Ganz Ich!

Probenbesuch mit Gegenwart vor der Premiere von »As One« in Semper Zwei

Probenfoto »As One«

Romy Jähnel sitzt in einer Durchlaufprobe in Semper 2, der kleinen Spielstätte der Semperoper. Nicht, weil sie Oper so sehr mag oder zum Mitarbeiter*innen-Stab des Hauses gehört. Sie ist hier, weil auf der Bühne ein Lebensschicksal ähnlich dem ihren verhandelt wird: Die neue Produktion »As One« erzählt von der Selbstfindung einer trans*Frau.

Wie in einem langen Monolog zeichnet die Kammeroper in 15 Szenen mit einer weiblichen Sängerin und einem männlichen Sänger die geteilte Identität von Hannah als Erfahrung einer konfliktreichen Selbstfindung nach. Die einfühlsamen, intimen Bilder werden nur von einem Streichquartett begleitet. Auf einer Bühnenfläche, die von drei Seiten einsehbar und mit dünnen Vorhängen abgrenzbar ist, sind es kindliche Erinnerungen an erste Diskrepanzen zwischen der eigenen Wahrnehmung und den Reaktionen der Umwelt, als 14jähriger Schüler dann das Gefühl, einsam und als Mensch eine Insel zu sein.

In Büchern eröffnen sich für den Heranwachsenden Informationen über ähnliche Erfahrungen und mögliche Wege, damit umzugehen. Als dramatischer Höhepunkt dann die Entscheidung, sich zum weiblichen Geschlecht zu wandeln, mit allen Konsequenzen im familiären und persönlichen Umfeld. Erst eine Reise in den Norden auf der Suche nach Transzendenz beendet die Einsamkeit und lässt „Hannah Younger“ und „Hannah Older“ in einer physischen und psychischen Einheit als eine weibliche Hannah zu sich finden. Auch die Musiker*innen und die Dirigentin sind im Verlaufe der Geschichte äußerlich und mit Aktionen Teil von Hannahs Persönlichkeit und greifen in die Handlung ein.

Die Komposition von Laura Kaminsky begleitet die Situationen mal mit treibenden Minimalfiguren, mal mit dissonanten Klängen oder hymnischen Flächen. Der Vokalpart reicht von Sprechen, liedhaften Szenen bis zu großen, opernhaften Ausbrüchen und wird von der Mezzosopranistin Dominika Škrabalová und dem Bariton Gabriel Rollinson sehr einfühlsam und überzeugend gestaltet.

Basierend auf den autobiografischen Erfahrungen der Filmemacherin Kimberly Reed und entstanden im Rahmen des American Opera Projects, fand die Uraufführung der Kammeroper »As One« bereits 2014 statt. Sie zählt zu den meistgespielten zeitgenössischen Musiktheaterwerken in den USA, kam aber erst 2023 zur europäischen Erstaufführung. Die junge Regisseurin Rahel Thiel inszeniert für die Semperoper Dresden die dritte deutsche Neuproduktion. Einmal mehr beweist das Haus damit, dass es nicht scheut, sich auf der Bühne mit aktuellen Themen wie Ausgrenzung, Einsamkeit und dem Recht eines jeden Menschen auf ein selbstbestimmtes authentisches Leben auseinanderzusetzen. Romy Jähnel jedenfalls ist nach der Probe tief beeindruckt. Auch wenn sie selbst erst viel später als die Protagonistin in »As Oone« die entscheidenden Schritte zur trans*Frau wagte, fand sie viele Parallelen ihres eigenen Werdegangs authentisch und sensibel widergespiegelt.
IsMa

As One Kammeroper von Laura Kaminsky, Libretto: Kimberly Reed mit Mark Campbell. Musikalische Leitung: Naomi Shamban, Regie: Rahel Thiel, Semper 2.
Premiere am: 20. Juni 2026 (ausverkauft). Nächste Vorstellungen: 22., 25., 26., 28. Jui 2026
www.semperoper.de