Serkowitzer Wurstoper mit viel Senf

In der Saloppe am Elbhang geht es in diesem Jahr um die Mozartwurst

Foto: Robert Jentzsch

Was haben Mozarts Singspiel »Die Entführung aus dem Serail« und eine Wurstbude gemein? Die Serkowitzer Volksoper kennt keine Unvereinbarkeitsbeschlüsse wie die CDU gegenüber Linken und der AfD. In gewohnter Unverfrorenheit verschraubt sie also die vom genialen Salzburger Wunderkind komponierte Entführungsgeschichte mit Rummelatmosphäre. Und wie alle Großen darf sie sich getrost selbst zitieren, denn es handelt sich um das Remake einer bereits 2015 stückgewordenen Idee, natürlicher Intelligenz entsprungen. Gemeint sind einmal mehr die Textkomposition von Wolf-Dieter Gööck und die frappierende Zitierkunst von Milko Kersten, beide vor 15 Jahren Mitbegründer dieser zu ambitionierten Parodien aufgelegten musikalischen Spaßgesellschaft.

Letzterer war nicht nur der populärste Jugendorchesterdirigent in Sachsen und ist jetzt Professor an der Musikhochschule, sondern nebenbei auch noch Präsident des Sächsischen Musikrates. Am E-Piano sitzt er aber in diesem Jahr nicht selbst. Übernommen hat den leitenden Klavierpart des dreiköpfigen Microorchesters wie schon vor elf Jahren Michael Schütze. Der kann und macht so ziemlich alles auf Tasten und Fußtasten und verbringt seine Freizeit eigentlich als Klavierprofessor an der Hochschule für Kirchenmusik.

Zum dialektischen Plot: Regisseur Clemens Kersten erklärte schon vorab, wie man als Zuschauer zwecks Einsicht in die Verballhornungsnotwendigkeiten die beiden Ebenen nachzuschrauben habe. Die Jahrmarktidee von 2015 bleibt und liegt angesichts der nun schon seit einem Dutzend Jahren in der Saloppe genutzten Zirkuswagenbühne auch nahe. Ein Riesenrad wird nur angedeutet, die zum Ambiente passende Abenteuertoilette ist nicht Teil der Szene. Aber die Wurstbude ist da und bildet den Gegenpol zur Hauptbühne, falls man das Spielzimmerchen so nennen darf. Hier interpretieren die Singenden und -*innen die Mozart-Figuren wie in einem Marionettentheater als Puppen, die sich aber zum Gaudi des Publikums ständig in ihren Schnüren verheddern.

Der selbst einst zu allen Späßen aufgelegte Wolfgang Amadeus wird verzeihen, wie Milko Kersten mit seinen Ohrwürmern umgegangen ist. »Hier soll ich dich denn sehen, Konstanze …«, singt eingangs Belmonte alias Cornelius Uhle noch beinahe original. Man soll ja auch verstehen, dass seine Liebste samt Dienerschaft von Seeräubern entführt und an den Hof des entwicklungsfähigen muslimischen Herrschers Bassa Selim verkauft wurde. Und wie der Held nun zu deren Befreiung schreitet. Wie dann aber Milko Kersten die Partien und vor allem die Intermezzi arrangiert, klingt eher nach Blues, Rock, Musical oder Schlager. Regisseur Clemens ist übrigens sein Stiefsohn und der heimliche Jungstar des Chemnitzer Schauspielensembles. Und wenn auch noch Mia als Kostümbildnerin erwähnt wird, merkt man: Aha, Kersten-Festspiele!

Neben viel Klamauk um Mozart müssen aber auch die politischen Implikationen im Uraufführungsjahr der »Entführung« 1782 den Texter, langjährigen Regisseur und Mitspieler Wolf-Dieter Gööck zu zahlreichen Arabesken auf der Jahrmarktsebene inspiriert haben. Das wie immer in einen kleinen CD-Schober verpackte Programmheft verrät dankenswerterweise etwas über das Auftragswerk von Kaiser Joseph II., inspiriert von der nationalistischen Abgrenzung Habsburgs sowohl gegen die einstigen osmanischen Belagerer Wiens als auch gegenüber der italienischen Oper.

Also packt Gööck in diese Ko-Texte vom gegenwärtigen Zeit-Ungeist hinein, was nur hineinzupressen ist. Das muss dramaturgisch nicht immer passen, zu den von einem kritischen Publikum empfundenen gesellschaftlichen Brüchen passt es allemal. An der Wurstbude tauchen also biedere Spießer auf, ein ziemlich stereotyper Nazi mit einem Baseballschläger, eine im schönsten Theatersächsisch redende Muslima mit Kopftuch, kontrastierend eine Ordensschwester in Tracht. Ein Geldkoffer appelliert an die Gier, zwei Pfarrer treffen sich ökumenisch bei Zuckerwatte und Wein und sinnieren: »Unser Vater hat selbst für die Sünde ein großes Herz.« Das Herz aber hängt auch am Führer, der lebt, und zwar »hinter dem Mond«, und hängt am »deutschen Wesen mit dem eisernen Besen«. Da enttäuscht es beinahe schon, dass Wächter Osmin gar nicht als der böse Islamist vom IS erscheint.

Sie alle provozieren Themen, bei denen es im Doppelsinn um die Wurst geht. Und das alles spielen und singen ganze drei Instrumentalisten und drei Sänger? Überall Fachkräftemangel. Pianist und Leiter Michael Schütze weist auf die »aberwitzige Weise« hin, »wie schnell die drei in verschiedene Rollen schlüpfen«. Da müsse man als Akteur auch sehr aufpassen, »wo und auf welcher Ebene wir gerade sind«. Das wird auch dem Publikum nicht immer gelingen. Umgehängte und umzuhängende Lätzchen oder Schürzen mit aufgemalten Kostümen sollen der Unterscheidbarkeit der Rollen nachhelfen.

Die Verbindung hoher sängerischer mit darstellerischen Leistungen lobte das Publikum mit häufigem Szenenapplaus. Bei den Stammkräften Dorothea Wagner und Cornelius Uhle ist man das Niveau ja schon gewohnt und wird nie enttäuscht. Entdeckung der Inszenierung 2026 ist die »Aushilfe« Fanny Lamers. Von einem »Jahrtausendtalent« fabuliert das Programmheft, aber viel fehlt der Instrumentalistin und Sängerin dafür nicht, kaum der Ausbildung entwachsen. Ein in der Höhe strahlender und sicherer Sopran, dazu komödiantisches Talent und gewinnende Ausstrahlung. Unbedingt wieder verpflichten!

Zum Finale wird die hohe Moral noch einmal pathetisch-pastoral auf die Spitze getrieben. Auf die Weise von Frank Sinatras »My Way« proklamiert das Ensemble »Wenn du die Wurst mit and’ren teilst, dann bist du gut …« Ein letzter Wunsch noch: Die Stimme, die vor Beginn und zum Pausenende auf Tschechisch bis Chinesisch das Kulturvolk zusammenruft, bitte um die von Donald Trump ergänzen! Es darf auch eine mit KI generierte sein. 
Michael Bartsch

Es geht um die Wurst  Eine turbulente Verführung frei nach Mozart Serkowitzer Volksoper in der Saloppe. Regie: Clemens Kersten. Musikalische Leitung: Michael Schütze.
Weitere Aufführungen: 10., 17., 23., 24. und 31. August sowie weiter vier Termine in der ersten Septemberhälfte
Tickets: www.saxticket.de
www.serkowitzer-volksoper.de