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"Parts and Pieces" des Semperoper Balletts im Kleinen Haus
Mit "Parts and Pieces" gab es im Kleinen Haus die erste eigene abendfüllende Kreation des seit der Saison 2024/25 erfolgreich als Ballettdirektor des Semperoper Ballett wirkenden, schweizerisch-kanadischen Choreografen und Designers Kinsun Chan zu erleben. Auf der Bühne in der Glacisstraße zeigte das Ensemble bereits seit letzter Spielzeit zur großen Freude des Publikums seine aus St. Gallen importierte Choreografie "Wonderful World". Im neuen Werk setzt sich Kinsun Chan mit der jahrhundertealten japanische Reparaturtechnik „Kintsugi“ auseinander, bei der zerbrochene Keramik- oder Porzellangefäße durch verbindendende Lacklegierungen wiederhergestellt und mit den sichtbaren, goldüberzogenen Narben besonders wertvoll werden.
Diese Ästhetik inspirierte Kinsun Chan zur Idee, „dass Schönheit nicht in Perfektion zu suchen sei, sondern im Unvollkommenen und Vergänglichen.“ Dazu fügte er den aktuellen Terminus Nachhaltigkeit und so kommen er und sein Team für die Inszenierung auch zur Verwendung von Fundstücken aus dem Kostümfundus oder Dekorationsmagazin, die nun ein neues Leben und eine neue Geschichte bekommen. Mir scheint, dass der Ballettdirektor auch für seine Choreografie Fragmente oder Bruchstücke aus dem gängigen Ballettrepertoire seines Ensembles zitiert und neu zusammensetzt.
So tauchen zu Beginn Armgesten und Gruppenbilder auf, wie wir sie aus„ Wings and Feathers“ von Stephanie Lake erinnern, in Johan Ingers „Schwanensee“ gab es die körper-und gesichtslosen Seelen aus der Unterwelt, die hier als schwarzverhüllte Wesen aus dem Unterbewusstsein (der Unterwelt?) agieren. Es gibt eine skurrile Partyszene wie in seiner alten Inszenierung und bewegliche, choreographierte Wände waren bereits auf Semper 2 zu sehen.
Diese nun sind in "Parts and Pieces" das formale Rückgrat der Inszenierung. Sie stehen mit fein schattierten, fortlaufenden Goldadern bemalt die leere Bühne als massive Wand hinten begrenzend, werden als Türen oder Dominoreihe aufgestellt und effektvoll gestürzt oder als Hügel aufeinander gestapelt.
Dazwischen verläuft der Lebensweg eines Mannes, der – schwarz auf seinem weißen Hemd markiert – eine seelische oder körperliche Wunde trägt. Wehmütig beginnt der Abend mit dem Song “When I died, Love” von Malakoff Kowalski, live und makellos gesungen von der Tänzerin Mira Speyer, die damit ein melancholisches Leitmotiv der Inszenierung intoniert. Noch einmal singend und mit nacktem, ebenfalls schwarz markierten Oberkörper hoch über einem wogenden Menschenhaufen aufragend, begegnen wir ihr als einem der Höhepunkte der Inszenierung wieder.
Dazwischen durchlebt und durchkämpft Christian Bach als Mann verschiedene Lebensetappen - ein jüngerer Alter ego, Freunde, Frauen, Konkurrenten kreuzen seine Wege oder präsentieren sich als Aspekte seines Charakters in kurzen Soli. Er wird verletzt, gefeiert, gedemütigt und baut sich wieder auf. Die Gruppe - mal in schwarzen, mal in weißen Kostümen und zuletzt in goldenen Tönen gekleidet - ist gefordert mit tänzerischen Intermezzi, gestischen Aktionen und umrahmt auch eine Sprechszene der Protagonisten. Ihre ausufernde Wändechoreografie stört dabei nicht nur einmal die Konzentration auf einzelne, individuelle solistische Szenen. Ein starkes Bild, wenn fünf Individuen sich vor je einer Wand wie ein lebendiges Relief krümmen und winden.
Die lose Abfolge der szenischen Aktionen findet ihre Entsprechung in der Musik. Da erklingt zum einen live Klaviermusik von Bach bis Glass, wofür der Pianist Gianmarco Rughetti auch mal mit einem Kneipenklavier von den Tanzenden auf der Bühne herumgefahren wird. Kontrastierend dazu eigens komponierte elektronische Musik von Johannes Goldbach, auch Tänzer im Ensemble, die mit schrillen Tönen, wabernden Sounds und sphärischen Klängen aufwarten. Zwischendurch scheint sich die Dramaturgie der Zitate, Einzelteile und Bedeutungen choreografisch in der Bestandsaufnahme von Elementen des zeitgenössischen Tanzes zu verlieren. Doch im Finale vollendet sich der schmerzvolle Lebensweg zur Entrückung in himmlische Sphären. Mensch ist mit sich im Reinen und ein sinnliches szenisches Bild bleibt in Erinnerung.
Isolde Matkey
Parts und Pieces Ballett von Kinsum Chan mit elektronischer Musik und Live-Klavier. Semperoper Ballett im Kleinen Haus des Staatsschauspiels Dresden. Nächste Vorstellungen: 22. und 23. Mai, 4. und 5. Juli 2026 (alle ausverkauft), 29. und 31. Januar, 1. und 22. Februar, 7., 25. und 26. März, 28. und 29. April, 11., 19. und 23. Juni 2027
www.semperoper.de
