Dresden ist fertig

Review: Deichkind war bei den Filmnächten am Elbufer

Foto: Thomas Natzschka

Das Konzert von Deichkind bei den Filmnächten war eine Show der besonderen Art. Zur Spannung im Vorfeld trug da auch schon die stark nach hinten korrigierte Einlasszeit bei. Der Grund hierfür war, nach Aussage des Veranstalters, in »einer kaputten Lichtanlage, die komplett ab- und wieder neu aufgebaut werden musste« zu suchen. Aber sei es drum. Es sind definitiv andere Eindrücke, die einem, von dem was da kam, in Erinnerung bleiben.

Startschuss für Deichkind war 21.30 Uhr und in den anschließenden 90 Minuten konnte man erleben, was Bühnenshow im Jahr 2017 bedeuten kann. Massive und durchinszenierte Choreografien, eine Vielzahl an Kostümen, rotierende Podeste (so genannte Omnipods), ausgeklügelter Licht- und LED-Einsatz, Nebel, Rauch und allerlei Akteure auf der Bühne, die unzählige weitere Elemente einbrachten. Das Ergebnis: ein sich stetig wandelnder Kosmos aus Sound und Show.

Das Abgefahrene dabei: Man befindet sich eigentlich nicht mehr auf einem Konzert, sondern erlebt das Ganze teilweise wie ein Theaterstück – bombastisch, druckvoll und tanzbar. Bestechend ist auch, wie abgestimmt alles aufeinander ist, farblich ineinandergreift und wie stark alle einzelnen Bühnen- und Kostümelemente ausgereizt, aber nie überstrapaziert werden.

Sicher: Die Shows von Deichkind sind im Laufe der letzten Jahrzehnte kontinuierlich gereift. Diese Band ist eine Marke geworden und die hat ein gewachsenes Corporate Design. Mit dem Tetraeder-Hut als Erkennungsmerkmal, der vom Publikum fast schon sektenartig als Dreiecksgruß mit beiden Händen gen Bühne imitiert wird. Ein kollektives Ereignis, mit irrwitzig vielen Facetten. Und jeder Menge Spaß.

Daher ist es toll zu sehen, dass Elemente früherer Tournee wie das überdimensionale Fass (»Roll das Fass rein«) und die Hüpfburg (»Remmidemmi«) mehr denn je in die Bühnenshow-Konzepte integriert werden. Beeindruckend war ebenso, dass es Deichkind, bei aller Frontalunterhaltung, auch immer wieder schaffen, Showelemente mitten ins Publikum zu tragen. Auf diese Weise entsteht ständig der Eindruck eines Films, dessen Teil man auch selbst ist. Ein Film mit viel Action und Cuts. Und ohne Hänger.

Und manchmal kommt die Frage auf: Wie halten die das eigentlich durch? Spaß, Kontrolle, ausreichender Nachtschlaf, Sport und Ehrgeiz dürften da ein paar (für manchen sicher ernüchternde) Antworten sein. Eine Tournee, die konstant den gefeierten Abriss propagiert, sollte im Kern wohl immer recht nüchtern geplant sein, da der Laden sonst auseinanderfliegt bevor er abhebt.

Unterhaltsam, neben aller Show, war aber auch die Auswahl der Songs, die eine Werkschau aus allen Deichkind-Alben präsentierte. Alte Hits wie »Komm schon«, »Bon Voyage«, »Limit« oder »Voodoo« wurden in neue Gewänder gepackt und können so mühelos mit den Gegenwartswalzen wie »So 'ne Musik«, »Bück dich hoch« oder »Leider geil« konkurrieren. Lässig sind auch die musikalischen Zitate, die beispielsweise bei einem sehr vielschichtigen Song wie »Die Welt ist fertig« einflossen, indem das Thema von Michael Jacksons »Earth Song« eingestreut wurde. Gepaart mit einer klaren politischen Haltung, für die Deichkind schon lange und immer wieder, auch beim gestrigen Konzert, einstehen, werden daraus echte Statements.

Und solche Momente sind es auch, in denen eine andere Facette von Deichkind zutage tritt: die ungeheuerliche Tiefe und die erschreckende Aktualität ihrer Texte. Man kann daher nur mutmaßen wie groß mittlerweile der Anteil jener Menschen im Publikum ist, die eigentlich genau der Grund der unermüdlichen Deichkind-Gesellschafts- und Weltparodie sind, die sie selbst vor der Bühne demonstrativ abfeiern. Aber auch genau davon lebt diese Show. Und zwar wesentlich länger als 90 Minuten.
Thomas Natzschka

Deichkind 28. Juli, Filmnächte am Elbufer