Glaubensvolles Sterben
Historie an der Semperoper, bedrückend aktuell: Die »Dialoge der Karmelitinnen« von Francis Poulenc
Wenn nach dem letzten Ton geschwiegen wird, ist das ein gutes Zeichen im Musiktheater. Die Menschen sind berührt, vom Bühnengeschehen ergriffen und lassen das Kunsterlebnis erst einmal nachklingen. Diesem Schweigemoment ist nach der Premiere von Francis Poulenc’ Meisterwerk »Dialogues des Carmélites« (»Dialoge der Karmelitinnen«) in der Semperoper ein Sturm der Begeisterung gefolgt. Zu Recht, aber nicht unbedingt selbstverständlich bei solch einem Ausnahmewerk: Inhaltlich, musikalisch und auch besetzungstechnisch stellt dieser 1957 an der Mailänder Scala uraufgeführte Dreiakter größte Anforderungen und gerät daher nur relativ selten in die Spielpläne. An der Semperoper hat man es jetzt gewagt und die »Dialogues des Carmélites« als Übernahme aus Zürich im französischen Original herausgebracht.
Ein Risiko? Gewiss, doch allein schon ein solches Miteinander von Zürich und Dresden spricht angesichts wachsenden Kostendrucks in der Kultur von sinnvollem Austausch. Dies allerdings auch im Hinblick auf die nicht zu verhandelnde Aufgabe öffentlich subventionierter Theater, sogenannte Ausnahmewerke zu zeigen, um das Repertoire zu erweitern und dem Publikum neben bekannter Vielfalt eben auch Neues zu bieten.
Dabei gilt Francis Poulenc (1899-1963) keinesfalls als verstörender Neutöner, bietet diese Oper jede Menge später Romantik (obwohl der tiefgläubige Komponist Romantik und Impressionismus vehement ablehnte), dazu auch eingängige Neoklassik sowie elegante Moderne. Ein hochemotionales und mitreißendes Werk, berührend und ähnlich wirkmächtig wie das Musiktheater etwa von Schostakowitschs. Eine Musik, die fesselt, Stimmungen schafft, erzählen kann und nicht loslässt.
Poulenc’ Oper beruht auf der Novelle »Die Letzte am Schafott« von Gertrud von Le Fort (1931) beziehungsweise auf deren Bühnenadaption von Georges Bernanos (1949) und beinhaltet das Martyrium von Ordensschwestern während der Französischen Revolution. Authentisches Vorbild sind die sogenannten Märtyrerinnen von Compiègne, die 1794 guillotiniert worden sind. Sie zogen ihre Hinrichtung vor, wollten dem Glauben nicht abschwören, ihren Habit nicht ablegen. Nur die Adelstochter Blanche, die gegen den Willen ihres Vaters ins Kloster ging, da sie wegen des frühen Todes ihrer Mutter sehr gläubig und stets voller Angst gewesen ist, konnte zunächst fliehen, besann sich dann aber, überwand ihre Angst und schloss sich dem gemeinsamen Opfertod an.
Berührend ist dies nicht nur unter historischem Aspekt, zumal die Assoziationen zu diesem Stück äußerst ausdeutbar sind. Gedanken über die Rolle von Religion und Opfertod drängen sich ebenso auf wie über die blutigen Schattenseiten von Revolutionen, über die Unterdrückung von Minderheiten und insbesondere über die Brutalität männlicher Macht gegenüber wehrlosen Frauen. Gedanken, die direkt ins Heute führen und die Frage nahelegen, was Menschen während ihres allseits begrenzten Lebens einander antun.
In jedweder Hinsicht überzeugt die Regie von Jetske Mijnssen und besticht mit präziser Durchdringung des Werkes sowie kongenialer Umsetzung vermittels lebendiger, in jeder Szene gut nachvollziehbarer Personenführung ist. Das Bühnenbild von Ben Baur zeigt den väterlichen Palast von Blanche - mit köstlichen Tanzeinlagen der Choreografin Lillian Stillwell darin -, es lässt sich überraschend schnell und wohltuend leise zum Kloster, zur Klosterkirche, zum Kerker sowie zur Hinrichtungsstätte verwandeln. Zwischendurch immer nur ein kurzer Vorhang. Die Kostüme von Gideon Davey entsprechen klösterlichem Ambiente, herben Kontrast dazu setzten die brutalen Revolutionsgarden des Tribunals. Die Märtyrerinnen sind glaubensvoll zur Hinrichtung geschritten, nachdem sie ihre an die Wand geschriebene Namen mit Händen ausgewischt haben. Die Guillotine wird nicht gezeigt, ist in Poulenc’ Orchesterpart aber akustisch präsent; ein beklemmendes Finale zum »Salve Regina«.
Das Premierenpublikum hat daraufhin tatsächlich erst einmal betreten geschwiegen. Zu Recht, denn diese Produktion konnte in allen Punkten überzeugen, vor allem auch musikalisch. Fast alle der mehr als ein Dutzend Rollen waren Hauptrollen und können gar nicht vollständig gepriesen werden. Ob Evelyn Herlitzius, die mit unglaublicher Stimmkraft und spielerisch berührend die sterbende Priorin darstellte, ob Marjukka Tepponen als Blanche mit ausdrucksstarkem Sopran, ob die hingebungsvolle Rosalia Cid als deren Freundin Constance - eine durchweg überzeugende Ensembleleistung. Allein das ist schon bemerkenswert!
Im Orchestergraben machte sich die Sächsische Staatskapelle alle Ehre, blühte unter der musikalischen Leitung von Marie Jacquot in allen Facetten und Klangfarben wunderbar auf. Die französische Dirigentin ließ Bühne und Graben bestens korrespondieren und führte auch den von Jan Hoffmann vorzüglich einstudierten Staatsopernchor zu großartiger Präsenz. Das Resultat: ein großartiges Gesamtkunstwerk.
Michael Ernst
Dialoges des Carmélites von Francis Poulenc, Semperoper, Musikalische Leitung: Marie Jacquot, Inszenierung: Jetske Mijnssen
www.semperoper.de
