersetzung verfeindeter Volksmassen.

In seiner als Prototyp der großen dramatischen Oper geltenden »Hugenotten«-Oper beschäftigt sich Meyerbeer inhaltlich mit der Pariser Bartholomäusnacht von 1572, in der französische Katholiken Tausende ihrer protestantischen Mitbürger ohne Rücksicht auf familiäre Verbindungen ermordeten und hinmetzelten. Bis heute ist dieser religiöse Pogrom tief im kollektiven Gedächtnis der Franzosen verwurzelt und gilt übergreifend als Menetekel, wie unkontrollierte gesellschaftliche Wut und Gewalt im Namen der Religion zu einem Massenbrand führen können. Meyerbeers Komposition zieht fast dreihundert Jahre nach diesem markanten politischen Ereignis alle Register und führt religiöse Gesänge, Fest- und Schlachtenmusik, lyrische Liebesszenen und martialische Chorszenen kontrastreich zusammen. Die persönliche Katastrophe zwischen dem Hugenotten Raoul und der Katholikin Valentine kommt dann fast klanglos daher, die Liebenden aus den verfeindeten religiösen Lagern sterben, ohne ihr Leid lange zu klagen. Für die Franzosen wurde die mehr als fünfstündige Uraufführung als Kompositionsauftrag der Pariser Oper 1836 zu einem Schlüsselerlebnis ihrer Kulturgeschichte. In Deutschland deutete man das Werk inhaltlich gern um und zwischen 1933 und 1945 waren die Opern des preußischen Juden (geboren als Jakob Meyer Beer) nicht mehr in den Spielplänen deutscher Opernhäuser zu finden. Heute erleben seine Opern eine regelrechte Renaissance. 

Als Grand Opéra stellen »Die Hugenotten« jedes Opernhaus auch heute noch vor große Herausforderungen, da sie in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts nicht zuletzt auch zum Zwecke der Pracht-entfaltung geschrieben und aufgeführt wurden. Die Konzeption von Regisseur Peter Konwitschny, der mit dieser Arbeit endlich wieder nach Dresden zurückkehrt, setzt den Schwerpunkt deutlicher auf das menschliche Drama und den politisch-historischen Grundkonflikt, wie man das von seinen Inszenierungen auch kennt. Durch kluge Kürzungen und Fokussierung auf die Hauptpersonen und das Weglassen von dekorativem Beiwerk wird dabei mit zwei Pausen eine Länge von nicht viel mehr als drei Stunden angestrebt. Chöre und Ballette, die ein Markenzeichen der Grand Opéra darstellen, werden nur so weit einbezogen, als sie die politischen Konstellationen und szenischen Konfrontationen deutlich machen. »In manchen Passagen werden allerdings auch vergessene und weitgehend unbekannte Musiknummern erklingen, die lange in Archiven schlummerten. Durch eine enge Zusammenarbeit mit dem Verlag Ricordi konnten Noten wiedergefunden werden, die zum Beispiel die Verwicklung der Königinmutter Katharina von Medici in die Bartholomäusnacht zeigen und damals aus Zensurgründen gestrichen wurden«, erklärt die Dramaturgin Bettina Bartz.

Gemeinsam mit dem Dirigenten Stefan Soltesz, den eine langjährige Zusammenarbeit mit Peter Konwitschny und Bühnenbildner Johannes Leiacker verbindet – unter anderem brachten sie gemeinsam in Dresden die legendäre »Czardasfürstin« heraus – stellt sich das Regieteam das Ziel, eine hochlebendige Aufführung zu schaffen, »die religiöse Intoleranz und Fanatismus anprangert und dahinter liegende machtpolitische Ursachen ins Bewusstsein rückt«.

Beginnt die Handlung historisch korrekt in Kos-tümen der Renaissance und hoffnungsvoll anmutender Bildwelt, rückt sie durch die Demontage einer monumentalen Bühnenbildkonstruktion und am Ende heutige Kostüme die Mörder und Opfer in unsere Zeit.

Eindeutige moralische Schuldzuweisungen bietet die Oper mit dem Text des Librettisten Eugène Scribe nicht. Fundamentalismus auf der einen wie auf der anderen Seite und nicht zuletzt Raouls Stolz als Protestant, der die Henker erst zu den Liebenden führt, zeichnen das vielschichtige Bild einer lebens- und liebesfeindlichen Zeit. »Die Hugenotten« von Meyerbeer sind eine große Herausforderung für Regieteam, Orchester, Bühne und nicht zuletzt die Sängerinnen und Sänger. Intendant Peter Theiler stellte dafür ein vorzügliches Ensemble aus in Dresden bereits bekannten und neuen Gesichtern zusammen. Diese Premiere sollten sich Anhänger eines zeitgenössischen Musiktheaters auf keinen Fall entgehen lassen.

Nicht zu vergessen: das Plakatmotiv zum Stück. Dafür choreografierte Andreas Mühe etwa 1.200 Ultras von Dynamo Dresden im Saal der Oper. Eine bildgewaltige Idee, die der Inszenierung jede Menge Aufmerksamkeit und Diskussion zugtekommen lässt.
Isolde Matkey


Les Huguenots/Die Hugenotten Opéra in fünf Akten von Giacomo Meyerbeer, Musikalische Leitung: Stefan Soltesz
Regie: Peter Konwitschny.
Premiere am 29. Juni, Semperoper
Weitere Vorstellungen: 2., 4., 10., 13. Juli
www.semperoper.de