Von naiv bis dumm-dreist

Die antiken Götter Griechenlands kommen im aktuellen Sommertheater im Bärenzwinger nicht gut weg

Diese griechische Sagenwelt ist ja ein ziemlich – nun, sagen wir: komplexes – Universum. Wer erinnert sich nicht an Schulstunden, in denen es um Homers Epen ging, und man immer mal wieder dachte: Das ist ja witzig / spannend / interessant. Dann aber war da stets ein Lehrender, der das Ganze unerträglich ernst nahm, hinzu kam, dass zu jeder Einzelgeschichte stets noch ein mindestens ein Seitenarm auftauchte – und so wandten wir uns doch lieber wieder der Frage zu, ob Sophie jetzt Sebastian liebte, wobei der doch der schönen Vanessa nachhing. Aber die wiederum …
 
Wer sich im fortgeschrittenen Alter noch einmal auf unterhaltsame Weise der Sippe um Dynastie-Begründer Zeus mit all ihren vielen Spin-Offs nähern will, der ist im diesjährigen Sommertheater Dresden gut aufgehoben. »Die Sirenen des Odysseus – Ein Shakespeare auf hoher See« hat der umtriebige Peter Förster sein aktuelles Stück genannt, das bis Mitte September en Suite im lauschigen Innenhof des Bärenzwingers aufgeführt wird. Seit 2004 tut Förster an diesem Ort mit launigen, aber auch hintergründigen Interpretationen großer Weltliteratur das Seinige, das kulturelle Sommerloch ein wenig zu schließen. Seine mal weniger, mal fast komplett gereimten Texte dafür sind stets durchdacht, die Wendungen und Witze sitzen, die Pointen machen Spaß.
 
Nun also Odysseus. Natürlich taucht da aktuell sofort der Gedanke an den frisch gestarteten Blockbuster-Film »Die Odyssee« von Christopher Nolan auf. Wie Förster im Vorfeld sagte, wusste er im Frühjahr, als er sein Stück plante, nichts von dem Hollywood-Projekt. Und ohnehin interessiert er sich nicht für die lange Heimreise des berühmten Seefahrers, sondern für die Frage: Wieso ist er überhaupt aufgebrochen? Ganz entscheidender, weiterer Unterschied: seine Götter und Halbgötter sind keine Helden, sondern dumm, machtgeil und impulsgesteuert.
 
Los geht’s auf der von Caspar David Breuer gestalteten Bühne in antik-verschnörkeltem Dekor denn auch mit einem treffenden Satz: »So fahren Götter und Helden das Land zusammen an die Wand«, und natürlich denkt man gleich an all die großen Imperien, die im Verlauf der Geschichte schon dieses Schicksal ereilte, vor allem an die USA, denen man gerade dabei zusehen muss.
 
Lediglich zwei Schauspieler und drei Schauspielerinnen lassen uns am Schicksal der Liebenden Helena und Paris und allen um sie herum teilhaben. Das ist schon eine Mammutaufgabe, die – von einzelnen Hängern abgesehen – gut gemeistert wird. Immerhin gilt es, 19 Menschen, Götter, Halbgötter zu verkörpern, und auch noch die Stimme des klugen Archimedes aus dem Off ertönen zu lassen.
 
Lena Kuck, die einem vor allem als schlicht, aber liebevoll denkende Helena im zauberhaften Badeanzug vorzüglich in Erinnerung bleiben wird, ist das einzige Ensemblemitglied, das bereits bei der Vorjahresinszenierung des Sommertheaters dabei war. Oliver Walter stemmt nicht nur als ihr Schwimmlehrer, sondern auch als Odysseus und Zeus einen Großteil des Stücks, und er spielt die dumm-dreisten Machthaber wie die besten Komödiendarsteller alter Schule. Sein Kollege Emilio Stadör darf die weniger dämlichen männlichen Wesen von Paris bis hin zum wirklich klugen Platon verkörpern. Jacky Ballon trumpft als Hera auf, Schwester und Frau von Zeus (ja, diese Sagenwelt hat es in sich!), und spielt sie passend als eines jener weiblichen Wesen, die ihren eigenen Wert von dem des Gatten herleiten. Last not least schließlich sorgt auch Hannah Röth als Athene und als Drauflos-Krieger Achilles für Lacher. Ja, in »Die Sirenen des Odysseus« sind die Frauen auch für die Männerrollen zuständig, was mitunter, wenn die schnellen Szenenwechsel kein Umziehen zulassen, verwirrend sein kann.
 
Die Story? Sie kann, abgesehen vom Schluss, kurz zusammengefasst werden, ohne zukünftigen Besucherinnen und Besuchern des Stücks das Vergnügen zu nehmen: Alle Männer begehren die schöne Helena, die von dem durch Aphrodite, Hera und Athene bedrängten Paris zur schönsten Frau der Welt erklärt wurde. Helena taucht während ihres Schwimmunterrichts ab, verschwindet, trifft auf Paris, die beiden verlieben sich ineinander und beschließen, gemeinsam in Paris’ Heimat Troja zu reisen. Was die griechischen Männer / Götter / Halbgötter als Entführung ansehen und sie verfolgen.
 
Wie diese Geschichte mit der Belagerung Trojas bei Homer ihren Fortgang nahm, daran erinnert sich vermutlich noch jede und jeder. Peter Förster findet eine andere Lösung, eine, die zwar dafür sorgt, dass die feministischen Nackenhaare sich aufstellen, aber schon eine irgendwie humanistische ist.

Insgesamt hat diese spezielle Odyssee reichlich Unterhaltungswert, wenngleich manche Längen dabei sind. Wer jedoch in dieser konfliktreichen Welt einmal für zwei Stunden in angenehmer Atmosphäre abschalten und sich auf durchaus hohem Niveau amüsieren will, der ist hier gut aufgehoben.
Beate Baum
 
Die Sirenen des Odysseus – Ein Shakespeare auf hoher See
bis 13. September täglich außer Montags im Bärenzwinger unter dem Brühlschen Garten.
Karten bei SaxTicket per Versand oder Abholung im Shop
www.sommertheater-dresden.de