Der undeutliche Sieg

Dynamo obsiegt ebenso knapp wie deutlich im Elbe-Duell mit dem FCM

Foto: SG Dynamo Dresden

Was für eine Woche. Zuerst eine 0:3-Klatsche bei den Bayern-Bubis, für die ich im Nachinein zur den letzten Satz aus der Review zum Mannheim-Spiel wiederholen kann: „Wehret den Anfängen!“ Denn das, was beim Dauermeister-Nachwuchs geboten wurde, war eine konsequente Forsetzung dessen, was sich gegen Waldhof angedeutet hatte – downwards. Als zweites kam dann die Rückkehr des Marvin Stefaniak – ein echter Coup, von dem wohl nur der inner circle etwas wusste, kein Durchstechen vorab, keine Spatzen, die es von den Dächern pfiffen. Der dritte Akt hatte dann am Freitag das Gesundheitsamt in der Hautprolle: 999 statt 10.000 plus. Jede Menge Frust bei den Fans, jede Menge Rückabwicklungsstress für den Verein. Allerdings musste man bei der aktuellen Pandemieentwicklung fast damit rechnen – und Regeln sind eben Regeln. Da darf sich der Fußball nicht rausstehlen.

Die erste Halbzeit: Hinten rum und num

In der gedanklichen Vorschau mutete das Spiel wie eine Wundertüte an. Die Magdeburger mit einem Punkt am Ende der Tabelle, Dresden mit einer ergebnistechnischen und spielerischen Rückwärtsentwicklung. Die entscheidende Frage wird wohl sein, welchhes Team die Frage aus Stephen Kings „Es“ für sich richtig beantwortet: „Seid ihr Männer oder Mäuse?“

Auf dem Rasen hat Coach Markus Kauczinski bisschen aufgeräumt. Christoph Daferner bekommt nach seinem Leeres-Tor-Blackout einen Platz auf der (Straf-)Bank, wo sich auch Panagiotis Vlachodimos dank absteigender Form wiederfindet wie auch Stefaniak nach nur drei Trainigstagen. Gänzlich fehlt hingegen Marco Hartmann, dessen Zustand auch seinem Trainer offensichtlich Rätsel aufgibt. Dabei hatte man so gehofft. Erstmals im Starter-Team dabei sind dafür Ransford-Yeboah Königsdörffer, Philipp Hosiner und – wie zu erwarten – Kevin Ehlers, letzterer für den gesperrten Tim Knipping.

Dann geht es los: Mit einem Pass ins Aus. Na toll! Aber schon nach zwei MInuten brüllen die 999 im Familienblock „Dy-na-mo! Dy-na-mo!“ Man darf darüber steiten, aber ich meine: Besser als nix. Noch besser wäre ein Torschrei in Minute 4 gewesen: Nach Einwurf gibt es links von Börde-Sechzehner eine kleine Kurzpass-Combo, an deren Ende Chris Löwe perfekt auf den vollkommen freien Agyemang Diawusie in den Rückraum passt, aber – man mag sich die Haare raufen – der Elfer kann zehn Meter vor dem Kasten reinweg nichts mit dem Ball anfangen. Annahme Kreisklasse. Yannik Stark hält dann aus 18 Metern drauf, vorbei.

Nur wenig später spielt Königsdörffer einen sehr feinen Steckpass an der Seitenlinie auf den perfekt startenden Patrick Weihrauch. Aber der sonst so übersichtige und feine Fußballer will es gegen drei Blau-Weiße allein machen, obwohl Hosiner frei vor dem Tor steht. Vergeigt. Als im Gegenzug Burger frei vor Kevin Broll auftaucht wird klar, wohin ein solcher Schluder führen kann – doch der grünbewandete Keeper lässt sich so unplatziert nicht bezwingen.

Nun geht es vor allem zwischen Mai, Ehlers und Stark in der Quere rum und num. Hinten Ballbesitz, vorn kein Risiko. Elb-Clásico? Eher ein Elbe-Pläschern. Da zählt es schon als Aufreger, wenn Hosiner kurz vor dem FC-Strafraum fällt – halb fliegt die Schwalbe, halb toucht des Gegners Fuß. „Wer nicht hüpft ist Magdburger“, schallt es derweil aus dem Familienblock. Dynamische Schüsse aus der Distanz werden geblockt, Beck hat mit einem Kopfball nach Ecke seine einzige Chance im Spiel – Broll fängt sicher und fragt: „War da was?“

Was defensiv auffällt: Ehlers ist anfänglich die mangelnde Praxis anzumerken, aber wie er sich in das Spiel reinwühlt, ist beachtlich. Bei Max Kulke wiederum, der bereits sein drittes Spiel bestreitet, bleibt das Auf und Ab auf gleichem Niveau. Er spielt mutig und beherzt, hat aber immer wieder Aussetzer oder verirrt sich auf dem Laufweg. Der Junge hat ohne Frage Potenzial, aber gegen stärkere Gegner würde ich da lieber einen Niklas Kreuzer als Backup sehen.

Nach einer halben Stunde fällt endlich das Einszunull, ach nein, doch nicht. Eine genaue Flanke von Löwe nimmt Hosiner mit der Brust an und übt dann erstmal ein wenig Balljonglieren. In Sachsen-Anhalt scheint man das nicht zu kennen, denn Bittriff & Co. schauen begeistert zu. Dann hat der Österreicher genug von der Show, legt für Stark ab, der zum zweiten Gewaltschuss ausholt, ein Körper verhindert den Einschlag, aber nun wird nachgerückt. Paul Will narrt seinen Widerpart, geht zur Grundlinie und hebt das Leder auf den Kopf von Hosiner – doch der blaue Keeper bugsiert es mit der Wade ins Toraus. Gibsnich.

Jetzt muss mehr Druck her, aber er kommt nicht. Safety first, niemand will in einen blöden Konter laufen, niemand will den schlimmen Fehler machen. Als Kulke fünf Minuten vor der Pause Franzke mit Dresdner Stollen überrascht, darf er froh sein, nur Gelb zu sehen.

Und dann doch noch ein Moment der Verheißung. Fixes Spiel durch das Mittelfeld und Diawusie bricht gegen drei zur Grundlinie durch, aber einmal mehr ist es der letzte Meter, der nicht stimmt. Wenn der Berliner diesen letzten Tick besser in den Griff bekommt, dann wird er für jeden Gegner kaum zu beherrschen sein. Pause.

Die zweite Halbzeit: Kopfball, Latte, Tor

Keine Wechsel. Mit dem Anpfiff kommt Beck nach Hackeneinlage zum Schuss, aber so weit, wie der FCM-Stürmer von seiner Form entfernt ist, so weit geht der Ball auch vorbei. Deutlich knapper ist es bei einer erneuten Torgelegenheit für Hosiner, der einen strammen Pass an den Fünfer aus der Drehung nicht ins Ziel verwerten kann.

Kurz darauf heißt es dann endlich 1:0. Klnigsdörffer wird halblinks gelegt, Weihrauch schreitet zur Tat und schickt ein gebogenes Ding genau auf den Rotschopf von Will, der aber sehr nah am Tor nur den Querbalken trifft. Den abprallenden Ball erahnt mit allen Freiheiten im Raum Yannik Stark und drischt das Runde zum Führungstreffer ins Tor. Erinnerungen an das Spiel gegen den HSV werden wach.

Das können die Gäste sichtbar schwer verkraften, jetzt das 2:0 und die Köpfe gehen da endgültig runter und das Derby ist entschieden. Aber Hosiner scheitert ein weiteres Mal. Will schickt Königsdörffer in den Strafraum, der hat das Auge für den Eisenstädter, doch der drückt im Fallen den Ball drüber statt rein. Beim Betrachter treffen Ärger auf Mitleid.

Nun ist es Zeit für mehr Zeit. Der große Schwung ist raus, die SGD wartet mit viel Fuß am Ball ab, der FCM kann irgendwie nicht mehr. Ideensprüherei weder hier noch da. Mai mal gut auf Hosiner, doch Abseits. Diawusie-Flanke auf Hosiner, aber kein Druck mit dem Kopf. Zwischen der 71. und 77. Minute wird eigentlich nur noch ausgewechselt. Daferner für Hosiner, Kade für Weihrauch, die Gäste sind mit ihren Tauschmöglichkeiten komplett durch. Nachdem sich Kade mit einem von Daferner verpassten Flanke vor das Tor gezeigt hat, kommt in Minute 82 noch Vlachodimos für Königsdörffer.

Vier Minuten vor Schluss läuft Daferner auf das Magdeburger Tor zu, kann sich aber nicht durchsetzen, sieht links den freien Vlachodimos, der aber niemanden sieht – außer sich selbst. Die kurze Einsatzzeit unbedingt zu einer Toraktion nutzen wollend, setzt er einen Kullerball neben den Pfosten statt einen Assist aufzulegen. Dann ist es aus. Mageburg will noch bisschen, aber Mai, Ehlers, Stark und WIll räumen alles weg, was über die Außenbahnen doch noch reinkommt. Drei Punkte im Sack, insgesamt sieben. Wichtigste Erkennis: Verglichen zu den letzten beinden Spielen sieht die Gesamtanlage besser aus. Nun heißt es noch: Torschusstraining, Torschusstraining, Torschusstraining.

Fazit: Ist ein Sieg, der deutlich zu niedrig ausfällt, ein undeutlicher Sieg? Hm, hirnknusper-knusper-knusper: ja. Und um zum Anfang des Textes zurückzukehren: Die Mäuse trugen heute Weiß undf Blau. Bleibt die Frage: Wer hat das „Hoßmang raus!“-Shirt ins Stadion gehängt, wenn doch Gästefans nicht erlaubt waren? Jemand vom eigenen Staff? Die „Kreisel“-Redaktion ging sogar noch weiter und „beförderte“ Mannheim-Trainer Partrick Glöckner zum FCM-Coach, was wir aber mal als Copy-&-Pasty-Fail duchgehen lassen wollen.
Uwe Stuhrberg

SG Dynamo Dresden vs. 1. FC Mageburg

10. Oktober 2020, Anstoß: 14 Uhr
Tore: 1:0 Stark (54.)
Dynamo Dresden: Broll, Kulke, Mai, Ehlers, C. Löwe, Stark, Weihrauch (77. Kade), Will, Diawusie, Königsdörffer (82. Vlachodimos), Hosiner (76. Daferner)
Ohne Einsatz: Wiegers, Stefaniak, Großer, Gollnack
Zuschauer: 999
Schiedsrichter: Robert Schröder
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