Nora hofft. Nora versteht. Nora geht.

»Nora« von Henrik Ibsen am Staatsschauspiel Dresden

Foto: Sebastian Hoppe

Was für eine mitreißende Inszenierung! Sie beginnt damit, dass ein älterer Herr, ganz offensichtlich aus dem vorletzten Jahrhundert, vor den Vorhang tritt und ein paar Thesen zum Thema Ehe zur Diskussion stellt, was schließlich in der Forderung August Bebels mündet, dass es eine neue Gesellschaft brauche, um den Frauen gerecht zu werden. Bei den anfangs eher stammtischtauglichen Allgemeinplätzen hat er die Lacher auf seiner Seite, am Schluss dann verdutztes Schweigen. Es ist Dr. Rank, Freund der Familie, die wir gleich kennenlernen werden, der hier das Thema des Abends setzt und den Rahmen absteckt: Theater als ein Ort öffentlicher Debatte. Erst jetzt erlischt das Licht im Zuschauerraum. Der Vorhang öffnet sich.

Was wir sehen ist aber nicht das biedere Wohnzimmer der Familie Helmer, in dem die Ehefrau und dreifache Mutter Nora mit den gerade getätigten Weihnachtseinkäufen die Aufmerksamkeit ihres Zeitung lesenden Gatten erheischen will, sondern eine Art Tempel in der Mitte der Drehbühne – Eingang in und Ausgang aus dieser Welt zugleich. (Bühne: Jo Schramm) Eine repräsentative Treppe führt hinauf und hinein ins Puppenheim (das ist der eigentliche Titel des 1879 erschienenen Stückes von Henrik Ibsen). Doch kaum ist man drinnen, kommt man ins Rutschen. Denn hier steht nichts mehr auf sicherem Boden, ein paar wenige Stühle und ein kleines Sofa halten sich gerade noch so auf schiefer Ebene. Dieser goldene Käfig, in dem das „Vögelchen“ freilich kostenfrei, also quasi karitativ, die Arbeit am Mann, am Haushalt und an den Kindern verrichtet, aus Liebe versteht sich, ist zu einer Demonstration männlicher Macht geronnen, an der frau sich immer wieder abrutschend abarbeiten kann. Torvald Helmer hat den Aufstieg geschafft, ist endlich Bankdirektor und bringt bald das nötige Geld in ein Zuhause, das zukünftig so luxuriös ausstaffiert werden wird, wie es das prunkvolle Eingangsportal bereits verheißt.

Die Kostüme (Ulrike Gutbrod) bleiben ganz im 19. Jahrhundert mit diesen albernen Tournüre-Gestellen unterm Kleid, die die Frauen zu Hintern wackelnden Statuen machen. Dazu trägt Nora eine Löckchenperücke, die sie zu immerwährender Niedlichkeit verdammt. 

Tom Kühnel hat den bald 150 Jahre alten Text gemeinsam mit seinem sinnvoll auf nur fünf Figuren reduzierten Ensemble auf seine Aktualität hin untersucht und ist, wen wunderts, fündig geworden. Scheint doch die bürgerliche Ehe mit ihrer klassischen Rollenverteilung und der damit eingepreisten Ausbeutung und Abhängigkeit der Frau immer wieder fröhliche Urständ zu feiern – in den Köpfen, in den Verhältnissen, in den Gesetzen. 

Einst hatte Nora ihrem Mann das Leben gerettet, indem sie heimlich Geld für einen notwendigen Italienaufenthalt borgte und dafür eine Unterschrift fälschte – schließlich durfte sie ja nicht einmal selbst bürgen für den Kredit. Und gerade jetzt, wo sie durch Torwalds Aufstieg auch ein  großzügigeres Haushaltsgeld erwarten kann, von dem sie die noch fälligen Raten leichter heimlich zur Seite legen könnte, will der zwielichtige Krogstad (Lukas Vogelsang), der ihr einst das Geld geliehen hatte, auch etwas abbekommen vom großen Kuchen und erpresst sie. 

Plötzlich kracht Noras Welt zusammen. In einem fulminanten Spiel schnurren 150 Jahre zusammen auf wenige Stunden eines Vorweihnachtsabends, wie in einer Zeitmaschine. Zunächst taucht noch Noras einstige Freundin Christine Linde auf (prägnant und grell: Betty Freudenberg), genau dann, als es was zu holen gibt im Hause Helmer. Mitten im Satz kippen die Frauen manchmal in den Rap von Nura aus dem Jahr 2023 „Eine gute Frau“. Sie brüllen heraus, was sie fühlen, bevor sie sich in der nächsten Sekunde wieder hinter ihrem konventionellen Wohlverhalten verstecken. Diese Solidarisierung der Frauen von heute mit denen von damals hat eine große Kraft und holt diese Nora nah an die Gegenwart heran.

Karina Plachetka ist eine ungewöhnliche, sehr vielschichtige Nora, die mich in jedem Moment dieses kurzweiligen Abends an dem, was in ihr passiert, teilhaben lässt. Da ist ihre Verzweiflung, weil ihre Lage immer aussichtsloser wird. Sie kämpft mit allen Mitteln, die ihr bis dato zur Verfügung stehen; ist kokett, schmeichelt, schnurrt, bittet, droht … Sie tanzt sich die Seele aus dem Leib, anstatt die von Torvald mit ihr eingeübten Schritte für einen Gesellschaftsabend artig abzugehen. Und sie lässt die Nähe zu Dr. Rank zu, dessen unglückliche Liebe zu ihr vielleicht schon immer eine Art Schutz war. Thomas Eisen spielt eine feinsinnige, leise Figur, einen Mann, der mit seiner Melancholie und angesichts des nahen Todes nicht mehr funktionalisiert werden kann. Er ist, der er ist

Und da ist Noras unbändige Hoffnung, dass Torwald sie retten, weil verstehen wird. Diese große Hoffnung, die Ibsen vor 150 Jahren in diese Geschichte hineingeschrieben hat, wäre tatsächlich ein Ausweg ─ und bleibt eine Illusion. Weil der Mann Torvald eben nicht an einer gleichberechtigten Beziehung zu seiner Frau interessiert ist. Er kennt nur den Status quo: der Mann sorgt für die Frau, und entzieht ihr somit weiter alle Rechte. Viktor Tremmel spielt ihn differenziert und einfühlsam, was dessen Erbärmlichkeit nur noch deutlicher macht.

Als Nora das verstanden hat, sieht man den Erkenntnisschub in ihrem Gesicht ─ ein Dammbruch. Die letzte Szene, das erste richtige Gespräch zwischen den beiden Eheleuten, kommt ohne jede Theatralik aus und ist doch großes Theater. Nora erscheint ohne die alberne Perücke in einem schlichten Rock mit Bluse. Mit jedem Satz, den Torvald nicht versteht, wächst ihr Verständnis für sich selbst. Als sie geht, lässt sie alles hinter sich. Auch die Kinder. Ein winziges Stocken in der Sprache, mehr ist nicht nötig, um zu spüren, wie notwendig und wie grausam diese Entscheidung für sie ist.

Erst im Abgang sieht man die Tournüre unterm Rock, ein Relikt aus alter Zeit, das Nora nicht so einfach ablegen kann. Der Weg liegt noch vor ihr.  Zurück bleibt ein sprach- und ratloser Torvald, der die Welt nicht mehr versteht.
Caren Pfeil

Nora von Henrik Ibsen am Staatsschauspiel Dresden, Schauspielhaus. Regie: Tom Kühnel.
Mit Karina Plachetka, Viktor Tremmel, Betty Freudenberg, Thomas Eisen, Lukas Vogelsang
Nächste Vorstellungen: 3. Mai, 24. Mai, 4. Juni, 20. Juni, 27. Juni 2026
/www.staatsschauspiel-dresden.de