Auf dem Nachtparkett

Julia Effekt aus Wien am 14. April in der GrooveStation

Es ist schon einmal nicht ganz blöd gedacht, wenn eine Band eine Ballade mit dem Titel »Ballade« versieht. Da weiß man, was man hat. Der Schmäh entlässt sie zudem aus der Pflicht, sich einen tiefgründigen Titel aus den Fingern zu saugen. »Ballade« ist das vierte Lied auf dem Debütalbum »Nachtparkett« der Wiener Band Julia Effekt. Die Band ist beim Label Phat Penguin, das auch mit Bands wie Anda Morts gerade einen Lauf hat. Und im Vorprogramm von Anda Morts war man im vergangenen Herbst bereits in Dresden zur ersten Dresden-Stipvivsite. Nun folgt am 14. April das erste eigene Konzert.

Das Cover von »Nachtparkett« ziert eine Schwarz-Weiß-Fotografie, ein groteskes Bild von Kindern in Gewändern, die zur Zeit Mozarts gerade der heiße Scheiß gewesen sein dürften. Doch müsste man die Stimmung der Musik Kalenderjahren zuordnen, tauchten eher die frühen 1980er-Jahre auf. Das war keine schlechte Zeit, musikalisch herrschte Wildwuchs. Neue Romantiker bescherten Haargel-Produzenten Rekordumsätze, und Postpunk erwies sich als vielseitiger und nachhaltiger als Punk. Nach dessen Urknall drängten sich überlegtere Töne in den Vordergrund, und von diesem Nährgebiet zehren Julia Effekt: mit einem Lied wie »Verschwende deine Jugend« machen sie das sogar überdeutlich.

Das einst von der Deutsch-Amerikanischen Freundschaft furztrocken aus dem Synthie geknüppelte Manifest der Selbstverschwendung wirkt 45 Jahre später frisch wie eh und je. Wobei das Lied keine Coverversion ist: Julia Effekt gehen lediglich der Empfindung des Liedes auf den Grund und übersetzen diese in die Jetztzeit. Ein Anflug von Desillusion, Zweckpessimismus und No-Future-Gefühl durchweht das Werk, das sich breitseitig bei Acts wie Joy Division bedient. Oder bei den Pixies oder Psychedelic Furs. Derlei Referenzen laden eigentlich zum Scheitern nachgerade ein. Doch Julia Effekt kriegen nicht nur die Kurve. Sie sind keine hohlen Kopisten, ihr Nachempfinden und ihr obsessives Spiel ergeben ab dem ersten Song eine eigenständige Form – und mag sie noch so bekannt erscheinen. Es wurden ja in den vergangenen 45 Jahren auch keine neuen Noten erfunden. Und schattiger Gitarren-Pop ist als Genre gut abgesichert und erlebte zuletzt in den Nullerjahren ein Revival, wenn man an Acts wie Interpol und Co. denkt.

Julia Effekt sind Ana-Maria Herzog, Jacob Raphael Dörr, Oscar Böhm, Maximilian Eberhart und Konstantin Mues-Boeuf. Dass die Chemie stimmt, dass sich alle in dieser Version einer bekannten Ästhetik wohlfühlen, ist in jedem Song spürbar: Die haben Groove, Dringlichkeit, es herrschen Liebe und Verzweiflung. Dass ein Robert Smith von The Cure anlässlich eines Liedes wie »Die Messe« wissend schmunzeln müsste, geschenkt. Julia Effekt mögen in ihrer Verehrung schamlos sein, aber das ist jeder anständige Fan. Der Unterschied zu Kopisten und Freundschaftsband-Knüpfern liegt darin, dass Julia Effekt die Gefühlswelten dieser Musik eloquent neu beleuchten. Der Fünfer erschafft mit einem bekannten Vokabular neue wirkmächtige Erzählungen – man möge diesen ausgelutschten Begriff verzeihen. Doch Julia Effekt stehen da ohnehin drüber und lieferten mit »Nachtparkett« die großartige Platte ab.
KF

Julia Effekt 14. April, 20 Uhr, GrooveStation, Karten bei SaxTicket