Komm ins Wunderland

Die Performance "Alice" im Hause of Colors

Zufall oder Dresdner Zeitgeist? Im Stadtteil Johannstadt sind fast zeitgleich zwei große Graffiti-Projekte entstanden. Während sich Dynamo Dresden mit einem riesigen, emotional aufgeladenen Bild in vorwiegend Schwarzgelb an einer neunstöckigen Hausfront an der Pöppelmannstraße 5 feiert, gestalteten nur zwei Straßen weiter über 50 Dresdner und internationale Graffiti- und Streetart-Künstler:innen gemeinsam zwei leergewohnte, dem Abriss gewidmete Wohnhäuser der WG Aufbau. Temporär, kunterbunt und phantasievoll vom Keller bis zum Dachboden, belebt mit Hunderten großen und kleinen Bildern, Installationen und Geschichten! Schon dieses herzerwärmende Gemeinschaftskunstwerk über die vielfältigsten Themen unserer Zeit ist einen Besuch wert.

Nun inszenierte die junge Regisseurin Johanna-Friederike Krüger dafür als Gastspiel mit "Alice" ihre erste immersive Performance. Fünf Figuren der bekannten Geschichte erweckt sie für „die Suche nach dem eigenen Ich und unserem Verlangen nach echter Verbundenheit“ zum Leben.

Bis zu 25 Zuschauer:innen pro Durchgang können sich dafür frei in den Etagen bewegen, den Figuren folgen oder den eigenen Impulsen. Handys haben strikte Auszeit. Silent-Disco-Kopfhörer mit einem eigens komponierten Soundtrack tragen dazu bei, sich physisch wie psychisch in dem ausgemalten Umfeld wie Alice in einer anderen Welt zu fühlen. Dabei macht es im Verlaufe der Performance keinen Sinn, einem Handlungsfaden folgen zu wollen. Die Darsteller:innen gestalten aus sich heraus Charaktere und gemeinsam mit den Zuschauer:innen - im Treppenhaus und den Fluren auch mal in engerer Begegnung - eigene kleine Szenen. So wieselt der spanische Streetart_Künstler Inox als Hutmacher durch die Gänge, umwirbt und umgarnt alle und verführt im Dachboden mit HipHop-Moves zu einer Party. Ganz andere Qualitäten bringt der argentinische Jongler Ignacio García ein. Als Hase lässt er weiße Bälle wie von Geisterhand wandern und drängt die anfänglich zurückhaltende Alice (Johanna-Friederike Krüger) in Begegnungen. So mit der Königin (Nicole Kufeld), die durch eine starke, konzentrierte Körperlichkeit und herrische Gesten aufwartet.

Die Darsteller:innen sind in bunt zusammengestückelte Kostüme gehüllt, die sich manchmal zu ganz eigenständigen, unvorhergesehen Interaktionen mit den Kunstwerken auf den Wänden fügen (Kostüme: Sarah Magirius). Mit zunehmender Dämmerung wirken auch verschiedene Lichteffekte und so zog mich Rocío "Pez" Becerra als Raupe ? mit ihren geschmeidigen Bewegungen inmitten eines Schattengitters besonders in den Bann.

Dadurch hatte ich den Anschluss an den Verlauf der anderen Aktivitäten fast verloren und fühlte mich für einen Moment unter meinen Kopfhörern selbst verlassen in dem weitläufigen Bau. Wahrscheinlich ist, dass die anderen Besucher:innen durch ihre Entscheidungen, wohin, wann und wem zu folgen, ganz eigene Begegnungen und Eindrücke empfingen. Die Veranstalter empfehlen deshalb auch, die Performance mehrmals unter verschiedenen Blickwinkeln zu durchlaufen. Zusammen fügt sich das emotionale Erleben Aller am Ende mit wechselnden musikalischen Live-Acts. In meinem Fall sang ein Doppelquartett vom Vokalwerk. Danach brauchte es unbedingt den Austausch über dieses beeindruckende neue Genre. Gut dass eine kleine Bar geöffnet ist. 
Isolde Matkey 

Alice Immersive Performance der Company Riotgear, Regie: Johanna-Friederike Krüger. House of Colors, Nicolaistraße 18, 01307 Dresden, www.houc.de/house-of-colors
Weitere Vorstellungen: 26. und 27. September, Tickets an der Abendkasse oder www.tixforgigs.com