Maskenball mit rauchendem Fischkopf - Liebesdrama oder Politthriller?
Große Oper zum Saisonauftakt: Verdis »Un ballo in maschera« an der Semperoper
Nach seinem gefeierten »Falstaff« eröffnet Chefdirigent Daniele Gatti einmal mehr die Spielzeit der Sächsischen Staatsoper mit einer großen Verdi-Oper. »Un ballo in maschera« (»Ein Maskenball«) ist musikalisch feinste Kost, und das nicht nur für Freunde der italienischen Oper. Sie ist auch ein spannendes Bühnenspektakel um Liebe, Eifersucht und Verrat. Obendrein aber auch ein Stück politischen Musiktheaters. Das sorgte schon vor der Uraufführung für Schlagzeilen.
Nach nach vielem Hin und Her konnte das von der damaligen Zensur erst verhinderte und dann überarbeitete Werk - statt reale Vorgänge vom schwedischen Königshaus darzustellen, musste der Stückinhalt nach Boston verlegt werden - 1859 endlich in Rom uraufgeführt werden. Dresdens Hofoper zog bereits 1868 nach. Dazumal in einem wohl gänzlich anderen Klangbild als in dem schillernden des Mailänders und Verdi-Experten Daniele Gatti. Er transportierte dieses faszinierende Stück über Identität und Maskerade, über Täuschungen und Enttäuschungen in unterschiedlichste Klang- und Bewegungsräume. Als wolle er dem Werk neue Dimensionen eröffnen. Sein sowohl von großer Liebe als auch von enormer Kenntnis durchdrungenes Verständnis dieser Oper erzeugt reinen Genuss, enorme Spannung und wird von der Staatskapelle in gewohnter Klangqualität umgesetzt. Da quillt jede Menge Ornamentik aus der Partitur, korrespondieren Details sowohl innerhalb des Grabens als auch in Bezug zur Bühne. Trotz mitunter gedehnter Tempi im Resultat eine schillernde Brisanz, in Tutti-Passagen von Orchester, Solisten und energiegeladenem Opernchor überwältigend.
Verbunden war dies mit dem Dresdner Regie-Einstand der Sopranistin Angela Denoke, die seit einigen Jaren Oper auch inszeniert. An der Semperoper war sie in Wagners »Lohengrin« zu erleben, im »Wozzeck« von Alban Berg sowie in den Strauss-Opern »Arabella« und »Rosenkavalier«. Italienische Oper habe ihrer Stimme nicht so gelegen, sagt sie, mit der beschäftigt sie sich nun als Regisseurin. Mit besonderer Vorliebe just für den »Maskenball«, der in Dresden selbstverständlich im italienischen Original erklang.
Für diese erste Regiearbeit an einem großen Haus versicherte sich Angela Denoka der szenischen Mitarbeit von Fabio Toraldo sowie einer imposanten Bühnenausstattung von Timo Dentler und Okarina Peter. Ein raumgreifender Messingkranz hing kreisförmig über der Bühne, mal mit einem manegenartigen Rundvorhang versehen, mal geöffnet, um drei massive Elemente freizugeben, die sich ineinander drehten und unterschiedlichste Raumsituatioinen erzeugten, nicht zuletzt prachtvolles Ballsaal-Ambiente. Glitzernde Kostüme, farbenfrohe Garderoben und seidig-samtige Anzüge - viel Kost fürs Auge.
Für die Ohren galt dies ähnlich, denn neben Gatti, Chor und Orchester wetteiferten die Solistinnen und Solisten um ein Fest schöner Stimmen. Francesco Meli gab mit Strahletenor einen angstfrei herrschüchtigen Riccardo, den scheinbar nichts umwerfen kann. Bis sich seine Liebe zu Amelia als nicht lebbar erweist und ihm der Betrug am besten Freund auf der Seele liegt und dies in ergreifend menschlichen Tönen kundtut. Die Geliebte lebt als Gattin von Riccardos einzig wahrem Vertrautem zwischen Treue und Überdruss, emotional so stolz wie gebrochen, will ausbrechen, bekennt zwar ihre Liebe zu Riccardo, fügt sich dann aber doch ins Schicksal der sühnenden Betrügerin. Die australische Sopranistin Nicole Car gestaltete den Part mit feiner Lyrik und spitzer Höhe, spielte mit Grandezza und erwies sich als ideale Besetzung. Ebenso Rosalia Cid als Page Oscar, gewissermaßen ein hintergründiger Spielleiter dieses Melodrams. Raffiniert in Spiel und Stimme, errang die Spanierin verdientermaßen viel Premierenapplaus. Der brandete auch beim Dresdner Hausdebüt von Germán Enrique Alcántara auf, einem kraftstrotzdenden Bariton aus Argentinien, dem seine etwas ruppige Stimmführung am Ende auch einige Buhs eintrug. Silberfunkelnd gab Yulia Matochkina die Wahrsagerin Ulrica als eine Art Drama-Queen mit Witz im Spiel und unangreifbarem Timbre.
Während insbesondere das konfliktgeladene Trio Riccardo, Amelia und Renato spielerisch überzeugt hat - mitsamt dem genialen Moment, als Renato und Amelia den bedrohten Riccardo vor seinen Feinden schützen, ohne dass Renato jedoch ahnt, den Betrüger gemeinsam mit seiner betrügenden Frau zu retten -, wirkten die Chorszenen leider sehr statuarisch. Trotz aller burlesken Agilität von Rosalia Cids Oscar konnte nicht überdeckt werden, wie wenig dieser »Maskenball« in seiner Gesamtheit auf einer stringenten szenischen Idee basierte. Daran änderte auch der rauchende Fischkopf nichts, der immer mal wieder mit einem kleinen Schwarm durch die Szenen huschte.
Michael Ernst
Un ballo in maschera von Giuseppe Verdi. Semperoper. Musikalische Leitung: Daniele Gatti. Inszenierung: Angela Denoke.
Nächste Aufführungen: 7. (ausverkauft), 10., 17. und 21. Oktober 2026
www.semperoper.de
