Erst Dampf ablassen, dann zuhören

"Wenn’s knallt" - eine bewegungsreiche Stückentwicklung übers Zoffen und Zusammenraufen von der Theaterakademie am tjg Dresden

Streiten! Jeder kennt es, egal welchen Alters oder Herkunft man ist. Streit ist ein Familienthema,  ein Beziehungsthema sowieso, und auch ein immer größer werdendes gesellschaftliches. Je mehr die Meinungen auseinanderdriften, umso nötiger ist eine Streitkultur, die die Polarisierung in einer Gesellschaft aufzunehmen, auszuhalten und im besten Fall in etwas Kreatives umzuwandeln vermag. Von der Politik ganz zu schweigen, wo sich in aller Öffentlichkeit zuweilen kindergartenunreif gestritten wird. Ein großes Thema also, was sich die Theaterakademie des tjg vorgenommen hat, theatralisch zu bearbeiten. Warum oder besser worum streitet man eigentlich? Was sind die Ursachen? Kann man Streit verhindern und wenn nicht, wie beenden?

„Schöner streiten mit Zora Zorn“ heißt der angekündigte Workshop, zu dem sich zwölf junge Menschen zwischen 14 und 20 Jahren auf der Studiobühne des Dresdner Kinder- und Jugendtheaters einfinden. Aber Zora Zorn kommt nicht und es findet auch kein Workshop statt. Dafür sieht das junge Publikum ein spannungsvoll durchkomponiertes Bewegungstheater von jugendlichen Laien, die sich gemeinsam mit der Theaterpädagogin und Regisseurin Birte Eilbrecht zu Expert*innen in Sachen Streit entwickelt haben.

Mit wenigen, treffsicheren Worten, vor allem aber mit ihren Körpern erkunden sie die Wut, die in ihnen steckt. Wollen herausfinden, woher sie kommt, gegen wen sie sich richtet und wie sie sie kanalisieren können. Einzeln treten sie an den Rand der kreisförmigen Arena, die nur durch einen durchlässigen Vorhang aus weißen Fäden begrenzt ist, treten ein und sind eine Gruppe, deren Körper gemeinsam  „spricht“ - von Wut, Unsicherheit, Angst, Einsamkeit, Sehnsucht nach Nähe und nach Abgrenzung. In den choreografierten Bewegungsabläufen findet jedoch jeder und jede Einzelne von ihnen einen ganz individuellen Ausdruck für die Spannung, die in ihnen feststeckt. 

Aus scheinbar kleinen Anlässen werden große Auseinandersetzungen. Sei es der Streit zwischen Bruder und Schwester ums Küche aufräumen oder die nervenden Eltern mit ihrer Forderung, beim Familienfest die ewig gleichen Rituale mitzuspielen. Ein Streit zwischen Freundinnen auf dem Schulhof entwickelt sich zum Kampf zweier Gangs. Dann wieder ist ein Mädchen einem Vater ausgeliefert, der zwar viel Welterklärung von oben herab zu bieten hat, aber die basalen Bedürfnisse seiner Tochter nicht wahrnimmt. Jede Geschichte wird präzise erzählt, mit wenigen Worten und klarer Körpersprache.
Um den Dampf, der in einem hochkocht, erst einmal abzulassen, dient ein Knäuel aus roten Kissen als Boxsack. Aber es geht ihnen um mehr. Gemeinsam gehe sie auf Spurensuche nach den Gründen für die Eskalation und suchen Wege, sich wieder in den Griff zu bekommen. 
Bei aller angestauter Wut oder auch Hilflosigkeit ist die Sehnsucht nach Harmonie und  Verständnis größer als die Lust an der gewaltsamen Auseinandersetzung. Aber wie kann man sich die Hand geben, wenn die Kränkung noch in einem gärt? Die verschiedenen Versöhnungsgesten geraten so hilflos wie komisch, genauso wie die Entwürfe für Entschuldigungsbriefe.

Man spürt, dass die jungen Darsteller*innen genau wissen, wovon sie erzählen. Es sind ihre Erfahrungen, ihre Gedanken, ihre offenen Fragen und ihre Wünsche, die hier zu einem Stück geworden sind. Diese Wahrhaftigkeit ist wie oft in den Inszenierungen der Theaterakademie ein großer Wert.  Kindern und Jugendlichen werden durch das gemeinsame Theaterspielen Räume eröffnet, sich mit ihren eigenen Themen auseinanderzusetzen. So finden deren Sichtweisen Gehör und nehmen Gestalt an. Das Thema der Inszenierung war, ganz in diesem Sinne, ein Vorschlag des tjg.- Kinder- und Jugendbeirates. Die 12 Mitspieler*innen wiederum wurden aus einer größeren Anzahl an Bewerber*innen per Los ausgewählt. Das ist Demokratie.

Obwohl es um Konflikte geht, um Missverständnisse, Unsicherheit, Verletzungen und Meinungsverschiedenheiten findet die Inszenierung einen leichten, dynamischen und spielerischen Grundton, der es dem Publikum (Menschen ab 12) leicht macht, die oft nonverbal erzählten Geschichten zu verstehen, und das auch mit großem Wiedererkennungsfaktor, wie man an den  Reaktionen im Saal bemerken konnte.

Insgesamt hatte ich allerdings mit sehr viel mehr Wut gerechnet, mit einem weitaus größeren Vorwurf an die Elterngeneration oder globaleren Fragestellungen. Bei längerem Nachdenken aber erweist es sich als beeindruckend, dass diese jungen Menschen nicht die „Schuld“ im Außen suchen, sondern ganz bei sich anfangen und bleiben, dass sie nicht das „große Ganze“ befragen, sondern sich selbst. Wann werde ich aggressiv und warum? Wie kann ich das ändern? Welche Strategien habe ich, einzulenken?  Die Suche nach der „gewaltfreien Lösung“ statt der Eskalation eines Konflikts, und zwar angefangen im „ganz Kleinen“, im eigenen Kinderzimmer – das ist doch großartig!

Es bleibt zu hoffen, dass die drohenden Kürzungen in der finanziellen Ausstattung dieses Theaters nicht an deren DNA rütteln. Die heißt: Theater für Kinder und Jugendliche gibt denen eine Stimme, die sonst zu wenig gehört werden, und die mit ihren Ideen, Ängsten, Wünschen und Fragen eine Zukunft haben sollen. Es muss ein Kulturort für alle bleiben, da darf allein schon die Höhe der Eintrittspreise niemanden ausschließen. Das wäre demokratisch.
Caren Pfeil

Wenn’s knallt Eine bewegungsreiche Stückentwicklung übers Zoffen und Zusammenraufen, Theaterakademie am tjg Dresden. Regie: Birte Eilbrecht. www.tjg-dresden.de