Übermut und Feierlaune in Radebeul

Die Landesbühnen Sachsen werden 75 und planen 26 Premieren

George Taboris legendäre Farce „Mein Kampf“ wartet als erste Premiere in Regie von Peter Dehler ab Sonnabend an den Radebeuler Landesbühnen. Foto: Norbert Millauer

„Übermut“ als Motto kurz vorm 75. Geburtstag? Nunja, wir sind im Theater – und Intendant Manuel Schöbel, Chef der jubilierenden Radebeuler Landesbühnen, ist ja durchaus einer der wenigen sächsischen Theaterhelden dieses Sommers: Er wählte nicht nur nahezu prophetisch den besten Zeitpunkt für die Rekonstruktion der Rathener Felsenbühne und bespielte dafür tapfer das klimatisierte Zelt auf der Elbwiese direkt an der S-Bahn, sondern er holte sein dreinüssiges Aschenbrödel fürs Schloss Moritzburg nach sieben Jahren aus der Versenkung – eine enorm wichtige Wiederaufnahme, wie man beim Rundgang durchs zuvor lahmgelegte Dorf schnell erfahren konnte.

Bei seiner nunmehr neunten Spielzeitvorstellung konnte er gar 26 Premieren für die Saison 2020/21 verkünden – auch die „The Rocky Horror Show“, die überraschenderweise im Dresdner Alten Schlachthof stattfinden sollte, wird im Juni 2021 nachgeholt. Gefeiert wird gleich zu Herbstbeginn am 20. September – ganztägig, ohne großen Ball und Empfang, aber mit vollen Programm –, dass eine kleine Gruppe Dresdner um den Sänger Emil Grotzinger 1945 im Gasthof Gittersee die Volksoper Dresden gründeten. So wird auch der Bühnengeschichte gedacht – am Vormittag mit Zeitzeugen, am Nachmittag mit künstlerischen Überraschungen, am Abend per Galaprogramm mit szenischen Höhepunkten aus maßgeblichen Inszenierungen der vergangenen Jahrzehnte. Gekrönt werden soll diese Zeitreise mit Webers „Freischütz“, der just am 20. September 1950 schon seine zweite Premiere in der jungen Bühnenhistorie erlebte.

Dazu Film, Diskussion, Buchvorstellung – und die begehbare Installation „Kassandra drückt Play" als Blick in die Zukunft. Plus Premiere für den Nachwuchs: Der neue Chef der Ein-Mann-Puppensparte heißt Konrad Till und stammt aus Wrocław. Er gibt sofort (20. September, 16 Uhr, Studiobühne) seinen Einstand per Aufklärung für junge Leute: „Wo wohnt der Wurm?“ heißt die erste Premiere. Im Frühjahr will er dann mit „Mord in der Elbe“ auch Ausgewachsene gewinnen.

Doch schon zuvor – am 19. September – tobt hier „Mein Kampf“ als erste Premiere über die Weltbedeutungsbretter. Bis dato konnte man davon ausgehen, dass George Taboris Stück – so man es ernst nimmt und als echte Farce aufführt - eine sichere Bank sei. Doch im Kleinen Haus scheiterte damit Hausregisseurin Daniela Löffner im jüngsten November damit, als sie ihre Braunschweiger Inszenierung von 2014 mit frisch duftenden 1.050 Toasts als Hitler-Porträtpuzzle hier neu aufwärmte, leidlich – so dass man sich nun umso mehr auf die erste Schauspielpremiere (verschoben vom März) in Regie von Peter Dehler freut. Denn dass dieser Hitler auch im Original in der Künstlerwelt besser aufgehoben gewesen wäre, ist – zumindest retrospektiv – keine sonderlich gewagte These. Besonders spannend in Radebeul: Alexander Wulke spielt den Lobkowitz, Tobias Herzz-Hallbauer serviert die Musik.

30 Jahre Wende gehört natürlich auch ins übermütige Jubliäumsjahr: „Zwischen Pitti und Stern Meißen - Kindheit in Sachsen“ kommt am 3. Oktober als Collage von Esther Undisz zur Uraufführung. Operndirektor Sebastian Ritschel wird mit „Inselzauber“ (17. Oktober) einen Offenbach-Bernstein-Doppelabend als Ersatzkreuzschifffahrt zwischen Tulipatan und Tahiti anbieten. Oberspielleiter Peter Kube wird zuerst „Kiss Me, Kate“ (31. Oktober) inszenieren. Besonderes Augenmerk gilt dem neuen Ballettchef, dem Brasilianer Wagner Moreira – er setzte auf der Albrechtsburg Meißen mit „Beethoven Today Actions“ ein erstes Freiluftmarkenzeichen.
Andreas Herrmann

Landesbühnen Sachsen Meißner Straße 152, 01445 Radebeul
Alle Premieren: www.landesbuehnen-sachsen.de