Nico in echt

Zum 80. Geburtstag, Erinnerungen eines Zeitzeugen

"The End", Nico live 1985 in Budapest. Foto: Jürgen Aufschlager

Von wegen Tal der Ahnungslosen. Mag sein, dass die Empfangbarkeit westdeutscher Radiosender und Fernsehprogramm bei uns hier in Dresden zu Vorwendezeiten arg eingeschränkt war. Wer unbedingt wollte, fand dennoch Möglichkeiten mit der Welt da draußen eine Beziehung einzugehen. Rockenthusiasten besorgten sich das, was sie zum Überleben brauchten aus teils dubiosen Kanälen, unterhielten gut vernetzte Schallplattentauschzirkel und ergriffen jede sich bietende Gelegenheit, wenigstens innerhalb des Ostblocks in den Genuss seltener Konzertauftritte angloamerikanischer Rockgrößen zu kommen. Der gebürtige Dresdner Jürgen Aufschlager gehörte zu diesen umtriebigen Zeitgenossen, die einiges Geschick darin entwickelten, den real existierenden DDR-Verhältnissen ein Schnippchen zu schlagen. Im Oktober 1985 wurde er in Budapest Zeuge eines Nico-Konzerts im Rahmen jener Osteuropatournee, die in Susanna Nicchiarellis Biopic "Nico, 1988" beleuchtet wird; das Kino im Dach hat den Streifen zu Nicos achtzigstem Geburtstag am 16. Oktober erneut auf dem Spielplan.

Bist du wegen Nico in Budapest gewesen?
Nein, ich war im Urlaub und entdeckte in der Stadt rein zufällig ein einzelnes A5-Plakat. Ich dachte, Nico, der Name sagt dir was. Die Eintrittskarte besorgte mir eine ungarische Freundin.

Wo hat das Konzert stattgefunden?
Im Petôfi Csarnok, einem Jugendklub im vierzehnten Bezirk. Dort konnte ich später noch bei einem, wie sich das nannte, Bandmarathon eine der beiden berühmten ungarischen Undergroundformationen erleben. Entweder Die Rasenden Leichenbeschauer oder A.E. Bizottjag, genau weiß ich das nicht mehr. Und dort ist Nico aufgetreten, die Budapester Neugründung Kampec Dolores im Vorprogramm.

War die Veranstaltung gut besucht?
Soweit ich mich erinnere, ja. Der Abend nahm allerdings einen etwas merkwürdigen Verlauf.

Inwiefern?
Nach der Vorband entstand eine Pause von schätzungsweise einer Stunde. Keyboarder James Young berichtet in seinem Erinnerungsbuch "Songs They Never Play On The Radio. Nico, The Last Bohemian" von Nicos Drogenabhängigkeit damals in den Achtzigern und dass es während der Osteuropatour zu massiven Beschaffungsproblemen kam. Weil sie allesamt Schiss vor den Grenzkontrollen hatten, wollte keiner aus der Tourentourage Stoff einschmuggeln. Entsprechend schwierig dann die Versorgung. In Budapest musste Nico wohl mit einer Packung Kodeintabletten Vorlieb nehmen. Das wusste ich damals natürlich nicht. Ich war überpünktlich am Veranstaltungsort, weil ich fotografieren wollte und schaffte es tatsächlich, mir einen Platz vorn an der Bühne zu sichern. Naja und als es endlich losging, stand Nico direkt vor mir, so dass ich mich erst gar nicht traute zu fotografieren. Es sind dann aber doch zwei, drei passable Bilder entstanden.

Hattest du den Eindruck, dass Nico wegen ihrer Drogenprobleme beeinträchtigt war?
Überhaupt nicht. Sie hat das gesamte Konzert über geraucht und ansonsten eine souveräne Darbietung abgeliefert. Dass da irgendwelche Unsicherheiten gewesen wären, sie den Ton nicht traf, unkonzentriert oder lustlos gewirkt hätte, nicht im Geringsten!

Es war also ein großartiges Konzert, selbst nach heutigen Maßstäben?
Absolut! Gespielt wurde nahezu das komplette, kurz zuvor veröffentlichte Studioalbum "Camera Obscura". Wo Nico etwas Neues versucht gegenüber den Vorgängern, die weder modern noch unmodern waren. "Camera Obscura" war sehr modern. Ich wusste damals wirklich nicht viel über Nico. Mir war bekannt, dass sie Sängerin bei Velvet Underground war, hatte ihre Karriere aber nicht weiterverfolgt. Velvet Underground ohne Nico gefielen mir immer besser. Und jetzt muss man sich vorstellen, ich begeistert von dem Konzert, die Situation emotional aufgeladen. Ich fand Nico auch als Frau attraktiv, sie umgab eine geradezu magische Aura. Sie stand mir gewissermaßen Auge in Auge gegenüber. Manchmal schien es als würde sie mich direkt anschauen, obwohl sie natürlich in die Scheinwerfer schaute und im Saal so gut wie nichts erkennen konnte. Und dann singt sie im letzten Drittel des Konzerts auf Deutsch! Einen der beiden deutschen Songs von "Camera Obscura", ich denke, es war "König", nicht das für Hildegard Knef geschriebene "Lied vom einsamen Mädchen". Ich dachte, das singt sie nur für mich. Plötzlich verstand ich etwas, als Deutscher in Budapest unter lauter Ungarn. Ich konnte es kaum fassen!

Wenn das Konzertprogramm in Budapest überwiegend aus Songs von "Camera Obscura" bestand, müsste das Gesamtklangbild eher ein elektronisches gewesen sein. Das wäre interessant zu wissen, in "Nico, 1988" ist durchgehend eine klassische Rockbesetzung aus Gitarre, Bass, Schlagzeug und Keyboards zu sehen.
Das war ein eher elektronisches Konzert, stimmt. Sie hatte einen Schlagzeuger dabei, der halb auf dem Fußboden saß. Einen zweiten Percussionisten, der elektronisches Schlagwerk spielte. Einen Tablaspieler, der außerdem Synthesizer spielte. Und James Young an Piano und Synthesizern. Und dieser Kontrast zwischen der aufwühlenden Musik und Nicos ruhiger, dunkler Stimme, das traf genau meinen Geschmack.

Ist Nico irgendwann ans Harmonium gewechselt?
Ja, zum Schluss zu unter anderem bei "The End". Dort ist mir ein Foto gelungen, das, so unscharf es ist, für mich großen Erinnerungswert besitzt.
Bernd Gürtler

INFO
Mitte der achtziger Jahre wusste eigentlich kaum jemand etwas Genaues über Nico. Belastbare Fakten kamen erst Anfang der Neunziger ans Licht, dank der exzellent recherchierten Biographie "Nico. Life & Lies Of An Icon" des englischen Rockjournalisten Richard Witts. Erhellend auch zumindest was die achtziger Jahre angeht, James Youngs "Songs They Never Play On The Radio. Nico, The Last Bohemian" (deutsch "Reise in die Finsternis. Die letzten Jahre einer Rocklegende") sowie Susanne Ofteringers preisgekrönter Dokumentarfilm "Nico-Icon". Lesenswert darüber hinaus die Erinnerungen ihres zeitweiligen Lebensgefährten Lutz Graf-Ulbrich alias Lüül. Sein schmales Büchlein "Im Schatten der Mondkönigin" enthält viele unbekannte Fotos und Abdrucke handschriftlicher Briefe, die Nico an ihn geschickt hatte. Zum dreißigsten Todestag im Juli 2018, erschien "Nico. Biographie eines Rätsels" des deutschen Journalisten Tobias Lehmkuhl. Dort zwar akribisch ausgewertet sämtliche verfügbaren Literaturquellen. Sowohl auf verifizierende Interviews als auch eine engere Verknüpfung von Nicos Songkunst mit ihrem angeboren kulturellen Background wurde leider verzichtet. Schade! Die wichtigen Nico-Alben sind "Chelsea Girl", "The Marbel Index", "The End", "Drama Of Exile", "Camera Obscura", "Fata Morgana" (der letzte Konzertauftritt, wenige Tage vor ihrem tragischen Tod auf Ibiza). Zuzüglich des Livedoppelalbums "Behind The Iron Curtain" mit Aufnahmen größtenteils aus dem Jahr 1985, die allerdings nicht wie auf der originalen Vinyledition vermerkt in Warschau, Budapest und Prag entstanden sind sondern in Rotterdam. Aber auch dort grandiose Musik!
Bernd Gürtler

Nico, 1988
16. Oktober Kino im Dach
Lüül 19.10. Pirna, Kunsthof Mocketal im Duo auf "Fremdenzimmer-Tour"