»Parsifal« mit Engelsflügeln
Richard Wagners letztes Stück Musiktheater endlich wieder an der Semperoper
»Parsifal« in Dresden, große Wagner-Oper also an der einstigen Wirkungsstätte des Dichter-Komponisten, noch dazu mit dessen heutigem Nachfolger am Pult der Staatskapelle - das klingt nach ganz großem Bahnhof. Dieser erste »Parsifal« seit Theo Adams vor mehr als 15 Jahren abgespielte Fassung wurde mit großer Spannung erwartet. Zu Beginn dieses mitsamt zweier Pausen fünfeinhalb Stunden währenden Bühnenweihfestspiels ging es erst einmal in die Toskana zur historischen Kirchenruine von San Galgano in der Nähe von Siena. Die Reste dieses gotischen Sakralbaus wurden von Regie und Ausstattung zur Spielstätte dieses »Parsifal« erkoren, allerdings hat der holländische Regisseur Floris Visser den Ort für seine Inszenierung in Sankt Parsifal umbenannt und sich das Ambiente von Frank Philipp Schlößmann adäquat nachbauen lassen. Was durchaus schlüssig ist, denn Wagner sah Italien ja als gern bereisten Sehnsuchtsort, hat den »Parsifal« (nach einem anregenden Besuch in Ravello an der Amalfiküste) in Palermo vollendet und ist in Venedig gestorben.
Für diese Neuinszenierung wurde das Werk also adaptiert und mitsamt dem neuen Ortsbezug aus mythischer Urzeit in eine Art Heute verlegt. Das eindrucksvolle Bühnenbild bot die Kulisse für Touristenrummel mit Wanderern und Veteranen, mit Versehrten im Rollstuhl und auf Krankenhausbetten, mit Pilgern sowie mit einer kleinen Schulklasse. Einer der Schüler ist ein kleiner Pfiffikus, der die historische Stätte ganz genau inspsiziert, sich von seiner Klasse entfernt und immer wieder in einem dicken Buch blättert, in dem vielleicht die Geschichte von San Galgano oder Sankt Parsifal geschrieben steht.
Während die Klasse weiterzieht, vertieft sich der Knabe in die Historie, sieht Ritter auftauchen und zieht die Touristen von heute in die Handlung hinein. Das funktioniert überraschend gut und erzählt »Parsifal« einigermaßen neu, eben aus den Augen eines Kindes, ein origineller Zugriff auf diesen von Mythen umrankten Stoff. Dass diese Umdeutung so gut aufgeht, liegt sicherlich zu einem großen Teil am Darsteller dieses Knaben, dem vierzehnjährigen Komparsen Leander Wilde, der sich den ganzen langen Abend hindurch wirklich großartig in das riesige Ensemble einfügt und dafür zum Schluss heftig umjubelt wurde. Er führt und agiert mit seiner stummen Rolle durch die lange Oper, deutet damit schon an, dass Wagners »Parsifal« ein Hoffnungsstück ist, ein Werk um den Erlösungsgedanken - vielleicht kommt die Erlösung ja von dieser jungen Generation?
Leider - und dafür hat das Regieteam heftigste Buhrufe geerntet -, leider wird dieser Erlösungsgedanke überfrachtet mit reichlich religiösem Brimborium, wobei nicht immer klar ist, ob hier einfach nur möglichst viele Bibelzitate in die Inszenierung gesteckt werden (Sternensinger, Kreuzigung etc.), ob vielleicht gar missioniert werden soll oder ob nicht doch ein Stück Blasphemie dahintersteckt. Um ein paar Beispiele zu nennen: Die Gralsritter um den verwundeten Amfortas sind in mönchische Kutten gesteckt, die verführerischen Blumenmädchen des eigentlichen Gegenspielers Klingsor sind eine Schar von Nonnen, die in der Verführungsszene in Unterröcken dastehen, irgendwann bringt eine mit großen Engelsflügeln versehene Figur eine Babypuppe rein, übergibt sie dem Knaben - doch was daraus wird, bleibt nicht erkennbar. Ein Opfer vielleicht? Eine Weihe?
Im dritten Aufzug dann - Parsifal als tumber Tor ist inzwischen geläutert, hat den Verlockungen der Mädchen und von Kundry widerstanden, bringt den Speer zurück, der Amfortas verwundet hat und ihn heilen kann (»die Wunde schließt der Speer nur, der sie schlug«, heißt es im Text) -, da wird der Kirchenzauber auf die Spitze getriebem, gibt’s nochmal Engel, erscheinen Adam und Eva leibhaftig nackt in Kirchenfenstern, bekommen Speer und Gral in die Hände gedrückt … Spätestens hier war einfach nur ein Zuviel des Guten erreicht, zumal vorher schon die Videos von Will Duke vorgeführt haben, in welchem Zustand die Welt heute ist. Krieg, Hunger, Elend, Atombombe und Klimazerstörung - das alles gipfelt auf der Bühne dann in Protestplakaten, die wortwörtlich arg plakativ geraten sind …
Entschädigt hat allerdings die Musik in dieser zweiten Dresdner Opernpremiere von Daniele Gatti als Chefdirigent der Staatskapelle. Nach Verdis lustvollem »Falstaff« war Wagners »Parsifal« ein weiteres Letztwerk, nun aber geradezu weihevoll in getragenen Tempi, stets spannungsgeladen, um aus dem Graben heraus imposante Klanggebäude zu entwerfen, die lange nachgehallt haben, während auf der Bühne vor allem Georg Zeppenfeld als Gurnemanz ungemein glänzte. Noblesse im Ton, textverständlich in der Aussprache, Leichtigkeit im Auftritt - kein Wunder, dass er wiedermal heftig bejubelt wurde. Die durch Mitleid geläuterte Kundry, nicht zum ersten Mal als Prostituierte, als Heilige und Hure dargestellt, wurde von Michèle Losier verkörpert; sehr lebensnah und empfindsam natürlich, ein vokaler Orkan; der leidende Amfortas war Oleksandr Pushniak - wirkmächtig und kraftvoll im Ton, sauber timbriert, ebenso Scott Hendricks als Klingsor, bei dessen Textverständlichkeit allerdings etwas auf der Strecke blieb.
Und der Titelheld Parsifal? Der entwickelt sich vom Antihelden als tumber Tor zum volltönenden Jesus Christ Superstar. Bewundernswert beim US-amerikanischen Tenor Eric Cutler der Mut zu den leisen Tönen. Diese Ambivalenz - durchaus eine Parallele zu Wagners immer wieder bekundeten Anspruch an das Gesamtkunstwerk - hat dieser Gralsoper Bleibendes verliehen, während die szenische Überfrachtung für offene Fragen, peinliche Berührtheit und viele lauthals geäußerten Buh-Rufe gesorgt hatte.
Michael Ernst
Parsifal Oper von Richard Wagner. Musikalische Leitung Daniele Gatti. Inszenierung Floris Visser. Semperoper. Nächste Vorstellungen: 3. und 6. April 2026, 26. und 29. März sowie 4. April 2027.
www.semperoper.de
