Körper als Projektionsfläche
»Ahnfrauen« von den Rabtaldirndln eröffnete das frau* macht theater-Festival
Das dritte frau* macht theater-Festival des Societaetstheaters hat sich den Körper der Frau als Hauptthema gewählt, und so passt es ganz wunderbar, dass das Eröffnungsstück von einer übergroßen Stofffrauenfigur auf der Bühne dominiert wird, die zunächst nur schiere Körperlichkeit vermittelt, im Verlauf des Abends aber so viel mehr sein wird.
Die Beziehung zur Mutter – oder besser: zu der ersten, wichtigsten Bezugsperson eines Kindes – ist diejenige, die fürs Leben prägt. In den allermeisten Fällen ist die Bezugsperson weiblich, was die Verbindung zu Töchtern noch einmal anders bestimmt als die zu Söhnen. Ist sie ein Rollenvorbild? Will frau ihr nacheifern oder sich abgrenzen? »Ahnfrauen – Ein Mütterstück« lautet der Titel der preisgekrönten Produktion des österreichischen Theaterkollektivs Die Rabtaldirndln und der Regisseurin Nadja Brachvogel, das den Frauen-März einläutete. Kathleen Gaube, die mit Nicole Meier und Romy Weyrauch das Festival leitet, sagte nach dem Stück, sie habe die Radtaldirndln schon lange angefragt, und sei froh, dass es nun geklappt habe. Zu recht, denn die anarchische Spielfreude der vier Frauen passt wunderbar in eine Zeit, in der positive Bestärkung sehr nötig ist. Auffällig allerdings: der absolut ausverkaufte Zuschauersaal ist fast ausschließlich mit Frauen mittleren Alters gefüllt; Männer sind ebenso die Ausnahme wie junge Frauen.
Die opulente Fülle, die überbordende Weiblichkeit der Puppe auf der Bühne dominiert die Szenerie, schon bevor das Stück beginnt. Sie bleibt zunächst anonym. Es gibt gehäkelte Brustwarzen samt Höfen, aber keine Andeutung eines Gesichts. Denn diese Figur, diese Mutter soll das sein, was Mütter, so eine der ersten Äußerungen im Stück, »schon immer waren: Projektionsfläche«.
Und so werden Bilder und Filme auf den naturweißen Stoff projiziert. Zunächst das Video einer Mutter, die stellvertretend für alle steht und den Abend mit einer langen, zu langen »Mösen-Genesis« einleitet: eine freihändig gehandhabte weibliche Ahnenreihe, in der neben großen Künstlerinnen auch Verbrecher und Tyrannen der Weltgeschichte auftauchen. Am wichtigsten bei all dem Lachen über die Verknüpfungen: Die Möse hat keinerlei Begrifflichkeit. Weder von sich selbst noch von denen, die sie gebiert. Sprich: Mütterlichkeit ist ein Konstrukt.
Das in »Ahnfrauen« so handfest mit Leben gefüllt wird, wobei der Humor eine ebenso wichtige Funktion hat wie die klaren feministischen Analysen, dass es sich um Unterhaltung im allerbesten Sinne handelt. Barbara Carli, Rosa Degen-Faschinger, Bea Dermond und Gudrun Maier kommen zunächst aus der weiten, rot-violettfarbenen Möse der Muttergestalt zur Welt, krabbeln, kriechen, beginnen zu laufen. Wir erhalten Informationen aus ihren Biografien: wann sie geboren wurden, was sie wann konnten, mochten – wie und wann sie zu den Rabtaldirndln kamen bzw. diese wurden. Dann die Idee: die eigenen Mütter befragen, nach ihrem Leben, ihren Vorstellungen, ihren Erwartungen. Sehr schön, dass die Ankündigung aus dem Pressetext, dies geschehe »ohne Scham, ohne Angst, ohne Tabus« auf der Bühne immer wieder durch Einwände der einen oder anderen relativiert wird. Denn natürlich ist es kaum einer Frau möglich, die eigene Mutter so nüchtern-analytisch zu befragen wie eine Soziologin eine Fremde.
Dabei sind mitnichten nur die Inhalte wichtig, das, was die Vier über ihre Mütter erfahren, und was in eine gewisse Allgemeingültigkeit überstellt wird, sondern der Abend ist wunderbar theatralisch. Mimik, Gestik, immer wieder herrlich choreografierte pantomimische Szenen sorgen für eine andere Art der Vermittlung; die auf die Frauengestalt projizierten Bilder tun ihr Übriges.
Perfekt witzig und entlarvend: die Darstellung von Mütterabbildungen aus der Kunstgeschichte von der Ognissanti-Madonna von Giotto über Botticellis Marien-Darstellung, bei der das Jesus-Kind Maria in die Brustwarze zwickt (»Ihr leerer Blick ist integraler Bestandteil ihrer Schönheit« schwafelt die Kunsthistorikerin) bis hin zu der Sixtinischen Madonna Raffaels mit zum Schreien komischen blöden Blicken Marias und des Jesus-Kindes. In die Darstellung hinein dringt lautes Babyschreien – und Madonna wird in eine gegenwärtige berufstätige Mutter verwandelt. Während ihr die Milch aus der entblößten Brust rinnt, hat sie ein Telefon zwischen Schulter und Ohr geklemmt, hält einen Müllbeutel in der Hand, bleibt stoisch inmitten der sich steigernden Geräuschkulisse.
Denn die Crux eines Frauenlebens ist durch das gekennzeichnet, was die Soziologin Regina Becker-Schmidt »doppelte Vergesellschaftung« nannte: Frauen, vor allem Mütter werden zwischen der systemrelevanten, unbezahlten Care-Arbeit und der bezahlten Berufstätigkeit aufgerieben. Passend dazu gibt es eindrucksvolle, teilweise durch Fotos illustrierte Zahlen, wie viele Stunden eine Mutter schwanger ist, in den Wehen liegt, kocht, pflegt, putzt. Um dann von einem Personaler auf ihre Aussage, sie habe vier Kinder aufgezogen, zu hören, sie habe also nie gearbeitet.
Das Stück wird leider nicht noch einmal aufgeführt, zwei Ausstellungen – einmal Statistiken zu sexuellen Übergriffen und einmal sehenswerte Fotografien von Ada Greifenhahn, bei denen sie Fotos zum Thema Körperwahrnehmung und Schönheitsidealen mit solchen von Flinta*-Personen aus der Musikszene zusammengestellt hat, – sind jedoch während des gesamten Festivals kostenlos zu sehen. Und es gibt bis Ende März noch eine Vielzahl anderer empfehlenswerter Produktionen.
Beate Baum
frau* macht theater Festival bis 31. März. Programm unter: www.societaetstheater.de
