»Schlachthof 5« und kein Ende

75 Jahre nach Kriegsende: Kurt Vonneguts Anti-Kriegs-Roman kommt als Uraufführung ins Festspielhaus Hellerau

Schlachthof 5, Performer*innen bei der Probe, Foto: Stephan Floss

Der US-amerikanische Autor Kurt Vonnegut (1922–2007) erlebte die Zerstörung Dresdens 1945 als Kriegsgefangener. Aus diesen Erfahrungen schuf er 1969 seinen Roman »Schlachthof 5«, der auch als Film und Theaterstück umgesetzt wurde. Das Europäische Zentrum der Künste in Hellerau produziert nun gemeinsam mit dem Produktionsbüro Tristan Production die Uraufführung des multimedialen Musiktheaterprojekts »Schlachthof 5«. Michael Ernst sprach darüber mit Agenturchefin Isolde Matkey, die auch Theaterredakteurin der SAX ist.

SAX: Der US-Amerikaner Kurt Vonnegut und der Mythos von Dresden – eine Never Ending Story?
Isolde Matkey: Kurt Vonnegut brachte seinen Roman in einer Zeit heraus, in der Amerikas Vietnamkrieg und damit das Antikriegsthema sehr präsent waren. Für Dresden ist dieser Mythos der zerstörten Stadt nach wie vor sehr gegenwärtig und wird von verschiedenen Seiten benutzt sowie auch instrumentalisiert. Da spielen oft Fakten und Zahlen nicht die überzeugende Rolle, driftet vieles in Bereiche der Fiktion ab. Spannend am Buch war das Fragmentarische, sowohl in Vonneguts konkreten Erinnerungen als auch im Nachdenken darüber, wie Erinnerung funktioniert. Seine Auseinandersetzung mit der Realität und damit, wie man mit Krieg als eine persönliche Krise umgeht, ist nach wie vor aktuell. Nicht nur für uns in Dresden.

SAX: Der Zweite Weltkrieg wurde 1945 beendet, aber von einem Weltfrieden sind wir weiter entfernt denn je …
Isolde Matkey:
In unserem Projekt kommt der Blick von Künstlerkollegen aus Russland hinzu, die selbst mit Kriegen an ihren Landesgrenzen leben. Angesichts all der Kriege weltweit stellt sich doch für jeden Menschen die Frage: Wie gehen wir damit um? Für mich ist spannend, wie diese 75 Jahre Kriegsende jetzt irgendwie etwas beiläufig behandelt werden. Es gibt kaum eine Auseinandersetzung mit dem Thema, was sicherlich auch der Corona-Krise geschuldet ist. Deswegen haben wir als Produktionspartner auch sehr daran festgehalten, das Projekt zu realisieren. Weil es inhaltlich so wichtig ist.

SAX: Das Buch wurde zum Film und zur Oper, ist mehrfach vom Theater adaptiert worden, Sie kündigen »Schlachthof 5« als multimediales Musiktheater an. Was ist da zu erwarten?
Isolde Matkey: Das Besondere an unserem Konzept hängt sicherlich mit Maxim Didenko und seiner Handschrift zusammen. Er ist einer der bekanntesten Regisseure seiner Generation in Russland, arbeitet dort an den wichtigen Häusern, ist an Staatstheatern in Deutschland gefragt, hat Pläne für London, Barcelona … Er ist aber auch sehr durch Dresden geprägt. Didenko war einige Jahre Tänzer bei Derevo und hat deren bildgewaltige theatralische Sprache für seine Theaterregie adaptiert, die oft sehr körperlich wirkt. Daraus entstand die Idee, mit einem Performance-Ensemble zu arbeiten: vier Tänzerinnen, vier Tänzer, die gemeinsam mit den Sängerinnen und Sängern von AuditivVokal Dresden auf der Bühne agieren. Ein großartiges musikalisches Ensemble unter der Leitung von Olaf Katzer, in dieser Kunstform sehr erfahren, das viele Farben und Nuancen einbringen kann. Neben dem Sprecher Wolf-Dieter Gööck kommen für die zweite inhaltliche Ebene der interstellarischen Reisen noch Videos und grafische Sequenzen dazu.

SAX: Welchen Bezug gibt es zur russischen Seite?
Isolde Matkey: Der ist von verschiedenen Seiten hergestellt worden. Die Intendantin Carena Schlewitt hat bei ihrem Antritt in Hellerau ihr Interesse an Osteuropa und der Kulturentwicklung in Russland deutlich gemacht. Wir waren beide auf Maxim Didenkos Werdegang fixiert, von seiner Seite aus wurde dann die Idee geboren, sich mit »Schlachthof 5« zu beschäftigen. Hellerau fand das Thema sehr spannend, zumal zur amerikanischen und deutschen Sicht jetzt auch die russische kommt. Maxim Didenko hat das sehr schön auf den Punkt gebracht: »Schlachthof 5« biete die Möglichkeit, »einen Tunnel zwischen dem Heute, der DDR-Zeit und dem Ende des Krieges zu bauen. Es exis­tiert keine Distanz, alles ist überall gegenwärtig und der Schmerz ist immer noch da.« Ich denke, wir sind dieser Zeitlinie gemeinsam noch immer sehr stark verbunden.

SAX: Wie soll das Stück nun unter den Corona-Bedingungen umgesetzt werden?
Isolde Matkey: Maxim Didenko stellte in Russland ein Regie-Team zusammen, dazu gehört der Komponist Vladimir Rannev, mit dem er schon zusammengearbeitet hat. Johannes Kirsten erstellte eigens ein Libretto und war von Anfang an als Dramaturg mit dabei. Wir haben zwei Jahre an diesem Vorhaben gearbeitet, das ist eine sehr kurze Zeit, sowohl künstlerisch als auch für die notwendigen Förderanträge. Aber dann hat uns Corona einen dicken Strich durch die Rechnung gemacht. Das ursprüngliche Konzept mit vollem Publikum im großen Saal und traditioneller Bühnenpräsenz war nicht zu halten. Die notwendigen Auflagen haben alles infrage gestellt. Aber Hellerau hat den Auftrag angenommen und ein Hygienekonzept erarbeitet, das nun ganz neue Ideen zur Inszenierung hervorbrachte. Enger Kontakt von Sängern und Tänzern ist nicht mehr möglich, der Saal im Festspielhaus wird komplett ausgeräumt, die Zuschauer sind auf etwa 100 drehbaren Stühlen im ganzen Saal verteilt, für die Sänger wurden durchsichtige und fahrbare Designerkabinen gebaut, in denen sie agieren und Formationen bilden. So wird das Thema Begrenzung und Eingeschlossensein ganz anders deutlich. Auch die Tänzer haben nun andere Funktionen, werden nicht zwischen dem Publikum agieren, sondern ringsum alle Öffnungen des Saales bespielen, also Eingänge,  Nischen, Tribünen. Eine ganz andere Inszenierungsidee als die ursprüngliche, die aber viele Spielräume bietet und die Zuschauer sehr viel mehr zum Teil der Inszenierung werden lässt.

SAX: Gab es keine Angst, die Produktion könnte wegen Corona kippen?
Isolde Matkey: Doch, natürlich gab es die. Für die freie Szene ist das ja ein großes Vorhaben, auch finanziell. Doch wir waren guter Hoffnung und tatsächlich unterstützt uns die Bundeskulturstiftung mit einem hohen Beitrag. Danach haben auch die regionalen Förderer nachgezogen und wir konnten das Performerensemble casten und unter Vertrag nehmen. Bis dahin also normaler Vorgang, schlimm wurde es erst mit Corona, als die Grenzen zwischen den Ländern dichtgemacht wurden. Es gab keine Verkehrsverbindungen, keine Visavergabe, keine Möglichkeit, von Russland nach Dresden zu reisen. Wir haben viel Kraft für die Visa- und Reisefrage aufgebracht, bekamen Unterstützung von der Kulturpolitik in Stadt, Land und Bund. Als es genau fünf Tage vor Probenbeginn endlich grünes Licht gab, haben wir die letzten drei möglichen Flüge bei Aeroflot gebucht. Wir haben alles versucht, die internationalen kulturellen Verbindungen zu halten, das ist Carena Schlewitt und auch mir sehr wichtig. Egal was nun noch in Zusammenhang mit Corona für das Theater passieren sollte, in die Glaskugel können wir schließlich alle nicht schauen, auf der Bühne wird jedenfalls etwas Spannendes stattfinden. Ein wichtiges Pfund ist, dass die Musik fertig und einstudiert ist. Nur unsere Idee, diesen »Schlachthof 5« auch nach Coventry und Petersburg umzusetzen, steht in den Sternen, aber auch da sind wir weiter im Kontakt und stoßen nach wie vor auf Interesse.

Schlachthof 5 Musiktheater nach dem Roman von Kurt Vonnegut
24. bis 27. September. HELLERAU Europäisches Zentrum der Künste
www.hellerau.org