Neuinszenierung einer Sandalenoper

„Samson et Dalila“ an der Berliner Staatsoper

Foto: Matthias Baus

Camille Saint-Saëns war eines jener Wunderkinder, die die Musikwelt immer wieder hervorbringt. Kurz nach seinem dritten Geburtstag lieferte er seine erste Komposition ab und wurde vor allem ein international gefeierter Organist. Kompositorisch lag sein Schwerpunkt denn auch im Tastenfach und der Symphonik. Von seinen Gehversuchen als Opernkomponist findet sich höchstens „Samson et Dalila“ auf dem Spielplan. So auch als Neuinszenierung auf dem der Berliner Staatsoper unter den Linden unter der Leitung von Daniel Barenboim.

Der Komponist hatte das Werk ursprünglich auch als Oratorium geplant und war hiervon durch den Librettisten Ferdinand Lemaire abgebracht worden. Die ausgedehnten Chorszenen im ersten und dritten Akt geben noch Zeugnis von der ursprünglichen Konzeption dieser Umsetzung eines alttestamentarischen Themas aus dem Buch der Richter. Dafür ist der zweite Akt mit der Verführungs- und Liebesszene ein typischer Vertreter der französischen Oper. Seltenheitswert hat, daß die Titelpartie für einen Mezzo-Sopran geschrieben ist. Saint-Saëns gehörte zur Gruppe der Wagner-Bewunderer unter den französischen Komponisten. Deshalb wird wegen des ausgedrückten Konfliktes des Titelhelden zwischen Pflicht und Trieb gerne eine Parallele zu „Tristan und Isolde“ gezogen, wo aber der Konflikt als ethischer auf einer höheren geistigen Ebene abläuft. Hier mag schon eher eine Verbindung zum Venusberg im Tannhäuser gerechtfertigt sein. Jedenfalls war es die zu Unrecht behauptete Wagnernähe, die diesem Werk einen Umweg in der Akzeptanz bescherte. Die Uraufführung erfolgte unter Liszt in Weimar und die Oper war im Ausland längst gefeiert, bevor sie erstmals in Frankreich und dann auch „nur“ in Rouen aufgeführt wurde. Es dauerte dann noch mehrere Jahre bis sie auch in Paris und nach einigen weiteren Jahren dort auch in der Bastille aufgeführt wurde.

Am 11. Dezember wurde der Sänger der Titelpartie Brandon Jovanovich bereits durch Vorabansage als unter einer Erkältung leidend entschuldigt. Er spielte trotzdem und lieferte eine schauspielerisch überzeugende Leistung. Vor allem der innere Konflikt zwischen der Glaubenstreue und Pflicht gegenüber seinem Volk einerseits und der Hingezogenheit zur verführerischen Dalila andererseits im zweiten Akt wie auch der Übergang von der von Selbstvorwürfen geplagten defätistischen Ergebenheit in das selbstverschuldete Schicksal zum erwachenden Zorn über die Gotteslästerung und der Rückgewinnung der alten Kraft waren nacherlebbar. Auch gesanglich drückte er dies aus. Allerdings konnte er sich, wohl erkältungsbedingt, mehrfach gesanglich nicht gegen die Dalila Elina Garanĉas oder den ebenfalls famosen Oberpriester Michael Volle (Bariton) durchsetzen. An anderen Stellen erwachte aber die Stimmkraft wieder (vor allem nach der Pause) und man konnte sich vorstellen, wie es wohl mit einem gesunden Samson geklungen hätte. Elina Garanĉa war eine begeisternde Dalila, die ihre Verführungskunst auch gesanglich exzellent zeigte. Zum Dahinschmelzen ihr Mon coeur s´ouvre à ta voix im zweiten Akt. Eine großartige Arie interpretiert von einer großartigen Sängerin. Und dabei demonstriert sie eine Kühle, die auch zeigt, tief empfundene Liebe ist das nicht, sondern Täuschung. Daniel Barenboim lieferte ein gewohnt perfektes Dirigat der Staatskapelle Berlin. Jedes Motiv wurde herausgearbeitet, jedes Instrument kam zur Geltung ohne das symphonische zu verletzen. Herausragend die Klarinetten im zweiten Akt. Das gesamte Ensemble widerstand dabei der Verlockung Schönklang zu schmettern und belegte damit, daß Eindringlichkeit gerade auch durch Genauigkeit entstehen kann. Zurücknahme, Intimität und Konzentration getragen von einem diszipliniert eingestellten Orchester dienten der Botschaft.

Anhänger traditioneller Aufführungen werden sich freuen, daß sich Bühnenbild und Kostüme an der biblischen Vorgabe orientieren, Gaza um die Zeit der Versklavung der Juden durch die Philister abzubilden. Das mag manche Aktualisierungsspießer stören. Aber nicht jede Opernaufführung braucht Nazi-Uniformen und Hitlergrüße. Dafür werden gerade solche in der Regel eher konservative Operngänger durch Einfälle der Regie irritiert, die beispielsweise dem Rezensenten alle Kraft abgefordert hätten, seinen Vater selig in den Sitz zurückzuziehen und von einem empörten Herausstürmen aus der Vorführung abzuhalten. Da sausten beispielsweise in der orgiastischen Feierszene im dritten Akt barbusige Tänzerinnen über die Bühne, die in den relevanten Körperpartien allerdings durchweg attraktiv ausgestattet waren. Mehr noch hätte Anstoß erregt, daß sich im zweiten Akt der Titelheld nicht damit begnügte, sich mit der Titelheldin auf das Liebeslager niederzulassen, sondern dort durch unmißverständliche Lendenbewegungen in Missionarsstellung den Vollzug des Liebesaktes anzudeuten (zur Beruhigung: er wurde - jedenfalls auf der Bühne - nicht tatsächlich vollzogen.). Auf der Habenseite der Darbietung stand hohes schauspielerisches Talent der Akteure. Vor allem Elina Garanĉa gab eine überzeugende Dalila, die sowohl den Hochmut im dritten Akt, wie die Verführungskraft im zweiten Akt nachvollziehbar ins Publikum transportierte. Der im Programmheft in Form von Plakaten abgedruckte Vergleich mit dem Paramount-Hollywood-Streifen von 1949 mit der Wienerin Hedwig Kiesler, aka Hedi Lamar (empfehlenswert die gerade im Molden-Verlag erschienene Biographie aus der Feder Michaela Lindingers) mag hier etwas hochgegriffen sein. Dafür konnte Hedi Lamar auch nicht so schön singen. Ein genialer inszenatorischer Einfall war die durch Doubles getanzte Traumszene am Ende des ersten Aktes, die Dalila als durchaus mehrschichtige Persönlichkeit erscheinen läßt: der Traum von Familie und Kindern zeigt, daß sie eben nicht nur die rachsüchtige Prostituierte ist.

Das Publikum feierte das Ensemble zu recht mit stehenden Ovationen und forderte mehrere Vorhänge. Ein gelungener Abend zum Weiterempfehlen.
Ra.