Drama, Baby!

Dynamo Dresden verliert erst das Spiel gegen Halle und dann den Trainer

Foto: SG Dynamo Dresden

Die Alarmglocken schrillten schon seit einiger Zeit. Denn je öfter von Spielern und Trainern betont wird, wie intakt das Team als Ganzes ist, umso mehr muss man daran zweifeln. Denken wir an den vorletzten Abstieg. Auch da gab es diese Beteuerungen. Hinterher war von Fraktionsbildung und jeder Menge Missverständnissen die Rede. Auch unter Cristian Fiel wurde stets von einer Mannschaft gesprochen, die trotz aller Niederlagen zusammensteht. Von Stinkstiefeln in der Kabine wurde hernach gesprochen. Und nun? Man muss sich nur die mehrfachen Statements von Kevin „Volcano“ Broll nach dem Heimspielen gegen Halle ansehen – „weisse Bescheid“, würde Host Schlämmer sagen.

Es wäre müßig, das gestrige Desaster noch einmal Stück für Stück auseinanderzunehmen, da wäre ein Copy & Paste meiner Rückschau auf Haching sinnvoller und zeitsparender. Die Frage, warum nicht das Duo Daferner/Hosiner auf den Startplatz durfte, ist so oft gestellt worden wie die, warum nach der Pause Will den Platz verlassen musste und Stor sich 70 Minuten ausprobieren durfte, warum Kade auf der 10 spielt statt Will als Mann mit etwas mehr Power? Und so reihte sich auch dieses Spiel ein in eine Serie von Aufstellungs- und Einwechselentscheidungen, die man als reiner Zuseher ohne die Kenntnis der Trainigsleistungen kaum noch nachvollziehen konnte. Als Markus Kauczinski etwa nach der Niederlage gegen Unterhaching Luka Stor ein gutes Spiel bescheinigte, musste man sich die Augen und Ohren reiben. Es ist natürlich nobel, wenn ein Coach seine Spieler schützt, aber dann sollte man vielleicht besser nichts sagen oder etwas ganz anderes. Dass es zudem gestern wenig hilfreich war, wenn ein Schiedsrichter auf dem Platz umherläuft, der nicht nur ein klares Abseitstor gibt, sondern auch oftmals eine Zweikampfbewertung an den Tag legt, die jeder Regel spottet, soll hier nur angemerkt werden, aber nicht als Entschuldigung dienen.

Nun sollte man Markus Kauczinski jetzt nicht in die Reihe der Fehlverpflichtungen sortieren. Und möglicheriwese wäre alles sogar ganz anders gekommen, hätte man ihn (oder einen wie ihn) seinerzeit mit Cristian Fiel als Co-Trainer verpflichtet, statt einen Vereinsgott in ein Abenteuer ohne Wiederkehr zu schicken. Immerhin Kauczinski hat zu einem Zeitpunkt übernommen, als eigentlich fast alles verloren war nach der Walpurgis-Nacht. Er hat sich dann im Fahrstuhl-Sommer zum Verein bekannt und aus einer Ansammlung von angeheuerten Talenten, Eigengewächsen und nur wenigen Erfahrenen eine Mannschaft geformt, die auftiegsbereit war – mit allen Leistungsdellen, die man einplanen muss. Als aber mit der defensiven Systemumstellung die Erfolge kamen, wurde es verpasst, den Kader in der Breite mitzunehmen. Und das rächte sich, als sich Verletzungen und Sperren häuften, Leistungsträger wie Weihrauch oder Hartmann wegbrachen. Die vielgelobte zweite Reihe, die von den Namen her starke Bank konnte die Lücken nicht ausfüllen – und die Entwicklung des Teams als komplexer Organismus blieb auf der Stelle stehen. Selbst die meist hochgelobte Defensive fällt mittlerweise um wie ein Sack Reis.

Ich behalte in solchen Dingen nur sehr ungern Recht, aber wer diese Spieltagskolumne regelmäßig liest, weiß, dass ich schon seit dem Ende der Hinrunde und verstärkt mit dem Beginn der Rückrunde genau vor diesen Dingen gewarnt habe. Nicht, weil ich Geheimwissen oder seherische Qualitäten habe, sondern weil man diesen Stillstand auf dem Rasen klar erkennen konnte. Manchmal haben die Ergebnisse das übertüncht, doch selbst bei einigen Siegen, war nur eine gute Halbzeit dabei, manchmal waren es gar nur starke 20 Minuten. Hinterher kam dann oft der Klassiker „Wer solche Spiele gewinnt, steigt auf“. Nur sollten „solche Spiele“ eben die Ausnahme sein. Aber leider waren rückblickend eher die Vierzunull-Siege gegen Ingolstadt und Meppen die Ausnahme mit etwas zu viel Blendgranatenfaktor.

Nun haben wir also mal wieder einen Trümmerberg. "Jetzt ist es kaputt", würde die Dresdner Band Goldner Anker feststellen, verbunden mit der Frage "Wer macht es wieder ganz? Wer macht es wieder neu?" Drama, Baby! – wir sind ja bei Dynamo. Spannend wird es nun sein, ob jetzt ein Feuerwehrmann kommt oder die neue große Lösung. Denn man darf vermuten, das Sportchef Ralf Becker auf der Trainerposition mehrgleisig geplant hat für die neue Saison, wenn man sich nicht gar intern bereits auf eine Trennung festgelegt hatte. Sollte der Neue noch einen Vertrag anderswo haben, wird wohl jemand einen Kurzeinsatz bekommen. Friedhelm Funkel ist aber leider schon an Köln vergeben ;-) Wer auch immer es sein wird: Die Aufgabe und die Erwartungshaltung ist gigantisch, denn beide Nachholer müssen gewonnen werden, soll der Aufstieg gerettet werden. Rostock ist sechs Punkte vor und die Tordifferenz zu den Hanseaten schmilzt. Sollte Saarbrücken am Montag gewinnen, gerät sogar Platz 4 als Pokal-Trostpreis in Gefahr.

Die Tragik am Rande: Die Ehrung von Dixie Dörner zum 70. mit der Eröffnung der nach ihm benannten Tribüne ging in dem Debakel fast unter. Es sollte noch einmal eine Art Wiederholung geben, wenn die leeren Plätze wieder mit Fans gefüllt sind.
Uwe Stuhrberg

SG Dynamo Dresden vs. Hallescher FC 0:3

24. April 2021, Anstoß: 14 Uhr
Tore: 0:1 Papadopoulos (27.), 0:2 Eberwein (62.), 0:3 Mani (78.)
Dynamo Dresden: Broll, Kreuzer, Ehlers, Knipping, C. Löwe (81. Kühn), Kade, Stark (70. J. Löwe), Will (46. Hosiner), Stefaniak (80. Vlachodimos), Daferner, Stor (70. Diawusie)
Ohne Einsatz: Kiefer, Kulke
Zuschauer: 0
Schiedsrichter: Max Burda
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