Entgrenzung des genialen Kindes
"Amadeus“ von Peter Shaffer am Staatsschauspiel Dresden
Als Peter Shaffers Theaterstück „Amadeus“ 1979 in London herauskam und seitdem weltweit unzählige Inszenierungen erlebt hat, spätestens aber seit dem Film von Miloš Forman aus dem Jahr 1984 ist nicht nur die Lebensgeschichte von W. Amadeus Mozart hinlänglich bekannt, sondern auch, dass sein Dauerkonkurrent Antonio Salieri bei seinem frühem Tod mit nur 35 Jahren vermutlich nachgeholfen hat. Heute nennt man das Fake News, die in diesem Fall noch deutlich älter als Shaffers Theaterstück sind und sich hartäckiger gehalten haben als so manche tatsächlich belegte Wahrheit.
Regisseurin Daniela Löffner hat einen ganz anderen Ansatz. Gemeinsam mit ihren beiden Ausstatterinnen Claudia Kalinski und Daniela Selig stellt sie ihren Mozart in einen leeren weißen Raum, dessen Vollkommenheit mit einer fast kreisförmigen Anordnung betonend, indem sie einen Teil der Zuschauer*innen auf der großen Bühne hinter das Geschehen postiert. Es wird im Zentrum und nach allen Seiten hin gespielt. Mitten darin Mozart - das Kind, das Genie, der Mensch.
Intensiv, leidenschaftlich und mutig stellt sich Simon Werdelis für diesen Mozart mit seinem ganzen Körper zur Verfügung. In Unterhosen, später auch mal mit schlichter Hose und ärmellosem Hemd, ist er reine Kreatur, ein Geschöpf, das quasi die Schöpfung in sich trägt, und dabei ganz ohne Worte auskommt. Seine Sprache ist die Musik. Dass ab und an auf Bildschirmen, die das jeweilige Musikstück anzeigen, auch mal Mozart – Texte zu lesen sind, war überflüssig. Man kam auch gar nicht dazu, sie zu lesen, weil es auf der Bühne viel zuviel zu sehen gab.
Es ist ein Rausch aus Bildern, Tönen und Körpern, mit dem Daniela Löffner den ersten Teil der Inszenierung ganz und gar dem Phänomen des genialen Kindes widmet. Das Kind, das aus sich selbst schöpft — erstaunt, begeistert und selbstvergessen das Glück des kreativen Schöpfungsaktes mit seinem ganzen Wesen, vor allem mit seinem ganzen Körper erlebend.
Salieri (Raiko Küster) ist hier nicht der Konkurrent, sondern das Gegenüber, das versucht, bei dieser permanenten Entgrenzung mitzuhalten. Sie sind zwei, schwarz und weiß. Der eine vielleicht mehr der Kopf, der weiß, welchen Gesetzen Musik unterliegt. Der andere, der nichts weiß, aber alles fühlt. Ein Gegensatzpaar, das miteinander ringt, tanzt, sich erschöpft im Kämpfen, das Yin und Yang, das vielleicht in jedem Menschen um Balance ringt.
Dieses freie, assoziative Spiel, das auf eine lineare Erzählung oder kausale Zusammenhänge zugunsten einer phantasievollen Erforschung des Wesens von Kunst verzichtet, konnte auch gelingen, weil hier drei herausragende Musikerinnen mit großem Gespür für theatralische Wirkungen auf der Bühne agierten: Maren Kessler, Mylène Kroon und Almut Lustig. (Musikalische Leitung: Matthias Erhard) Mit einer wilden Mischung sehr verschiedener Mozartwerke, die per Toneinspiel mit live gespielter Musik auf verschiedenen Instrumenten und mit menschlichen Stimmen zu einem Ganzen verwoben werden, angereichert mit Versionen moderner Musiktitel entsteht eine Tonspur, die den Abend ganz wesentlich prägt und einen großen, vor allem emotional erfassbaren Raum schafft.
In diesem Raum agieren zunächst nur vier Figuren: Mozart, sein Vater, Salieri, Constanze. Momentaufnahmen eines kurzen Lebens flackern auf. Das vom Vater (Hans-Werner Leupelt) gedrillte Wunderkind, das mit unfassbarer Geschwindigkeit seine Finger bewegt, wie eine gehetzte Maschine. In Wien und fernab vom Vater dann die Befreiung, die Musik bricht aus ihm heraus wie bei einem Dammbruch. In immer neuen Bildern sehe ich Variationen dieses Schöpfungsaktes. Wenn Werdelis den eigenen Körper mit einem Mikrophon abhört, fast in ihn eindringt durch die eigene Haut, um herauszuhören, was in ihm ist. Wenn weiße und schwarze Luftballons die Bühne überschwemmen, sind das „zu viele Noten“, für die anderen. Nicht für Mozart, der die Musik, die er kreiert, mit jeder Faser seines Körpers wahrnimmt und völlig entgrenzt die gesamte Bühne vereinnahmt, bis er schließlich die überbordende Energie auf einem Trampolin abarbeitet, auf dem der Vater, liegend, auch da noch von Mozarts Schwingungn zu partizipieren versucht.
Weniger allegorisch, dafür handfest und sinnlich geht es zwischen Mozart und Constanze zu, mit der er Leidenschaft, Erotik und Nähe erleben kann, die ihm Muse, Geliebte und Gefährtin wird. Simon Werdelis und Hanni Lorenz spielen das sehr körperlich und wunderbar leicht, sinnlich und frech, sich gegenseitig inspirierend in einem Spiel, das ihnen womöglich ein tieferes Verständnis menschlichen Seins offenbart als die Rationalität ihres genormten Umfeldes.
Schießlich ist es die moralische Instanz des Vaters, dem Mozart mit dem Komtur in Don Giovanni ein zweifelhaftes Denkmal gesetzt hat, der seinen Sohn oder besser seine Vorstellung von dem, was sein Sohn sein soll, nicht loszulassen vermag. Der dessen Grenzüberschreitungen nur einzuhegen vermag, in dem er ihm die Luft nimmt ... Das zumindest ist eine mögliche Deutung des Bildes, mit dem die Inszenierung Mozart sterben lässt. Zu den Klängen seines Lacrimosa aus dem unvollendeten Requiem, begraben unter Unmassen weißen Stoffes, der bis dahin die Bühne bedeckt hatte, wird er von den Untiefen der Bühne verschluckt.
Mozart ist tot. Was soll jetzt noch kommen? Erst einmal die US amerikanische Künstlerin Laurie Anderson und ihre klugen Fragen. Auch sie ist eine Grenzüberschreiterin, die kompromisslos ihre eigenen künstlerischen Räume definiert und ausmisst.
Es folgt eine Art Singspiel zum Nachlass des Künstlers: Auftritt der Hofschranzen.
Hier darf jeder seinem Affen Zucker geben und kann mit Mozart oder dem, was er von diesem glaubt, verstanden zu haben, machen, was er will. Da spreizt sich der Operndirektor mit den revolutionären Ideen einer Oper, als wären es schon immer seine eigenen gewesen, da wickelt sich die Opernliebhaberin in ihre Begeisterung ein wie in einen Kokon. Da fühlt sich ein junger Mann so inspiriert von der Musik, dass er sich wie in Trance aus sich heraus und zu sich selber tanzt. Und der Kaiser ist derart selbstverliebt in seine Aufgeklärtheit, dass er darin erstarrt. Ein Reigen deformierter Gestalten, die versuchen, sich Mozarts Musik für ihre eigenen Zwecke nutzbar zu machen. Da ist vieles höchst artifiziell, schräg oder witzig, nicht immer deutbar, aber unterhaltsam. Auch Falcos „Rock me Amadeus“ in einer Hip-Hop Version darf nicht fehlen. Einzig Constanze bleibt Mensch unter all den Schranzen und verliest am Schluss einen Brief an einen Musikverleger. Sie hat sich tatsächlich große Verdienste erworben, Mozarts Erbe verantwortungsvoll zu bewahren.
Viel Applaus für einen nicht immer einfach zu deutenden, aber anregenden, lustvollen und energetisch aufgeladenen, vielschichtigen Abend.
Caren Pfeil
Amadeus von Peter Shaffer in der Übersetzung von Nina Adler. Schauspielhaus. Regie: Daniela Löffner
Nächste Vorstellungen: 7., 22., 20. November 2026
www.staatsschauspiel-dresden.de
