Zumindest das Theater kann die Welt noch retten

Volker Lösch führt in Dresden den einfältigen „Candide“ Voltaires als Anwalt der Apokalypsebewussten vor

Foto: Sebastian Hoppe

Die treffende Kurzkritik zur Inszenierung lässt Goethe schon einen gewissen Torquato Tasso formulieren: „So fühlt man Absicht, und man ist verstimmt!“ Die 68 Seiten Text von Soeren Voima hatten hingegen die Erwartungen eher hochgeschraubt. Der lässt den einfältigen „Helden“ Candide aus der Voltaire-Vorlage von 1759 originellerweise erst im Jahr 1990 auf seine Weltreise starten. Nun nicht aus dem Paradies seiner adligen Herkunft und der Idealvorstellungen des Universalgenies Leibniz von der „besten aller möglichen Welten“ vertrieben, sondern aus dem sächsischen Radebeul, begegnen ihm unverändert nur Katastrophen und Verbrechen gegen die Mitmenschlichkeit. Dieses Theatrum Mundi der Grausamkeiten in so verdichteter Weise zu lesen, geht auch dem Informierten unter die sprichwörtliche Haut. 
Auf der Bühne wird dann ein nicht weniger sprichwörtlicher Lösch daraus. Empathiegeplagt spricht erneut der Missionar. Der Prolog aktualisiert zunächst die Ausgangslage. 1990 erscheint der Zusammenbruch des Ostblocks als ein Endsieg von Demokratie und Marktwirtschaft. Francis Fukuyama versteigt sich zur These vom „Ende der Geschichte“. Warum ein gewisser Candide dennoch entwurzelt in die Welt aufbricht, kann man nur in Kenntnis der Voltaire-Vorlage ahnen. Stimmig erscheint hingegen seine Herkunft aus Radebeul, allen folgenden unvermeidlichen Sachsen-Mätzchen zum Trotz. Glaubten doch die „Zonis“ 1989 in ihrer übergroßen Mehrheit ebenfalls an das ersehnte westliche Paradies mit seinen blühenden Landschaften.

Sogar felsenfeste Wahrheiten bröckeln

Aber schon der Prolog springt unlogisch in die deprimierende Gegenwart, also in die erwartbare Enttäuschung. Da wird der „kollektive Optimismus" vermisst“ und festgestellt, dass „unser gemeinsames Fundament zerbröckelt“. Das Bühnenbild, einmal mehr von Cary Gayler entworfen, führt das auch augenfällig vor. Ein mehrteiliger Felsblock, TÜV-gerecht mit Treppen und Geländern gesichert, verliert nach und nach immer mehr seine Elemente und damit den Boden des Handelns. 
Die Gestaltungsmittel dieser ersten Minuten stellen bereits die vertrauten Weichen. Der Bürgerchor gehört seit der „Orestie“ 2004 in Dresden unverändert zum Markenkern von Volker Lösch, auch wenn das chorische Sprechen heute an Durchschlagskraft eingebüßt hat. Hier arrangieren sich die neun Darstellerinnen und Darsteller immer wieder zu einem Mini-Chor. Alternierend mit langen Monologen, Deklamationen, Berichten Einzelner, denen jeweils alle acht anderen andächtig zuhören. Als sollte dieses permanente Wortdiktat vorab gerechtfertigt werden, ermuntern die Akteure sich und ihre Premierengäste schon im Prolog mit dem bekundeten „Glauben an die Kraft des Theaters“.

Weniger Theater, mehr Worte

Die nachfolgende Jagd durch verschiedene Erdteile muss in der Tat jeden empathiefähigen Menschen aufrütteln. Klimafolgen, Kriege, Despotismus in Diktaturen, die halbe Menschheit auf der Flucht, dramatische Seenotrettung von Migranten, Afghanistan, die Perversionen des amerikanischen Brutalkapitalismus, ein „Boss“ mit einem roten Basecap. Das weiß man aber eigentlich längst. Wie erzielt eine Inszenierung dennoch den beabsichtigten aufrüttelnden Effekt?
Mittel, die das Theater böte, werden allein schon durch die geradezu protestantische Wortlastigkeit verschenkt. Durchweg forciert, imperativ vorgetragen. „Lecture Performance“ träfe diese Inszenierung besser. Sinnlich passiert nicht viel. Die erste Szene kommt erst nach 80 Minuten, als Candide den Peiniger seiner geliebten Caroline erschlägt. 
Die Voltaire-Vorlage und die Neutextung bieten eigentlich ein Exposé, dessen beide Zentralstränge aber nur noch als Spurenelemente erkennbar sind. Hat ein naiver Candide im Ausgang aus seiner selbstverschuldeten Unwissenheit, aus den Fesseln der Illusionen eine Chance, über Erfahrung und durch Mitgefühl gewissermaßen zum vielleicht heilsbringenden reinen Toren zu avancieren? Ein Grundzustand der Irritation, der in seiner Vorführung einen Anknüpfungspunkt für viele Zuschauer geboten hätte. Aber der ganz persönliche Weg dieses Candide wird überhaupt nicht verfolgt. Erschwert noch dadurch, dass er ständig von anderen und nur an einer Bubikopfperücke erkennbar gespielt wird.
Auch eine sarkastische Auseinandersetzung mit dem lächerlichen Postulat vom elysischen Ende der Geschichte bleibt aus. Man muss ja angesichts der hier auch vorgeführten apokalyptischen Fakten nicht einmal dystopisch extrapolieren.

Der Schlusssegen zeigt erste Wirkung

So bleibt in den dichteren und ergreifenderen zwanzig Schlussminuten vor allem der Appell, nicht auf die Weltrettung durch die „Großen“ zu warten, sondern selbst aktiv zu werden. Zwei weibliche und ein männlicher Aktivist spielten denn auch mit, Jurastudentin Sultana Sediqi aus Afghanistan, Hermine Poschmann von der Seenotrettung „Mission Lifeline“ und Gerriet Schwen von „Ende Gelände“. Sie erweisen sich als hand- und mundwerklich beachtlich fit und den Profis durchaus ebenbürtig. Weil ohnehin niemand wirklich eine Rolle zu spielen hat, drängen sich Vergleiche auch nicht auf.
Das der katholischen Liturgie entsprechende „Ite missa est“, sozusagen die Schlusspredigt, darf bei Volker Lösch nicht ausbleiben. Hier Werbeblock für ganz konkret genannte Initiativen, Hilfsvereine und Häuser. Eine neben dem Dresdner Stammpublikum auffallende junge Zielgruppe applaudierte denn auch leidenschaftlich. Bei einem SPD-Genossen zeigte das Stück Sofortwirkung. Er habe während der Vorstellung seinen Parteiaustritt beschlossen und wolle den Mitgliedsbeitrag diesen Organisationen spenden, gestand er zur Premierenfeier.
Michael Bartsch

Candide oder der Optimismus nach Voltaire mit Texten von Soeren Voima. Schauspielhaus. Regie: Volker Lösch
Nächste Vorstellungen: 30. Januar, 7. und 23. Februar, 19. März 2026
www.staatsschauspiel-dresden.de