Letzte Ausfahrt: Revolution
»Der tollste Tag« von Peter Turrini als Sommertheater des Staatsschauspiels im Japanischen Palais
Peter Turrini, der österreichische Schriftsteller mit italienischen Wurzeln, der vermutlich schon qua Geburt Erfahrungen machen konnte, wie es den Ausgegrenzten, den Randständigen, den Armen und Schwachen, den nicht mit Macht ausgestatteten Menschen geht, ärgert schon seit den späten 60er-Jahren mit seinen ersten Stücken all diejenigen, die ihren bürgerlichen Wohlstand, ihre Macht und Herrlichkeit nicht preisgeben oder auch nur teilen wollen. Aus dieser Zeit, von 1972, stammt auch seine Bearbeitung der 1784, quasi am Vorabend der Französischen Revolution uraufgeführten Beaumarchais-Komödie »Der tolle Tag«, besser bekannt durch die dann schon zwei Jahre später entstandene Mozartsche Opera Buffa »Figaros Hochzeit«.
Was bei Beaumarchais und Mozart – bei aller Gesellschaftskritik – versöhnlich und der Aufklärung gemäß mit der Fürstenerziehung noch einigermaßen gut endete: Als nämlich der Graf in seiner unersättlichen Gier, jungen Mädchen, vorrangig den ihm untergebenen Dienstbotinnen, nachzustellen, von seiner eigenen Frau aufs Peinlichste vorgeführt wird, kriegt er gerade noch die Kurve und gestattet gnädig die Hochzeit zwischen Figaro und Susanne, ohne vom fürstlichen Recht der ersten Nacht Gebrauch gemacht zu haben. Turrini traut diesem Frieden nicht mehr. Bei ihm kippt die Komödie um den Machtverlust der oberen Gesellschaftskreise ins Dunkle, Zerstörerische und Brutale. Man kann das auch Revolution nennen. Aber wer will die schon?
Das Staatsschauspiel hat sich diese sprachgewaltige, scharf überzeichnende Turrini-Komödie für sein Sommertheater im Hof des Japanischen Palais vorgeknöpft und bietet viel, um nicht in seichte Sommerabendunterhaltung abzudriften. Mir hat das sehr gefallen, wenn manchmal auch die Lust an der Überzeichnung mit dem gut aufgelegten Ensemble und der Regisseurin Lily Sykes derart durchging, dass ich den eh schon verworrenen Fäden der intrigant gesponnenen Geschichte nicht immer folgen konnte. Doch ich wurde entschädigt mit äußerst präzisem, intelligentem Sprachwitz (besonders tat sich da Josephine Tancke als weiblicher Figaro hervor), mit tänzerisch akrobatischem, teils krass überzogenem Körperspiel (Kriemhild Hamann als Susanne und Katja Gaudard als Gräfin waren darin die Meisterinnen), und einem vielgestaltigen Live-Soundtrack, der sich aus dem Rock-und Pop-Regal der letzten Jahrzehnte ebenso bediente wie auch bei Mozart, bei diesem allerdings sehr bescheiden. Was den großen, kleinen, echten und falschen Gefühlen der Protagonist*innen immer wieder eine Bühne bot, und auf diese Weise das rasante Geschehen für einen kleinen Erholungsmoment anhielt.
Noch vor dem eigentlichen Beginn mischte sich eine junge Frau (oder ein junger Mann, wer weiß das schon?) unter die Zuschauer und Zuschauerinnen, und verwickelte sie in ein Gespräch darüber, ob sie auch so einen großzügigen Chef hätten, der ihnen beispielsweise ein Bett schenkt. Wie ihm, oder ihr, gerade geschehen. Ein anderer flirtete sich mit allzu offensichtlichen Schmeicheleien durch die Reihen mit der unverhohlenen Absicht, ein Date für nach der Vorstellung zu ordern. Das Thema war gesetzt, dessen Aktualität außer Frage steht. Aber mitnichten ging es »nur« um Männer und Frauen, sondern vielmehr um Macht und Machtgefälle und die Abhängigkeiten, die dadurch entstehen. So ist es auch völlig egal, ob Figaro Mann oder Frau ist. Entscheidend ist, dass die beiden heiratswilligen Liebenden dem Grafen untergeben sind und also abhängig von dessen Gunst.
Auch im weiteren Verlauf des Abends wurde das Publikum immer mal direkt einbezogen, erhielt beispielsweise den Auftrag, beim Auftritt des Grafen in der Gerichtsverhandlung in Jubel auszubrechen und den liebeskranken Marcellus überschwänglich zu begrüßen. Beide wollen nämlich den Nebenbuhler Figaro aus dem Weg schaffen, und zwar mit einer staatlich sanktionierten und von Marcellus bezahlten Rechtsbeugung.
Die intrigante Bazilla bemühte sich, das Publikum zu funktionalisieren. Doch sie hatte mit ihrer durch und durch korrupten Figur, die sich durch alle Gesellschaftsschichten intrigiert, einzig zum Zweck, vom Chef geliebt zu werden, wenig Chancen, einen Punkt zu machen. Fanny Staffa spielte sie mit geradezu mitleidloser Präzision. Das war konsequent, Chapeau!
Das Publikum verhielt sich an dieser Stelle durchaus auf der Höhe einer modernen Demokratie und spielte mehrheitlich nicht mit. Wer will schon einem Chef applaudieren, der ganz offensichtlich seine Macht missbraucht, um sich sexuell an den Untergebenen zu bedienen? Wer will sich mit einer Hofschranze verbünden, die glaubt, das Recht und die Liebe mit Geld erkaufen zu können?
Der Abend rechnet so schonungslos mit dem nur scheinbar komödiantischen Potenzial der altbekannten Story ab, dass einem das Lachen tatsächlich ein ums andere Mal im Halse stecken bleibt. Turrinis Text, sein messerscharfer Blick auf die von Gier und Asozialität zersetzte Gesellschaft, verweigert sich einem Kompromiss. Und wenn man sich ein Theater wünscht, das gegenwartsrelevant ist, dann kommt am Ende eben kein unbedingt leichtfüßiger Sommerabendspaß heraus. Man kann nicht alles haben. Allerdings ist das WIE in der Darstellung dieser moralisch verkommenen, zutiefst maroden Gesellschaft ästhetisch so reizvoll und interessant, dass der eher ernste Theaterabend durch seine artifizielle Meisterschaft auch Leichtigkeit verströmt und vor allem durch seine überbordende Spielwut überzeugt.
Einziger Wermutstropfen war fehlender Glühwein, denn just an dem Abend, den ich besuchte, hatte es frostige 15 Grad und kalten Wind. Da hätte ich mir mehr Flexibität beim Catering gewünscht, etwa mit einer kurzfristigen Umstellung auf das Weihnachtsmarktgetränk. Aber wie schon gesagt: Man kann nicht alles haben.
Caren Pfeil
Der tollste Tag oder Figaros Hochzeit von Peter Turrini. Sommertheater des Staatsschauspiels Dresden im Japanischen Palais. Regie: Lily Sykes.
Vorstellungen: 14. bis 16. August, 18. bis 20. August, 27. bis 30. August 2026
www.staatsschauspiel-dresden.de
